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Amanda Levete

von Katharina Horstmann, 28.10.2009


Recherche und Materialität sind für Amanda Levete besonders wichtig. Die Londoner Architektin und Designerin versucht bei ihren Projekten, Geometrien zu erkunden und die Grenzen der Materialien zu testen. Im März 2009 eröffnete die frühere Partnerin des legendären Architekturbüros Future Systems ihr eigenes Studio und entwickelt zurzeit ein neues Bürohauptgebäude in London, ein Einkaufszentrum in Bangkok, in Zusammenarbeit mit dem Künstler Anish Kapoor eine U-Bahn-Station in Neapel sowie eine neue Möbelserie für den britischen Hersteller Established & Sons. Wir trafen die Architektin in ihrem neuen Büro in Notting Hill und sprachen mit ihr über die Manipulation von Materialien, was sie am Design reizt und wie aus Wellen Badezimmer entstehen können.



Frau Levete, Sie zählen zu den derzeit einflussreichsten Architektinnen Londons und haben sich mit Möbeln für das britische Unternehmen Established & Sons auch in der Designwelt einen Namen gemacht. Was fasziniert Sie an dem Thema Design?

Der kleinere Maßstab. Wenn du in einer kleineren Größenordnung arbeitest, kannst du viel experimenteller sein und viel freier arbeiten. Es gibt einfach nicht die Einschränkungen, die ein Gebäude mit sich bringt. Natürlich ist auch das sehr spannend, doch es benötigt viel mehr Zeit.

In diesem Jahr haben Sie eine Installation aus Corian gestaltet, die Sie zuerst während der Mailänder Möbelmesse und später während des London Design Festivals 2009 gezeigt haben. Was hat es mit dieser Arbeit auf sich?

Jedes Jahr beauftragt der Hersteller DuPont einen Architekten oder Designer, Corian neu zu interpretieren, um auszutesten, was mit dem Material alles gemacht werden kann. Mitte, Ende letzten Jahres wurden wir aufgefordert, Teil dieses Projektes zu werden.

Wurde Ihnen ein Thema gegeben?

Ja, unser Thema war „Transition“, also Übergang, und Flughafen-Lounges. An sich ist das Thema durchaus interessant und hat Potenzial und trotzdem war es mir wichtig, es nicht wortwörtlich zu nehmen. Schließlich ist die Idee, eine Flughafen-Lounge zu reproduzieren, nicht interessant. Für uns war es einfach eine Möglichkeit, zu sehen, wie weit wir das Material manipulieren und über sein normales Nutzen hinausbringen können. Es war eine Art Recherche.

Haben Sie vorher schon mit dem Material gearbeitet?

Vor ein paar Jahren haben wir eine Installation für das London Design Festival entworfen – „Size & Matter“ –, für die wir Corian verwendet haben. Die Idee war die der Repetition eines Motivs. Es war eine Möglichkeit, visuelle Komplexität durch Wiederholung zu erzeugen. Corian wird normalerweise für Oberfläche oder auch als Verkleidung benutzt. Es wird einfach auf eine Fläche montiert, doch es bietet durch seine plastische Eigenart viel mehr Möglichkeiten: Es ist wie Holz, du kannst es thermisch formen, furnieren, formpressen oder schnitzen.
Als wir mit dem Projekt für DuPont angefangen haben, war das am Anfang der Rezession. Deswegen wollten wir etwas machen, das nichts verschwendet und Standardkomponenten verwenden. Wir wollten einen maximalen Effekt mit minimalen Mitteln erzielen. Und so entstand die Idee der Wiederholung und des Hohlraums. Letzterer wurde genauso wichtig wie der feste Körper, denn durch den Hohlraum konnte der Effekt verstärkt werden. Wir begannen, auf digitalem Weg zu erforschen, wie eine flache Platte in etwas deformiert werden kann, das interessanter ist und die Eigenschaften des Materials hervorhebt. Die Idee war die Deformation, aber ohne das ganze Geld in vielfache Gussformen zu investieren, was sehr teuer geworden wäre.

Sie wollten also Standardkomponenten verwenden, um keine unnötigen Gussformen anfertigen zu müssen?

