Menschen

Hyperräumliche Wohnwelten

Porträt über den Innenarchitekten Johan Van Staeyen

Der belgische Innenarchitekt Johan Van Staeyen macht selbst aus bisher nicht als Wohnraum genutzten Flächen maßgeschneiderte Lebenswelten. Seine Funktionselemente bilden eine innere Struktur und schmiegen sich wie ein temporäres Skelett in vorhandene Layouts. Dabei wird der Bestand transformiert, ohne dass die bauliche Substanz verändert werden muss.

von Tanja Pabelick, 08.02.2021

Ein typisches Van Staeyen-Apartment setzt auf grafische Details, farbige Akzente und das eine oder andere Augenzwinkern. Und die Handschrift des Entwerfers ist auf den ersten Blick zu erkennen. Johan Van Staeyens Stil ist markant, vermeidet aber die reine Wiederholung. Seit 2001 führt der Innenarchitekt ein Studio in Antwerpen und setzt damit auch eine Familientradition fort. Das Unternehmen „Van Staeyen“ wurde in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts von dem Tischler und Möbelschreiner Petrus Van Staeyen gegründet. Solides und gutes Handwerk war dem Großvater von Johan Van Staeyen wichtig – und es gehört auch heute noch zur DNA des Studios. Denn der Enkel entwickelt seine Konzepte nicht nur am digitalen Arbeitsplatz.

Möbelproduktion der Marke Stan Vaeyen

Hands-on
Die Büroräume von Van Staeyen liegen zentral in Antwerpen. Johan Van Staeyen selbst nennt die zwei Etagen mit ihren großen Schaufenstern seine „Ausstellungswerkstatt“, in der Auftraggeber im Materialarchiv einen haptischen und visuellen Eindruck von möglichen Wandverkleidungen, Bodenbelägen und Wohntextilien bekommen können. Die Wahl der richtigen Werkstoffe ist wichtig, denn mit Einbauten, die funktional irgendwo zwischen Wand und Möbel liegen, zoniert Van Staeyen seine Wohnwelten. Sie werden zum inneren Skelett einer Gebäudehülle und transformieren Fabriketagen ebenso wie eine Segelyacht oder ein historisches Bauernhaus. Zusätzlich entwickelt der Designer in seinem Studio-Showroom seine eigene Möbellinie, zu der ein an ein horizontales Windrad erinnerndes Lichtobjekt oder eine riesige Sitzinsel gehören. Letztere sieht aus wie ein rundes Tangram und lässt sich zu einem umarmenden Sofa, einer Bank und einem Hocker auseinanderschieben. Die Möbel laufen unter dem Anagramm Stan Vaeyen – und finden sich regelmäßig als Ausstattung in den Projekten des Innenarchitekten.

U-Form und Neonfarben
„Unsere Kunden sind sehr unterschiedlich“, erklärt Johan Van Staeyen. „Wir gestalten kleine Räume ebenso wie ganze Gebäude. Unsere Philosophie lautet: Funktion und Stil müssen sich treffen. Das eine geht nicht ohne das andere.“ Dabei spielt auch Farbe eine wichtige Rolle, wie etwa in dem Apartment „B&B“, das er für eine Familie entworfen hat. Aus einem staubigen Dachboden wurde eine helle Wohnung, die sich auf den Charakter ihrer Bewohner einstellt. Van Staeyen hat ein Kanariengelb zum durchgängigen Farbthema gemacht, denn das ist voller Energie, macht wach und aktiv. Finnisches Fichtenholz hält dagegen. Als durchgängiges Materialthema verleiht es dem Raum eine warme Atmosphäre, die durch die organischen Geometrien der Einbauten gestützt wird. Portale und Bögen sind U-förmig ausgeführt und sorgen für ein visuelles Auf und Ab.

Räume ohne Grenzen im Farbgitter
Farbe wirkt bei Johan Van Staeyen als Kontrast gegenüber Naturholz- und Weißflächen. Mit hellen Nuancen verkleidet er Schränke und Wände – ihre Grenzen lösen sich in den monochromen Raumentwürfen auf. Farbige Kanten, akzentuierte Fugen oder gezielt inszenierte Farbdetails zeichnen gesteuert neue Konturen. Das funktioniert besonders gut in den von Van Staeyen gestalteten Küchen, wenn farbige Arbeitsflächen und Möbelkanten wie dreidimensionale Gitter den Raum definieren. Das Projekt „Ksenia“ etwa macht so aus einer Mikro-Küche einen Raum, den man geradezu als luftig beschreiben könnte. Die hellen Flächen täuschen über jeden Platzmangel hinweg und die Akzente in Knallorange, von der Stan Vaeyen-Leuchte bis zur Armatur, halten das Interior thematisch zusammen. Als „hyper-spatial impact“, eine „hyperräumliche Wirkung“ beschreibt Johan Van Staeyen selbst seinen methodischen Ansatz.

Zum Lächeln in die Küche
„Wir spielen gerne mit geometrischen Figuren, Farben und unerwarteten Elementen und Details“, erläutert Johan Van Staeyen. „Wir versuchen immer, Standardlösungen mit kreativen, logischen und vor allem lebenswerten Konzepten zu übertreffen.“ Van Staeyen nutzt kleine Abweichungen vom Gewohnten, um in den Räumen für eine spielerische und unbeschwerte Grundstimmung zu sorgen. Wenn im Büro durch eine runde Luke mit dem Kollegen im Nachbarzimmer kommuniziert wird, ist das in sich schon ein heiterer Moment. Ebenso wie die dekonstruierte Durchreiche, die Van Staeyen in einer Villa aus den 1970ern am Stadtrand von Antwerpen umgesetzt hat. „Damals wollte und konnte nur die Hausfrau die Küche betreten. Jetzt ist hier mehr weniger, weniger mehr und mehr ist mehr. Wir haben keine überflüssigen Wände mehr, viel natürliches Licht, ein geschlechter- und generationenübergreifendes Design“, erklärt Johan Van Staeyen. Hier werden die halbrunden Öffnungen, die quer durch die Einbauwand und ihren Stauraum laufen, zum lächelnden Sinnbild. „Weil das Leben Spaß macht“, sagt Johan Van Staeyen.

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