Menschen

Die Grenzgängerin

Ein Gespräch mit der 3D-Designerin Julia Koerner

Mit ihrem kreativen Beitrag gewann der Film Black Panther einen Oscar für das beste Kostümdesign. Sie arbeitete mit Gestaltergrößen wie Ross Lovegrove und Greg Lynn und kooperiert mit Unternehmen wie Lexus, Swarovski oder Bulthaup. Julia Koerner ist vielseitig. Spezialisiert auf 3D-Druck, bewegt sich die ausgebildete Architektin nicht nur zwischen der digitalen und der realen Welt, sondern auch zwischen Forschung, Lehre und Selbstständigkeit.

von Nina C. Müller, 14.10.2020

Ausgebildet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und der Architectural Association in London, lebt und arbeitet Julia Koerner heute in Österreich und den USA. In Salzburg leitet sie das Studio JK Design. In Los Angeles, an der Universität von Kalifornien, unterrichtet sie Architektur. Fasziniert von organischen Formen und natürlichen Phänomenen, entwickelt sie mit 3D-Fertigungsverfahren innovative Materialien und Objekte, die bereits in Museen wie dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Art Institute of Chicago oder dem Palais des Beaux Arts in Brüssel ausgestellt wurden. Eigentlich aber möchte die Salzburgerin ihre Konzepte, die technologische Innovation, ressourcenschonende Produktionsverfahren und Ästhetik vereinen, aus dem Ausstellungsraum herausholen. Und zukunftsweisende Produktionswege für Mode und Architektur aufzeigen.

Du bist eigentlich Architektin. Wie kamst Du zur Mode?
Über die letzten 15 Jahre habe ich mich vermehrt mit Produkt- und Modedesign auseinandergesetzt, weil ich durch den 3D-Druck die Chance hatte, Dinge in kleinerem Maßstab zu realisieren, die im Großen vielleicht noch gar nicht möglich waren. Die Bauformen von 3D-Druck-Maschinen sind noch zu klein. Es gibt zwar auch große Drucker in der Architektur. Diese ermöglichen mir aber nicht die gewünschte Komplexität und Geometrie. So hat sich der menschliche Körper über die letzten Jahre als mein Bauplatz herausgestellt. Ich fing an, die Mode, sprich diese zweite Haut oder diesen Raum, der uns direkt umgibt, als spannende Plattform zu sehen.

In Deiner Arbeit nutzt Du modernste Computertechnologie. Du greifst aber oft auf organische Formen zurück. Wie kommt das?
Ich liebe die Natur. Meine Mutter ist Biologin. Und die Pflanzen- und Tierwelt sowie die Anatomie des Menschen haben mich schon immer fasziniert. Die organische Formensprache liegt uns sehr nahe. Immerhin werden die schönsten Formen von der Natur geschaffen – meist sogar aus nur einem einzigen Material. Dass eine Pflanze aus einem Material wächst, das sich zu unterschiedlichen Strukturen versteift, verdichtet oder verändert, um etwa eine komplexe Tragkonstruktion zu formieren, finde ich extrem spannend. Dieses Verfahren steht dem 3D-Druck sehr nahe, weil man auch hier in Schichten aus einem Material aufbaut und damit die Geometrien kontrolliert. Da ist die Verbindung zwischen den organischen und den synthetischen Prozessen.

Der Film Black Panther von Regisseur Ryan Coogler erhielt 2019 in drei Kategorien den Oscar – einer davon für das beste Kostümdesign. Hierfür hast Du einen wesentlichen Beitrag geliefert. Wie kam es zu dieser Kooperation?
Die Kostümbildnerin Ruth E. Carter hatte meine Arbeiten auf den Pariser Modewochen gesehen und war fasziniert von den Möglichkeiten des 3D-Drucks. Zusammen mit Coogler hatte sie dann die Idee, dass das königliche Outfit von Queen Ramonda wie die fiktive afrikanische Stadt Wakanda, in der der Film spielt, für technologischen Fortschritt stehen sollte. So kamen wir über einen gemeinsamen Bekannten in Kontakt. Ich wusste aber bis dato nicht, dass es um Black Panther ging oder die Produktionsfirma Marvel dahinterstand. Ich entwarf also mit Carter Schultercape und Krone. Später passte ich das Kostüm an die Maße der Schauspielerin an. Und erst zwei Monate bevor der Film in die Kinos kam, wurde mir die Bedeutung des Projekts bewusst. Ab da war die Erwartung natürlich groß, dass Ruth Carter einen Oscar gewinnt. Sie wurde nominiert und bat mich, ihr für die Oscar-Verleihung eine 3D-Stola zu entwerfen, die sie dort auch trug.

