Menschen

Individualisierung durch Innenarchitektur

2000-2020: Jutta Blocher im Interview

Jutta Blocher gründete gemeinsam mit ihrem Partner Dieter Blocher 1989 das transdisziplinär ausgerichtete Büro für Architektur, Innenarchitektur und Kommunikation blocher partners in Stuttgart. Lag der Schwerpunkt in den Anfangsjahren mehr im Bereich Retail, so erweiterte sich das Repertoire der Planer schnell zu einem breiten Portfolio, bestehend aus zahlreichen Verwaltungs-, Hotel- und Wohnungsbauten sowie Gebäuden für die öffentliche Hand.

von Adeline Seidel, 05.10.2020

Das Büro mit rund 230 Architekten, Innenarchitekten, Produktdesignern und Kommunikationsspezialisten arbeitet international, mit vier Standorten in Deutschland und Indien. Jutta Blocher hat an zahlreichen Büchern mitgewirkt. Unter anderem an der Publikation Innenarchitektur in Deutschland, die 2002 erschien. Nun blicken wir zusammen mit ihr auf die jüngsten Entwicklungen im Bereich Innenarchitektur und Wohnen.

Welche Projekte der vergangenen 20 Jahre sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

In Erinnerung bleiben vor allem die Projekte, mit denen man sich besonders intensiv beschäftigt hat. Im Bereich des klassischen Wohnungsbaus gibt es ein Projekt in Mannheim, an das ich mich gerne erinnere. Es ist eines der ersten Mixed-Use-Projekte in diesem Maßstab und wir haben hier mit dem Bauherren auf der gesamten Klaviatur unseres Könnens spielen dürfen: von der Architektur und Innenarchitektur über sämtliche Leistungen des Objektmarketings bis zum Leitsystem. Der Stadtbaustein zieht sich über zwei Quadrate (Häuserblöcke, Anm.d.Red.) in unmittelbarer Nähe zur Haupteinkaufszone und besteht aus einem Shoppingcenter, einem Hotel, Büroflächen, Restaurants, Wellness- und Fitness-Center sowie einer Parkgarage. Dabei bietet die Blockrandbebauung ab der dritten Etage Stadtwohnungen mit einem großzügigen, grünen Innenhof. Solche multifunktionalen Bautypologien werden immer mehr kommen, da viele Handelsimmobilien für die heutigen Ansprüche zu groß geworden sind.

Welche Anforderungen stellen die Bauherren heute beim Wohnungsbau? Können Sie ein aktuelles Beispiel nennen?

In München realisieren wir gerade als Architekten eine mittelgroße, hochwertige Wohnanlage. Im Bereich der Innenarchitektur haben wir mit dem Bauträger drei Konzepte für die Bäder entwickelt, wovon zwei im Standardkaufvertrag inkludiert sind. Die Kunden haben sich in diesen drei Beispielen wiedergefunden und keinerlei Sonderwünsche geäußert. Dasselbe gilt für die Auswahl der Bodenbeläge. Ganz anders sieht es beim Thema Elektro aus: Es scheint fast so, als würde sich hier die fortschreitende Individualisierung widerspiegeln (lacht). Denn jeder hat eine andere Vorstellung davon, wo welche Geräte stehen sollen – und wie flexibel man mit seiner technischen Ausstattung umgehen möchte.

Welcher Wohnbereich hat in den vergangenen 20 Jahren die größte Transformation erfahren?

Insbesondere die Küche: In sehr exklusiven Wohneinheiten gibt es oftmals eine abgeschlossene Wirtschaftsküche – mit Platz für Vorräte und allerlei Gerätschaften – und eine Showküche, die sich zum Wohnraum orientiert und häufig mit einem offenen Küchenblock ausgestattet ist. Im mittleren Preissegment ist eine offene Wohnküche meist Standard. Wenngleich wir im Geschosswohnungsbau mit vielen Einheiten häufig einen Mix aus offener und geschlossener Küche erleben. Die Entwicklung in der Küche hat mit einem veränderten Bewusstsein für Gastlichkeit zu tun. Und Corona hat das noch einmal verstärkt: Statt in Restaurants trifft man sich lieber in kleiner Runde zu Hause.

Welche Bedürfnisse an ihren Wohnraum artikulieren Bauherren am häufigsten?

