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Cristina Celestino

„Ein Interieur darf nicht wie ein Showroom aussehen.“

Cristina Celestino kreiert Atmosphäre. Die Mailänder Gestalterin entwirft Einrichtungsobjekte für Fendi, CC-Tapis, Gebrüder Thonet Vienna oder ihr eigenes Label Attico Design. Sie gestaltet Interieurs für die Boutiquen von Sergio Rossi oder die Cocktailbar im Hotel Il Palazzo Experimental in Venedig. An der Amalfiküste wurde Mitte Juli ihr jüngstes Projekt fertigstellt: die Erweiterung des Hotels Palazzo Avino. Ein Gespräch über Farben, Wärme und gelebte Zeit.  

von Norman Kietzmann, 20.07.2020

Wie wurde Dein Interesse am Design geweckt? Ich habe Architektur studiert. Zum Design bin ich erst später über das Sammeln von modernen Möbeln und Einrichtungsobjekten gekommen. Dann habe ich begonnen, Dinge für meine eigenen Interieurprojekte zu entwerfen. Nachdem ich 2012 am Salone Satellite teilgenommen hatte, begann die Zusammenarbeit mit Firmen an seriellen Produkten. Als Architektin gefällt es mir mehr, Interieurs zu gestalten als über einzelne Produkte nachzudenken. Meine Herangehensweise an ein Produkt ist so ähnlich wie bei einem Interieur. Ich schaue mir nie ein Produkt einzeln, sondern immer im Kontext des Raumes an.

Worin liegt das Geheimnis eines guten Interieurs? Für mich ist es wichtig, dass es einen Sinn für die Zeit gibt. Ob in einem Zuhause oder wie hier in meinem Büro: Historische Entwürfe treffen mit neuen Stücken zusammen. Es obliegt der Intuition der Architekten, dass alles gut miteinander funktioniert, auch wenn es aus verschiedenen Zeiten stammt und von verschiedenen Personen gestaltet wurde. Ein Interieur darf nicht wie ein Showroom aussehen, wo alle neuen Stücke nebeneinander stehen: perfekt, hell, glänzend. Das wirkt künstlich und aufgesetzt. Selbst wenn alles neu entworfen und produziert wurde, braucht es ein Gespür für die gelebte Zeit.  

Es geht um einen Ausgleich? Ja, dekorative Stücke treffen auf geradlinigere und umgekehrt. Es ist ein Spiel von verschiedenen Materialien, Formen und Farben. Die Farben geben einem Ambiente eine Textur, auch wenn dieser Ort vollkommen neu ist. Auch wirken Räume persönlicher, selbst wenn sie wie bei einem Hotel oder einer Boutique öffentlich zugänglich sind. Es darf nicht alles gleich sein. Darin liegt der größte Fehler bei der Inneneinrichtung.

Wie gehst Du an ein Projekt heran? Natürlich gibt es die Wünsche der Kunden. Parallel muss man eine Geschichte finden, die man mit diesem Projekt erzählen möchte. Das kann der Ort sein, an dem sich ein Gebäude befindet. Oder es kann das Gebäude selbst sein. Auch Einflüsse aus der Welt der Botanik oder der Mode gehören dazu. Das erzeugt eine Serie von Referenzen auf Ebene der Formen, Farben, Materialien, aber ebenso der Historie. Am schönsten ist für mich, wenn ich die Freiheit bekomme, an den Raum zu denken und auch die Produkte eigens für diesen Ort nach Maß anfertigen zu lassen. Dadurch entsteht eine vollständige Geschichte.

Mitte Juli ist das Hotel Palazzo Avino an der Amalfiküste um einen Palazzo mit sieben Zimmern erweitert worden. Erzähle uns mehr über dieses Projekt. An der Amalfiküste gibt es diese schönen, historischen Gärten, die hoch oben auf den Felsen angelegt und zum Meer ausgerichtet sind. Mir gefällt dieses Thema der menschengemachten Natur mit klarer Geometrie und Ordnung. Diese formalen Gärten kamen in Italien in der späten Renaissance in Mode. Sie wurden als Bühnen für ein soziales Leben entworfen und dienten nicht nur der eignen Kontemplation. Meine Idee war es, diese mediterranen Gärten ins Innere des Palazzos zu bringen, der im 17. Jahrhundert erbaut wurde.

