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„Es ist toll, wenn ein Haus ein Abenteuer bleibt“

Interview mit Thomas Kröger

Mit Neu- und Umbauten in der Uckermark hat sich der Berliner Architekt Thomas Kröger einen Namen gemacht. Im Interview spricht er über den Kontakt zur Natur, Inspirationen aus dem Bootsbau und seine Selbsterfahrung als Bauherr.

von Judith Jenner, 22.08.2022

Die Uckermark ist für viele Berliner*innen ein Sehnsuchtsort. Dünn besiedelt, mit wilder Natur und vielen Seen erscheint der Landstrich wie ein diametraler Gegensatz zur vollen Großstadt. Thomas Kröger hat die Region schon als Student auf langen Radtouren für sich entdeckt. 2012 baute er dort ein erstes Ferienhaus, es folgten sechs weitere. Allen gemein sind regionale Handwerkskunst, ein enger Bezug zur Natur sowie der Mut zu neuen Wohnkonzepten. Auch wenn sich der Architekt und sein 25-köpfiges Team heute überwiegend mit dem Bau von Schulen, Wohn- und Bürogebäuden sowie städtischer Nachverdichtung beschäftigen, handelt es sich bei den Häusern in der Uckermark um Herzensprojekte. Großen gestalterischen Wert legt Thomas Kröger dabei entgegen des Flachdachdiktats der Bauhausbewegung auf die Gestaltung von Ziegel-Dächern – und stellt damit wieder einen regionalen Bezug her.

Sie haben in der Uckermark sieben Häuser inklusive Ihres eigenen gebaut. Wie kam es zu dieser Spezialisierung und war das irgendwie geplant?
Das war überhaupt nicht geplant, aber für das Büro ist es eine ganz tolle Nische. Über diese Häuser hat man uns erstmals überhaupt wahrgenommen und einen neuen Kontext für die Dächer geschaffen, die mit diesen Häusern einhergingen. Auch wenn es aufwendige Projekte sind, ist es immer ganz toll, in der Uckermark zu sein. Am vergangenen Wochenende war ich beim Tag der offenen Gärten draußen. Da passiert momentan sehr viel.

In welche Richtung geht die Landschaftsarchitektur?
Zum einen geht es darum, welche heimischen Pflanzen den Veränderungen des Klimas und der Versteppung des Nordens Brandenburgs standhalten. Gerade die Hitze in diesem Sommer bringt uns ins Grübeln, ob es wirklich nur um einen schönen Garten geht oder ob man einen Übergang schafft für die Insektenwelt mit einer neuen Art von Pflanzen. Zum anderen überlegt man, welche ausländischen Gewächse gut mit den heißen, trockenen Sommern und kalten Wintern zurechtkommen könnten.

Beeinflusst der Klimawandel auch die Planung Ihrer Häuser in der Uckermark?
Wir haben bisher eher intuitiv mit sehr viel Holz gearbeitet. Seit drei Jahren etwa verfolgen wir auch bewusst einen klimarelevanten Planungsansatz. Bei den Landhäusern kommt das beinahe automatisch. In der Stadt ist es aber fast wichtiger.

Das Landleben haben viele Städter während der Pandemie mehr zu schätzen gelernt. Werden Sie von Anfragen überschüttet?
Wir bekommen tatsächlich jede Woche Anfragen und führen eine Warteliste. Seit der Pandemie wollen viele ausbrechen aus der Enge der Stadt und insbesondere den Kindern eine Ablenkung bieten. Zugleich tut sich auch etwas auf dem Land. In Templin gibt es beispielsweise bald eine internationale Schule. Dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten für Städter. Zugleich muss man speziell im nordöstlichen Teil Brandenburgs schauen, dass niemand überrollt oder abgehängt wird. In den Ortschaften wird durchaus diskutiert, wie man mit einem sozialen Gefüge oder Gefälle umgeht.

Was können Sie als Architekt dazu beitragen?
Wir versuchen, mit unseren Entwürfen sehr kontextuell zu arbeiten, indem die Hausform zum Beispiel Verwandtschaften zeigt mit dem, was da ist. Zur Durchmischung können wir wenig beitragen, aber zum gegenseitigen Verständnis, indem wir sagen: Hier entsteht etwas aus lokalen Ressourcen. Auch aufgrund von Klimaaspekten ist es unser Ziel, möglichst viele Materialien aus dem Umland zu beziehen.

Was sind das für Materialien?
Wir arbeiten viel mit Holz, aber auch mit Keramik aus regionalen Manufakturen sowie mit Ziegeln. Auch das Maurergewerk spielt eine wichtige Rolle.

Sind Ihre Bauherr*innen überwiegend Stadtmenschen?
Tatsächlich sind es überwiegend Berliner, die entweder partiell oder ganz in der Uckermark leben und arbeiten wollen. Einer ist zum Beispiel ein Tischler, der dort hingezogen ist und auch Leute aus der Region bei sich beschäftigt. Jetzt haben wir erstmals auch einen Uckermärker Bauherrn: In Prenzlau planen wir momentan ein ganzheitliches Physiotherapiezentrum mit Schwimmbad und Sporthalle. Es entsteht mit den Vorzügen eines Landhauses, einem großen Gartenanteil und auch Wohnungen. Dabei ließen wir uns von einem südfranzösischen Kloster und seinen Kreuzgängen inspirieren.

