Menschen

Inga Sempé

Bloß keine Langeweile: die Pariser Designerin im Gespräch.

von Norman Kietzmann, 29.01.2015

Inga Sempé setzt auf das Spiel der Gegensätze. Nach ihrem Abschluss 1993 an der Pariser Designuniversität ENSCI arbeitete sie in den Büros von Marc Newson und Andrée Putman, bis sie ihr eigenes Studio in Paris gründete. Textur und Sinnlichkeit treffen bei ihren Projekten auf spielend leichte Konstruktion und den nötigen Funken Poesie. Wir trafen Inga Sempé in Köln und sprachen mit ihr über kleine Wohnungen, trügerische Modelle und ihren Wunsch, einmal Werkzeug zu entwerfen. 

Frau Sempé, die Kölner Möbelmesse 2015 stand ganz im Zeichen von Retro. Wie betrachten Sie als Designerin diese Entwicklung?
Es ist immer einfach, etwas im Stil der fünfziger oder sechziger Jahre zu entwerfen. In Frankreich gibt es eine Webseite für Kleinanzeigen alle Art. Sie heißt „le bon coin“. Wenn man dort als Suchbegriff „skandinavisches Design“ eingibt, sieht man alles mögliche. Die Verkäufer wissen, dass die Leute skandinavisches Design lieben. Also bezeichnen sie alles als skandinavisches Design, obwohl es nichts damit zu tun hat. Dinge im Retrostil wollen jedem gefallen. Das kann ich für meine Arbeit nicht behaupten. Ich möchte nicht, dass meine Entwürfe vordergründig gefällig wirken. Wenn ich etwas zeichne, beginne ich mit der Funktion. Doch im Laufe des Prozesses tritt das Funktionale in den Hintergrund. Was die Benutzer später wahrnehmen, sind Ausgewogenheit und Komfort. Dinge, die man nicht immer gleich sieht und dennoch spürt. Das sind die Qualitäten, auf die es ankommt. Mit Retro kann ich nichts anfangen. 

Ihr neuestes Produkt ist der Sessel Beau Fixe für Ligne Roset. Worum ging es bei diesem Entwurf?
Ich wollte einen Ohrensessel entwerfen. Aber das ist keine einfache Typologie. Häufig werden diese Möbel in Krankenhäusern oder Altersheimen verwendet. Auch haben viele Menschen Erinnerungen an ihre Kindheit, weil Ohrensessel häufig in Häusern auf dem Land zu finden sind. Darum war es mir wichtig, dass der Sessel nicht nostalgisch ist oder an ein Krankenhaus erinnert. Dennoch sollte er besonders komfortabel sein. Denn genau das erwartet man von diesem Möbel. 


Viele Ohrensessel wirken eher behäbig. Ihr Entwurf zeigt dagegen betont schlanke Konturen. Warum?
Es ist mir wichtig, dass meine Möbel auch in kleine Wohnungen hineinpassen. Ich hasse Designer, die nur Sofas für Rockstars mit riesigen Wohnungen entwerfen. Bei den meisten Menschen ist das Wohnzimmer immer eine Spur zu klein. Also zeichne ich Möbel, die sich an den Alltag anpassen können und nicht allzu monumental wirken. In den Zeitschriften sieht man nur große Wohnungen. Das ist nicht ehrlich. Im Grunde ist es dasselbe wie mit der Waschmittelwerbung. Sie bläut einem ein, dass alles sauber wird. Doch jeder weiß, dass das nicht stimmt. Ich finde auch, dass man aufhören sollte, die Wohnungen für die Fotoaufnahmen aufzuräumen. Es sollte aussehen wie immer, auch wenn es dann nicht perfekt ist. Vielleicht sollte es sogar Crashtests für Wohnungen geben, genau wie für Autos. Und die würden dann mit Klassifizierungen veröffentlich werden. (lacht)

Sie meinen, vor der Feier, nach der Feier ...
Ich würde eher sagen: Vor dem Mittagessen am Sonntag und danach. Das ist der ultimative Härtetest (lacht). 

Was macht für Sie einen guten Raum aus?
Ich muss gestehen, dass ich mich nicht besonders für Interieurs interessiere. Für mich sind Licht und ein gewisses Maß an leerem Raum sehr wichtig. Das ist aber schon alles. Was ich machen will, sind Objekte, die von Industrieunternehmen hergestellt und in den Geschäften verkauft werden. Ich richte keine Hotels, Boutiquen oder Restaurants ein. Darum ist es mir auch egal, ob jemand ein hässliches Möbel neben einen meiner Entwürfe stellt. Das soll jeder für sich entscheiden. Auch mit guten Freunden teilt man nicht immer dieselbe Meinung über einen bestimmten Film oder ein bestimmtes Buch. So ist das eben. Darum sollte man auch nicht so sehr auf die Meinungen von anderen hören. Wichtig ist, was einem selbst gefällt. 