Wie ist das gelungen? Indem wir die Böden mit Tonfliesen ausgelegt haben. Ich arbeite seit vier Jahren als Artdirektorin für den Hersteller Fornace Brioni aus Mantua. Für ihn habe ich die Kollektion Giardino all´Italiana entworfen, bei der es darum ging, andere Farben einzubringen als den typischen Terrakottaton. Ich wollte das Material vom Rustikalen befreien und ihm eine zeitgenössische Note geben. Die Geometrie dieser farbigen Fliesen lässt an die Formen der historischen Gärten denken. Und dann gibt es kleine Themen, die vom Meer erzählen wie die korallroten Türgriffe oder Verzierungen in Perlmutt. Auch haben wir die Teppiche eigens entworfen und von CC-Tapis auf Maß fertigen lassen. Sie sind aus Leinen und Seide hergestellt und zeigen stark vergrößerte Blüten, die typisch für die Vegetation der Amalfi-Küste sind.

Welche Rolle spielen die Farben? Es war ein Wunsch des Kunden, dass das Interieur beinahe weiß ist. Dunklere Farben sollten vermieden werden. Ich denke, das ist auch richtig für ein Haus nah am Meer. Dennoch wollte ich das Weiß aufwärmen mit einer Palette von drei Farben: Korallrot, Sand und Aquamarin. Die Zimmer sind jeweils in einer Farbe gehalten, die wir nach der Größe und dem Licht angepasst haben. In den größeren Zimmern haben wir Korallrot verwendet, das etwas dunkler ist als die Farben in den kleineren Zimmern. Ich würde hieraus aber keine Regel machen und sagen, dass für einen großen Raum mehr Farbe und für einen kleinen Raum weniger Farbe besser sind. Es hängt sehr stark vom Lichteinfall sowie von der Höhe der Decken ab.

Erzählen Farben eine Geschichte? Für mich ja! Zusammen mit den Materialien. Denn Farben verändern sich, je nachdem ob die Oberflächen glänzend oder matt sind. Wir arbeiten bei unseren Projekten am Anfang sehr viel mit Renderings, um die Zusammenstellung der Materialien zu verstehen und wie die Farben im Raum funktionieren. Mir gefällt es, mit Farben ohne Voreingenommenheit zu spielen. Doch es gibt natürlich auch Favoriten: Rosa und Pinktöne sind immer dabei, die auch in Richtung Terrakotta gehen können. Diese Farben sind für mich so normal, dass sie beinahe neutral sind. Gio Ponti und Luigi Caccia Dominioni haben diese Töne übrigens auch benutzt. Sie kreieren eine Atmosphäre des Wohlbefindens. 

Welche anderen Designer und Architekten haben Dich beeinflusst? Das hängt immer vom jeweiligen Projekt ab. Es gibt Dinge von Ettore Sottsass, die mir sehr gefallen. Wenn ich an Leuchten denke, dann sicher an Entwürfe von Gino Sarfatti. Die Möbel von Paolo Buffa aus den Vierzigerjahren sind für mich sehr zeitgemäß, weil sie helfen, Räumen Wärme zu geben. Bei Inneneinrichtungen gefallen mir vor allem die Arbeiten von Adolf Loos wegen des Einsatzes von farbigem Marmor und der Kombination von unterschiedlichen Materialien.

Wie funktioniert die Arbeit hier im Deinem Büro? Wir sind zu viert. Jeder übernimmt Aufgaben aus allen Bereichen, von der Inneneinrichtungen zu den Produkten. Dazu kommt die Artdirektion für die Fornace Brioni sowie den Möbelhersteller Billiani, der vor allem den Contract-Bereich beliefert. Hier kümmern wir uns um alles: die Auswahl der Stoffe und Materialien, den Katalog bis hin zur Location für die Fotoaufnahmen. Für den diesjährigen Katalog haben wir alle bestehenden Produkte sowie einige neue Entwürfe von mir in drei historischen Gebäuden in Ljubljana fotografiert: Für die etwas verspielteren Möbel haben wir die Turnhalle von Ivan Vurnik (1923-1926 ) verwendet. Einen etwas formaleren Stuhl haben wir in der Nationalbibliothek (1930-1941) von Jože Plečnik abgelichtet und die wohnlicheren Möbel im Wohnhaus von Jože Plečnik aufgenommen. Es ist schön, diese Objekte in einem ungewohnten Kontext zu sehen, der zugleich als Schlüssel ihrer Interpretation funktioniert. 

Woran arbeitest Du gerade? Wir denken natürlich schon an den Salone del Mobile 2021, weil mehrere Projekte verschoben wurden und gerade pausieren. Die übrige Zeit nutzen wir für Dinge, für die in den letzten Jahren keine Zeit war: die Produktion von meinem eigenen Label Attico Design auszubauen und Dinge, die wir für Kunden maßgefertigt haben, vielleicht in einer Kleinserie aufzulegen. Dafür machen wir gerade viel Recherche mit unseren Zulieferern. Und dann steht noch der Ausbau des Studios an. Wir sind hier erst im Februar eingezogen. Dann kam das Coronavirus und der Lockdown. Insofern ist alles noch in Arbeit.

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Cristina Celestino, Foto: © cc-tapis

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