Was macht für Sie den Reiz der Uckermark aus?
Ich bin dort tatsächlich schon als Student hingefahren und habe den Radius immer erweitert. In dieser kleinteiligen Endmoränen-Landschaft mit dem endlosen Himmel konnte man einfach verloren gehen, auch weil die Gegend so dünn besiedelt ist. Die Veränderungen der Jahreszeiten spürt man sehr intensiv in dieser Region.

Beeinflusst diese Naturerfahrung auch Ihre städtischen Projekte?
Das sind zwei Paar Schuhe. Wenn es um Wohnungsbau geht, ist eher der Raumplan wichtig. Es geht um die Fragen: Welches Leben lebt man in der Stadt, welches auf dem Land? Wir versuchen jeweils, das eine oder andere zu unterstützen.

Sie haben für sich selbst ein Bauernhaus in der Uckermark umgebaut. Beim Haus in den Söllen hatten Sie quasi freie Hand und keinen nervigen Bauherrn im Nacken.
Na ja, ich selbst bin ein ziemlich unerträglicher Bauherr. Zum Glück war es kein Neu-, sondern ein Umbau. Dadurch waren die Möglichkeiten begrenzt. Die Fördermittel, die ich dafür erhalten habe, verpflichten mich, es zwölf Jahre der touristischen Nutzung zu überlassen. So konnte ich mich etwas distanzieren. Durch das Projekt habe ich ein besseres Verständnis für meine Bauherrn bekommen und dafür, wie man manche Dinge vermitteln muss. Es blieb mir nichts erspart, aber wenn es fertig ist, ist es wunderbar.

Was war für Sie das Wichtigste beim Haus in den Söllen?
Für mich war das Wichtigste der Naturbezug. Das Haus liegt sehr speziell, weil es einen kleinen Garten nach Norden hat. Nach Süden ist das Feld einfach offen. Es hat 15 Hektar Blühwiese, die mir der Bauer eingerichtet hat, dem ich das Haus abkaufte. Darüber habe ich mich wahnsinnig gefreut. Ursprünglich war das Haus für Vieh und Bauer gebaut. Da nur das Wohnhaus unterkellert war, gab es zwei Niveaus, mit denen ich spielen konnte. Ich fand es wichtig, dass es einen großen Raum gibt, in dem alle zusammenkommen und sich von dort aus wieder verteilen und zurückziehen können. Das Bauernhaus, aus dem ich das Haus in den Söllen entwickelt habe, habe ich bereits im Winter 2012 gekauft und dann ganz lange liegen gelassen. Im gleichen Jahr bin ich nach China gereist und habe dabei auf einem Mini-Zettel den Grundriss entwickelt. Genauso ist es dann auch geworden, als ich 2020 angefangen habe, zu bauen.

In Österreich oder der Schweiz scheint die Rückbesinnung auf traditionelle Materialien und Baustile ein großes Thema zu sein, in Deutschland eher nicht. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
Wir sind hier sehr durch die Bauindustrie limitiert. Diese Unabhängigkeit der Österreicher und ihr viel stärkerer Bezug zum Holz bringen eine andere Denkweise und Schönheit mit sich. Mit Holz zu bauen, haben sich die Architektinnen und Architekten dort viel stärker zu eigen gemacht und dann transformiert – man denke nur an Hermann Kaufmann. Hier fehlt uns Architektinnen und Architekten die Unterstützung von Gewerken und Unternehmen. In der Uckermark haben wir Glück, da wir über die Baudenkmalpflege in Prenzlau gute Gewerke haben. Damit sind wir unabhängig von der Industrienorm. Wir haben sogar noch einen Fensterbauer gefunden, mit dem wir selbst Rahmen entwickeln können. Ich denke, wir sollten dringlich daran arbeiten, Dinge wieder zu vereinfachen.

Die Innenräume Ihrer Projekte erscheinen immer sehr sorgfältig durchgeplant. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich denke, dass Räume, die einen raumbildenden Ausbau mit sich bringen, anders benutzt werden können. Man kommt mehr zu sich. Der Raum dient einem mehr, als wenn er erst mit Möbeln ausgestattet wird, die wiederum eine eigene Sprache mitbringen. Ich bin mit Segelbooten groß geworden. Deren funktionaler, raumbildender Ausbau, ihre Haptik und Sinnlichkeit haben mich sehr geprägt.

Was muss ein Ferienhaus aus architektonischer Sicht mitbringen?
Das kommt stark auf den Ort an. Wichtig ist ein Gleichgewicht zwischen dem Einfügen in eine Landschaft einerseits und andererseits nicht in mittelmäßiger Bescheidenheit steckenzubleiben. Wir hatten für den Pavillon in Pinnow ein Grundstück, das sehr speziell war, ohne unmittelbare Nachbarn. An einem solchen Ort kann etwas entstehen, was nicht den Sehgewohnheiten entspricht, aber das Grundstück noch einmal ganz anders verortet. Es ist toll, wenn ein Haus ein Stück weit ein Abenteuer bleibt.

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Thomas Kröger Architekten

thomaskroeger.net

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