Eine Wohnung ohne Balkon ist kaum noch vermittelbar. Zudem gilt: Lieber mehr Zimmer als wenige große Zimmer. Eine Altbauwohnung von 120 Quadratmetern mit drei Zimmern leisten sich aktuell nur noch Hausstände ohne Kinder und mit doppeltem Einkommen. Familien bevorzugen meist eine pragmatisch geschnittene Wohnung, in der kein Quadratmeter verschwendet wird. Hinsichtlich der Bedürfnisse und Wünsche, die mit der Gestaltung von Innenräumen einhergehen, muss man differenzieren: Im niedrigen und mittleren Preissegment gibt es eigentlich so gut wie keine Innenarchitektenleistung. Anders im hochwertigen Wohnungsbau: Hier werden Konzepte gewünscht, bei denen wir individuell auf persönliche Bedürfnisse, Lebensphasen und finanzielle Möglichkeiten eingehen dürfen. Und dann gibt es noch den Bereich der Kleinstwohnungen mit Co-Living-Anbietern und Serviced Apartments, die voll ausgestattet vermietet werden. Da gilt es, neben Möglichkeiten für Stauraum auch Atmosphäre und Markenidentität zu schaffen – für den Vermieter ebenso wie für den zukünftigen Mieter.

Sind in den letzten Jahren Funktionen und Bedürfnisse in den Wohnraum gewandert, die wir bisher nicht kannten?

Der Homeoffice-Platz und das Arbeitszimmer erleben entsprechend der aktuellen Umstände derzeit ein Revival. Auch der Anspruch an Individualität für die Kinderzimmer ist sehr groß geworden: Es kommt kaum noch vor, dass sich Kinder ein Zimmer teilen. Die Digitalisierung hat großen Einfluss auf das Maintainment (Verbindung von Maintanance und Entertainment Anm.d.Red.) – was steuere ich von wo und wie. Je hochwertiger die Wohnung, desto mehr Smarthome-Ausstattung ist dort zu finden.

Wirft man einen Blick auf die Wohnprojekte der ersten Nullerjahre, so findet man viele Holz-Metall-Kombinationen. Aber auch monolithische, amorphe Formen aus mineralisch-organischen Verbundstoffen wie Corian fanden eine rege Aufmerksamkeit. Die Räume strahlten einen gewissen Zukunftsoptimismus aus. Was sind heute die Materialien, die bevorzugt verwendet werden?

Glas! So viel Glas wie möglich und am besten rahmenlos. Auch Sichtbeton an Wänden und Decken wird bei uns vielfach nachgefragt. Für die Böden wird bevorzugt Holz, Estrich oder Stein verwendet. Also insgesamt sind es Materialien, die eine Authentizität, Kraft und auch Ruhe mit sich bringen. Doch das hängt natürlich von der Bauaufgabe ab: Ein guter Innenarchitekt zeichnet sich dadurch aus, dass er auf den Bestand und auf die Wünsche der Kunden eingeht – und nicht seinen eigenen Geschmack den Bauherren aufdrängt. Dennoch: Die Bauherren orientieren sich in ihrer Architekten-Auswahl an dessen Stil. Wer mit uns arbeitet, weiß, dass wir nicht für bunte Wände und organische Formen stehen, sondern für klar strukturierte Räume. Insgesamt kann ich aus unserer Erfahrung sagen: Die Kundenwünsche sind individueller geworden und der Bauherr weiß recht genau, was er möchte.

Steht das im Zusammenhang mit der hohen Verbreitung von Bildern über soziale Medien wie Instagram und Pinterest?

Unser zunehmender Wunsch nach Individualität spiegelt sich auch in unserem Wohnraum wider. Die Verbreitung von Design- und Interieurthemen über soziale Medien schult die eigene Geschmacksbildung. Dass dann trotzdem eine gewisse Ähnlichkeit aller Wohnräume bei der Individualisierung entsteht, hängt sicher mit der Selbstreferenzialität der Bilder zusammen. Doch nur durch Nacheifern des Gesehenen erhält eine Wohnung selten einen Mehrwert.

Welche Projekte der letzten 20 Jahre würden Sie als wegweisend bezeichnen und warum?

Im Hotelbereich ist es sicher das Konzept der 25hours-Hotels, wo mit lokalen Einflüssen eine reduzierte, aber hochindividuelle Lockerheit entsteht. Dabei wird gleichzeitig eine übergreifende Identifikation mit der Marke geschaffen. Auch die Ladengestaltung von Aesop zeigt einen wegweisenden Umgang mit Identität, Individualität und Regionalität. Beim Wohnungsbau ist es einfach sehr von der Bauaufgabe abhängig: Architekten wie Jürgen Mayer H. und Zaha Hadid – um nur zwei von vielen zu nennen – haben spannende und auch experimentelle Wohnarchitekturen geschaffen. Aber eine Aussage oder ein Trend lässt sich daraus nicht formulieren. Im Bereich Wohnen ist es einfach so, dass die Individualität der Bauherren und die gegebenen Umstände, wie finanzielle und räumliche Möglichkeiten, die Bauaufgabe prägen. Statt also eine gesellschaftliche, soziale Idee zu formulieren, geht es vielmehr darum, auf den Menschen zuzugehen, zuzuhören und einzugehen. Das ist die Aufgabe der Innenarchitekten im Bereich Wohnungsbau.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers: 2000-2020: 20 Jahre Interior & Design

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