Wie gehen Sie an ein Projekt heran?
Ich zeichne immer. Weil ich mich nicht langweilen möchte, muss ich ein Projekt angehen, das mich auch interessiert. Bis ein Produkt auf den Markt kommt, dauert es in der Regel sehr lange. Es geht ja immer wieder vor und zurück. Wenn man dann an etwas arbeitet, das einen langweilt, bedeutet das, dass man sich für zwei Jahre langweilen wird. Dann wird die Arbeit zum Horror-Trip. 

Bauen Sie viele Modelle?
Ja, enorm viele. Doch man muss aufpassen. Fast alle Dinge wirken als Modell niedlich. Sie können auch einen fürchterlichen Menschen in ein Baby verwandeln, und er wird niedlich sein. Die Schwierigkeit besteht darin, im Maßstab 1:1 denselben Esprit zu finden wie im verkleinerten Modell. Das ist gar nicht so einfach, weil wir die Proportionen anders wahrnehmen. Bei einem Modellauto werden zum Beispiel bestimmte Bauteile wie Räder oder Leuchten gegenüber der Realität leicht vergrößert, weil sie sonst zu mickrig wirken würden. Bei Möbeln ist es umgekehrt. Was als Modell gut aussieht, kann in Originalgröße plötzlich sehr massiv und grob erscheinen. Mit der Zeit habe ich herausgefunden, welche Details und Proportionen ich verändern muss, damit es stimmig aussieht. Mit Mathematik hat das überhaupt nichts zu tun. Es ist ein Eindruck, der nach Gefühl entsteht. 

Ihre Leuchte Vapeur für Moustache verfügt über einen leichten, veränderlichen Schirm, der auf einer metallenen Basis ruht. Wie wichtig ist dieses Spiel der materiellen Gegensätze?
Ich versuche immer, Dinge zu entwerfen, die kontrastreich sind und in verschiedene Richtungen gleichzeitig gehen. Der Schirm sieht aus wie aus Papier, auch wenn es sich um feuerfesten Kunststoff handelt. Richtiges Papier wäre zu fragil und viel zu leicht entflammbar gewesen. Durch den Fuß aus Metall wirkt der Schirm noch luftiger. Das ist so ähnlich wie bei meinem Sitzprogramm Ruché. Es hat einen klaren Unterbau aus Holz. Darüber liegt eine weiche Polsterdecke mit einer dreidimensionalen Stoffstruktur, die auf Licht und Schatten besonders reagiert. Was ich vermeiden möchte, sind monolithische Formen und starre Typologien. Vielleicht mache ich deswegen immer dieselben Sachen: Etwas Festes trifft auf etwas Weiches und fertig ist der Entwurf (lacht).

Leuchten sind ein wichtiges Thema in Ihrer Arbeit. Was fasziniert Sie an dieser Aufgabe?
Weil Leuchten immer zwei verschiedene Zustände haben. Auch wenn sie nicht angeschaltet sind, müssen sie optisch funktionieren und interessant aussehen. Es gibt viele Objekte im Haushalt, die man wegräumt, wenn man sie nicht mehr benutzt. Bei Leuchten käme niemand auf die Idee, sie aus dem Raum zu tragen. Sie bleiben. Hinzu kommt, dass Leuchten häufig Objekte sind, die sich bewegen. Ich mag das. Auch kann man als Designer freier mit ihrer Größe umgehen und sie entweder ganz groß oder ganz klein machen. Bei einem Sofa bleibt man immer in denselben Dimensionen, weil es mit den Proportionen des Körpers verbunden ist. Natürlich kann man sagen, dass es auch unendlich viele Möglichkeiten bei Stuhlgestellen gibt. Doch für mich bieten Leuchten einen viel größeren Spielraum. Ich brauche diese Veränderung, um mich nicht zu langweilen.

Auch Ihr Mann Ronan Bouroullec ist Designer. Sprechen Sie zuhause über die Arbeit oder haben Sie irgendwann genug vom Design?
Man muss mit jemanden reden, der einen versteht. Im Design geht es häufig um winzig kleine Details. Die meisten Menschen können nicht nachvollziehen, warum man enorm traurig ist, weil etwas um einen Millimeter geändert werden soll. Wer dafür keine Sensibilität besitzt, hält einen für verrückt. „Ist doch nicht so schlimm, schau doch, was in der Welt passiert“, würden viele sagen. Doch gerade diese Detailfragen sind wichtig. Darum ist es schön, wenn man darüber sprechen kann. Zu reden ist die Basis von jedem Beruf.

Gibt es ein Projekt, das Sie gerne machen würden?
Ich würde gerne Schreibinstrumente wie Füllfederhalter oder Stifte entwerfen. Auch Werkzeuge fände ich sehr spannend. Aber davon braucht man in Frankreich gar nicht zu träumen. Ich glaube nicht, dass man im Moment eine Frau Werkzeuge entwerfen ließe. Doch vielleicht ändert sich das noch. Auch Heizkörper oder Medizinbedarf würden mich interessieren. Ich möchte keine Produkte für Museen entwerfen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Information

Special: imm cologne 2015

Das große Designlines-Special zur Kölner Möbelmesse

www.designlines.de

Studio Inga Sempé

www.ingasempe.fr

Ligne Roset

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