Mit welchen Technologien und Materialien arbeitest Du hauptsächlich?
Ich habe schon mit vielen Technologien gearbeitet. Bei Black Panther kam das selektive Lasersintern (SLS) zum Einsatz, ein Druckverfahren, bei dem ein Pulver in Schichten von einem Laser zusammengeschmolzen wird. Es ist wie in einem archäologischen Prozess, bei dem man am Ende die Form förmlich ausgräbt. Mit dieser Technologie kann man flexible, sehr filigrane Designs kreieren. Außerdem arbeite ich mit der Stereolithographie (SLA), bei der man flüssiges Harz mit einem Laser verschmilzt und härtet. Ich nutzte sie für ein Kleid der Kollektion Hybrid Holism, das ich 2012 mit Iris van Herpen und Materialise realisierte und auch für ein Korsett, das ich 2015 mit der Modedesignerin Marina Hoermanseder umsetzte. In letzter Zeit habe ich auch oft mit einer ganz neuen Technologie des amerikanisch-israelischen Unternehmen Stratasys experimentiert, die es erlaubt, mehrfarbig auf Stoff zu drucken. Man sieht das Ergebnis in der Setae Jacket, deren Name sich von den kleinen Härchen und Schuppen auf Schmetterlingsflügeln ableitet.

Damit imitiert dieses Kleidungsstück die mikroskopischen Strukturen von Schmetterlingsflügeln, die vor allem in Bewegung effektvolle Muster erzeugen. Wie entstand dieses neuartige Material?
Ich nahm mir dafür die Madagaskar-Sonnenuntergangs-Motte vor und fotografierte ihre Flügel. Die Mikropixel der Fotos wandelte ich dann mit einem Algorithmus um, der es ermöglicht, die vielfarbigen Bildpunkte in ein 3D-Borstenmuster zu übersetzen, das der Form des Kleidungsstücks entspricht. Wir haben direkt auf weißen Jeansstoff gedruckt. Das Tolle ist, meine Designs ermöglichen eine wasserfreie Produktion. Ich entwickelte die Geometrie so, dass kein Stützmaterial gedruckt werden muss, das man normalerweise bei Übergängen und komplexen Formen wegwaschen müsste. Es ist also wirklich nur das nötigste Material vorhanden. Die Setae Jacke war im Philadelphia Museum of Art ausgestellt und geht als nächstes ins Walker Art Center. Vor Kurzem waren ihre Muster und die der neuen Arid Kollektion auch bei State Studio in Berlin waren die neuesten Muster zu sehen. Und das noch bevor das neue Projekt überhaupt fertiggestellt war. Das war eine Möglichkeit, zu zeigen, wie die Forschung im Prozess aussieht.

Spielt hier Nachhaltigkeit eine Rolle?
Ja, der Gedanke geht in diese Richtung. Ich möchte zeigen, dass man mit 3D-Druck Entwürfe in vielen Farben produzieren kann, die keinen Färbeprozess brauchen, die aber auch eine ganz neue Ästhetik erzeugen. Mir ist wichtig zu demonstrieren, was der 3D-Druck der Modewelt für die Zukunft bedeuten kann. Digitales Design bietet so viele Möglichkeiten in Sachen Personalisierung oder Mass Customization, also die Verknüpfung von Massenproduktion mit individuellen Kundenanforderungen. Ich denke aber beispielsweise auch an die Reduktion des CO2-Fußabdrucks, der durch den Versand entsteht. Denn ich kann meine digitalen Designs überall in die Welt schicken, wo ein 3D-Drucker steht, und sie dort ausdrucken. Dann müssen Produkte nicht mehr um die halbe Erde geflogen werden, um zu den Konsumenten zu kommen. Ebenso könnte man on demand herstellen, also nur so viel produzieren, wie auch tatsächlich gekauft wird. Wenn man sich anschaut, welche unverkauften Überschüsse in der Modeindustrie jährlich eliminiert werden, spielt das künftig eine große Rolle.

Wo siehst Du Dich in Zukunft, in der Architektur oder in der Mode?
Ich sehe mich selbst als Architektin in unterschiedlichen Maßstäben. Und ich glaube, dass es viel im digitalen Designbereich gibt, von dem die Architektur etwas lernen kann. Kann man etwa digitale Fertigungsmethoden oder Ansätze der Mode wie eine Herstellung on demand oder Mass Customization auf die Architektur übertragen? Wie lassen sie sich in Form von modularen Designs oder Präfabrikation umsetzen? Wie kann man Komponenten der Architektur als Produkte betrachten? Aber es geht auch darum, wie wir Architekten uns neu definieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln können. Für mich sind diese zwei Welten sehr stark miteinander vernetzt. Ich sehe und denke Architektur nicht im herkömmlichen Sinn, in dem es ausschließlich um Gebäude geht. In Europa mache ich die Erfahrung, dass man gerne in Kategorien denkt. Da werde ich immer gefragt: Bist du Architektin oder Modedesignerin oder Produktdesignerin? In den USA ist das anders. Hier bin ich designer. Ich kreiere in den unterschiedlichsten Größen und Maßstäben. Und für mich ist alles eine Welt, in der ich mir meine Nische geschaffen habe.

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Links

Julia Koerner

www.juliakoerner.com

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