Es stellte sich die Frage, wie wir etwas fabrizieren können, das eine vielseitige Erfahrung bietet, jedoch nur aus einem Stück oder einer Form besteht? So haben wir haben einerseits den Weg für die Gestaltung der Installation entworfen und andererseits die Form mit der das Corian gepresst wird. Diese ist sehr simpel. Sie ist kann angepasst und auf jedem Stück Corian platziert werden. Dieses wird dann erhitzt und nimmt die Gestalt der Form an. Somit kann man die Form unendlich vervielfältigen und sie immer wieder neu anpassen. Durch die Wiederholung und die neuerlichen Anpassung konnten wir sehr komplexe Ansichten gestalten. Die Wirkung ist flüchtig, weil sie sich aus den verschiedenen Perspektiven immer wieder verändert. Wir haben ein Hochhaus in Bangkok entworfen, dessen Prinzip ganz ähnlich ist: Die Fassade hat identische Platten, die in verschiedenen Winkeln montiert worden sind, um diesen komplexen Effekt zu erhalten. Es gibt Themen in der Architektur, auf die wir mit der Installation anspielen wollten. Außerdem haben wir Licht benutzt, um die Kontraste hervorzuheben, die Unterschiede hervorzuheben und mit dem Vorder- und Hintergrund zu spielen.

Diese Recherche haben Sie dann weiter zu Räumen entwickelt?

Wir haben uns überlegt, wie unsere recht konzeptionelle Idee in einem Badezimmer aussehen könnte. Oder auch in einer Küche. Schließlich sind das die Räume, in denen Corian vorrangig benutzt wird. Unsere Umsetzung war sehr abstrakt und nicht dazu gedacht, das Badezimmer der Zukunft zu sein, sondern zu zeigen, wie unsere Recherche sich weiter entwickeln ließe. Was wirklich spannend war, abgesehen von den erzielten visuellen Effekten, war ein wirklich neues Verständnis für das Material; nicht nur neu für uns, sondern auch für den Hersteller, mit dem wir sehr eng zusammen gearbeitet haben: Wenn du Corian biegst und verdrehst, wird es sehr fest und sehr stark und ist somit selbsttragend.

Wie würden Sie die Schnittstelle zwischen solch einer Installation und ihren Projekten in der Architektur beschreiben?

Architektur ist das, was wir wirklich machen. Was an einem Projekt wie der Installation interessant ist, ist der konzeptionelle Charakter. Es ist keine Architektur; es ist auch kein Produkt, und trotzdem ist es für uns besonders wichtig, weil es uns erlaubt, auf einem abstrakten Niveau zu forschen. Es schränkt weniger ein, lässt dich Geometrien erkunden und die Essenz eines Materials verstehen.
Das gilt auch für die Möbel. Die Stücke, die ich für Established & Sons entworfen habe, insbesondere die Drift-Serie , bestehen jeweils aus einem anderen Material, von Marmor und Holz bis zu Corian und Fiberglas.

Sie waren 20 Jahre Partnerin im legendären Architekturbüro Future Systems, haben aber Anfang dieses Jahres Ihr eigenes Büro, Amanda Levete Architects, eröffnet. Wie würden Sie Ihre Entwicklung der letzten Jahre beschreiben?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ich denke, die Recherche steht bei jedem Projekt im Vordergrund. Ob das ein kleines Stück Möbel oder ein großes Stück Architektur. Außerdem interessiert mich zurzeit besonders die Materialität. Ein Projekt, das wir vor kurzem fertig gestellt haben, ist „Hills Place“ in der Nähe der Londoner Oxford Street, für das wir eine Fassade aus Aluminium gestaltet haben. Auch dieses Gebäude baut auf der Idee der sich wiederholenden Standardkomponente auf – mit einem unerwarteten Resultat.

Vor wenigen Jahren haben Sie in Zusammenarbeit mit dem Künstler Anish Kapoor eine U-Bahn-Station in Neapel entworfen. Was hat es mit diesem Projekt auf sich?

Es war ein direkter Auftrag. Anish Kapoor wurde eingeladen und fragte mich, ob ich mitmachen wolle. Die Station ähnelt einem Paar organischer Tropfen – der eine besteht aus verrostetem Stahl und der andere aus poliertem Metall – die die Rolltreppen verschlucken. Die beiden Eingänge wiederum wirken so, als würden sie sich in die Erde zurückziehen und beziehen sich auf die Ästhetik als auch den sozialen Verlust im Süden. Denn Neapel ist reich in seiner Geschichte, aber in der Gegend, in der sich die U-Bahn-Station befindet, findet sich nur sehr wenig von dem Reichtum.

Wie ist es, mit einem Künstler zusammen zu arbeiten?

Ein Künstler arbeitet anders. Seine Art zu arbeiten und die Welt anzusehen, ist einzigartiger. Bei einer echten Kooperation zwischen einem Künstler und einem Architekten kann die ewig bestehende Spannung zwischen Kunst und Architektur und zwischen Form und Funktion viel besser ausgedrückt werden. Ich hoffe, dass in gewisser Weise die U-Bahnstation „Monte St. Angelo“ – ein Projekt, an dem wir jetzt schon fast sechs Jahre gearbeitet haben und das endlich gebaut wird – diese Spannungen ausdrücken wird.

Vielen Dank für das Gespräch.
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