Menschen

Karim El-Ishmawi

Der Partner des Berliner Büros Kinzo im Interview

Das Berliner Architekturbüro Kinzo gestaltet seit fünfzehn Jahren Arbeitswelten von Amore Pacific bis Zalando. Für unser Special zum Thema Innenarchitektur made in Germany haben wir mit einem der Gründer, Karim El-Ishmawi, über die Rolle der Kultur im Projektablauf gesprochen, über die New Work-Welle und darüber, wie die Bürowelten von morgen aussehen könnten.

von Tanja Pabelick, 15.06.2020

Das Aktuelle zuerst: Wie geht es euch? Wie organisiert ihr euch in diesen Zeiten? Uns geht es glücklicherweise gut. Was die Arbeit angeht, sind wir gut ausgelastet, auch weil die Projekte größtenteils weiterlaufen. Wir hatten schon vor Jahren Homeoffice auf freiwilliger Basis eingeführt – das hat sich während der Corona-Krise ausgezahlt und wir sind voll leistungsfähig geblieben. Die meisten Mitarbeitenden sind sowieso mit einem Laptop ausgestattet und die, die besonders rechenintensive Aufgaben zu bearbeiten hatten, konnten ihre iMacs oder PCs mit nach Hause nehmen. Und Videokonferenzen gehörten eh schon zu unserem Alltag – es sind dann einfach ein paar mehr geworden. Inzwischen ist auch der überwiegende Anteil unserer Mitarbeitenden an den Arbeitsplatz zurückgekehrt und das ist gut, weil wir nach wie vor an das Büro als besonderen Ort des Zusammenkommens und miteinander Arbeitens glauben.

Ihr arbeitet für deutsche Auftraggeber genauso wie an internationalen Projekten, beispielsweise in Asien. Welche Unterschiede könnt ihr bei Planung und Ausführung feststellen? Welche Chancen, aber vielleicht auch Hürden gibt es hierzulande? Jede Kultur hat auch eine eigene Haltung zur Architektur und Gestaltung. In Südkorea etwa dauerten die Workshops durchschnittlich länger: Wir haben mit unserem Auftraggeber gefrühstückt, zu Mittag und dann auch spät gemeinsam zu Abend gegessen. Dadurch entstand ein intensives, fast freundschaftliches Verhältnis. Neu war für die Nutzer*innen des Projekts, dass sie in den Entwurfsprozess miteinbezogen wurden. Tendenziell herrscht in Asien weniger eine Kultur der Bedenken, als eine positive Perspektive auf das Neue. Ist das Eis erst einmal gebrochen, genießen wir Planenden ein gesundes Maß an Vertrauen und gestalterischer Freiheit. Das bestärkt auch den Mut zum Ungewöhnlichen und Neuen und damit die Innovationskraft. Demgegenüber stehen aber manchmal unrealistische Zeitpläne und eine zuweilen impulsiv-spontane Kommunikation. So mussten wir des Öfteren schon 24 Stunden nach Ankündigung im Flugzeug nach Seoul sitzen. Sowohl die Chancen als auch die Risiken hierzulande liegen in der Mündigkeit der Mitarbeitenden eines Unternehmens. Verantwortung wird aber zu oft nur pro forma übertragen, was zu immer längeren Entscheidungsprozessen führt. Mut wird oft nicht belohnt, weshalb niemand das Risiko des Scheiterns auf sich nehmen will.


Ist das Planen im Ausland leichter? Ja und nein: Ein erhöhter Kommunikationsaufwand, Sprachbarrieren, nicht vertraute Hierarchien, Regeln und Bestimmungen sowie ein erhöhter Reiseaufwand erschweren das Planen. Dem stehen in der Tendenz ein höheres Ansehen und ein größerer Respekt den Planenden gegenüber und entsprechend mehr Gestaltungsfreiheit, verbunden mit einer erhöhten Bereitschaft zum Experiment.

Gibt es so etwas wie „typisch deutsch“ im Interieurdesign? Lassen sich noch Kultureinflüsse feststellen – oder ist eigentlich heute alles einem global gültigen Stil untergeordnet? Viele unserer Auftraggeber*innen sind große und mittelständische Unternehmen, die meist ein internationales Team und Kund*innen überall auf der Welt haben. Die Arbeitsweise und Abläufe gleichen sich somit mehr und mehr an. Unterschiede sind eher in der Mentalität und Risikobereitschaft der Geschäftsführungen auszumachen, die sich jedoch weniger im Interieur der Arbeitswelten zeigen. Bevor wir mit unseren Entwürfen beginnen, analysieren wir unsere Kund*innen sehr genau und kommunizieren intensiv, um ihre individuellen Bedürfnisse zu ermitteln. Das Design ist also weniger von der Nationalität des Unternehmens geprägt als vielmehr durch die Mitarbeitenden, die Arbeitskultur und Arbeitsabläufe.


Wie ist die Auftragslage in Deutschland gerade, etwa im Vergleich zu vor zehn Jahren? Was hat sich verändert, vielleicht konkret im Objektbereich? Vor zehn Jahren gab es nur eine Handvoll ambitionierter Projekte im größeren Maßstab. Die Digitalisierung und der Fachkräftemangel haben eine New Work-Welle ausgelöst wie auch ein rasantes Wachstum im Tech-Sektor, was zu einer hohen Nachfrage im Bereich neuer Arbeitswelten geführt hat. Da wir uns bereits seit 2007 mit dem Phänomen des New Work beschäftigen und in Deutschland zu den Pionieren seiner Umsetzung gehören, sind wir stetig gewachsen und gut beschäftigt.

In den deutschen Büros, aber auch international gibt es derzeit einen großen Umbruch. Was habt ihr beobachtet – und wo bewegt sich die Arbeitswelt hin?
Das vermeintliche Ende des Open Office und eine angebliche Rückbesinnung auf traditionelle Einzelbüros haben ja derzeit viel die Runde gemacht. Wir sehen das etwas differenzierter und sind der Meinung, dass Orte der Begegnung, Service und Erlebnisdesign noch wichtiger werden. Dabei werden die Übergänge von virtueller und physischer Präsenz zunehmend nahtlos. Das führt dann zwar schon zu weniger Open Space-Fläche, aber nicht zu deren Verschwinden. Vielmehr wird sie mit mehr Rückzugs- und Schutzräumen und einer höheren Diversität an Arbeitsmöglichkeiten kombiniert. Entsprechend werden die Raumtypologien innerhalb von Büros vielfältiger und lassen die Nutzenden den Arbeitsort bewusster und flexibler wählen – auch in Kombination mit dem Homeoffice. Insgesamt wird sich also der Trend fortsetzen, dass die einfache Definition eines Arbeitsplatzes einer komplexeren weicht und das bei tendenziell weniger Flächenbedarf, dafür aber mit höherer Qualität.

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Kinzo Berlin

www.kinzo-berlin.de

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