Menschen

Kati Meyer-Brühl

von May-Britt Frank, 19.03.2008

Die Designerin Kati Meyer-Brühl wuchs im oberfränkischen Bad Steben auf, wo das Möbelunternehmen ihrer Eltern angesiedelt ist. Bereits als Jugendliche verspürte sie den Wunsch kreativ zu arbeiten und entwickelte ein starkes Bedürfnis nach kulturellem Austausch, das sie vor allem durch längere Aufenthalte in London und New York erfüllen konnte. Sie studierte Design in Dessau, Göteburg und Kopenhagen bevor sie den Master of Industrial Design an der Central Saint Martins University in London erhielt. Einen Master of Fine Arts machte Kati Meyer-Brühl im Anschluss an der Parsons School of Design in New York. Heute arbeitet die in Berlin und Bad Steben lebende Designerin für das Unternehmen Brühl und hat auf der Möbelmesse in Köln im Januar 2008 das Sofa Mosspink vorgestellt. Wir trafen die Designerin in Köln und sprachen mit ihr über ihr neuestes Produkt, den Einfluss privater Erlebnisse auf das Gestalten und ob eine Grenzziehung zwischen Design und Kunst sinnvoll ist.
Das Unternehmen Brühl steht für junges Design, mit experimentellen Farben und multifunktionalen Möbeln. Ist es für Sie wichtig, dass man ein Möbel auf verschiedene Weise benutzen kann?
Wir haben doch ständig ganz unterschiedliche Bedürfnisse, leben vielleicht alleine oder als Familie mit Kindern zusammen. Der eine will beim Lesen liegen, der andere aufrecht sitzen oder es gibt Kinder, die ein Sofa wieder ganz anders nutzen als Erwachsene. Deshalb ist es doch nur selbstverständlich, dass wir diese verschiedenen Spielarten im Design ermöglichen.
Sie haben auf der Möbelmesse in Köln das Sofa Mosspink vorgestellt. Was hat Sie zu der Arbeit an dem Möbel inspiriert?
Tatsächlich wollte ich bereits seit längerer Zeit ein nachhaltiges Sofa entwerfen und habe mich dafür von der Natur inspirieren lassen. Die Idee zu Mosspink hatte ich vor etwa einem Jahr, als ich an einem Strand spazieren ging und Steine unterschiedlicher Größe fand, deren Kanten vom Wasser fein abgeschliffen waren. Die organische Grundform des Sofas ist diesen Kieseln nachempfunden, ebenso wie die übereinander liegenden Kissen, die die Rücklehne bilden und durch verschiedene Kissenbezüge variiert werden können. Der Unterbau ist aus einem soliden Holzgestell gefertigt mit einer Polsterauflage und drei verschiedenen Polsterkissen, die ausgetauscht werden können. Im Recyclingprozess wird der Schaum in eine thermische Verwertung gegeben, denn Schaum ist ja aus Öl und daraus kann dann wieder Energie gewonnen werden. Damit gehen eigentlich alle Teile wieder in den Energiekreislauf ein.
Ist die amorphe Formensprache, die sie bei Mosspink verfolgt haben, ein wichtiges Ausdrucksmittel im Zusammenhang mit dem Thema Natur?
Ich habe recherchiert, dass Stadtmenschen zunehmend versuchen, sei es in Formen oder Produkten, sich mit natürlichen Elementen zu umgeben. Das Naturbewusstsein hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Jeder hat in irgendeiner Weise seine kleine Wiese vor dem Fenster, ob Gras, Bambus oder irgendetwas anderes. Diesem Trend wollte ich in Form und Funktion mit Mosspink entsprechen.
Ihr letzter Entwurf Plupp AP dagegen ist ganz anders. Er zeichnet sich eher durch eine kubische Formensprache aus.
Gegensätze haben mich schon immer interessiert. Das war bereits im Studium so. Das minimalistische Design des Sofas erhält aber eine spielerische Komponente durch die Lehnen, die man durch das Umstecken von allen Seiten besetzen kann. Flexibilität spielt eben eine große Rolle bei den Brühl-Produkten.
Sie haben an verschiedenen Universitäten in Europa studiert und Ihr Studium in New York beendet. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Mein Studium habe ich am Bauhaus in Dessau begonnen und dort Kommunikations- und Produktdesign studiert. Nach dem Grundstudium war ich ein Jahr in Göteborg (Schweden) und bin von dort nach Kopenhagen an die Denmarks Design Skole gewechselt, wo ich der erste deutsche „permanent Student“ wurde. Nach einem weiteren halben Jahr ging ich nach London an die Central Saint Martins University und habe dort mit den Master of Industrial Design abgeschlossen. Eigentlich wollte ich dann auch in London bleiben und mich zusammen mit einigen Freunden selbständig machen. Das hat aber nicht geklappt, weil jeder in eine andere Richtung wollte. Um die technische Seite des Gestaltens zu verbessern, habe ich mich dann von London aus in New York an der Parsons School of Design beworben. Sie haben mich auch tatsächlich genommen und ich musste Knall auf Fall nach New York umziehen. Diese ganze Zeit der Veränderung, des Wechsels hat mich sehr geprägt.
Wann haben Sie sich entschieden nach Europa zurück zu kommen?
Kurz nachdem ich in New York angekommen war, habe ich die Tragödie des 11. September erlebt. Mein Studentenwohnheim lag etwa zwei Häuserblocks von den Twin Towers entfernt und als es passierte, war ich gerade auf der Straße unterwegs. Mein ganzes Leben ist damals aus den Fugen geraten. Aber mir war auch klar, dass ich bleiben musste, um weiter zu machen. Das war für mich ein reines Überleben. Und so habe ich mein Studium in New York zu Ende gemacht und bin dann 2004 zurück gekommen.
Haben die verschiedenen Stationen in Ihrem Leben und die extremen Ereignisse einen Einfluss auf Ihre Arbeit als Gestalterin?
Zum Teil ganz gewiss. All diese unterschiedlichen und starken Erlebnisse sind eben auch der Grund, wie ich anfangs gemeint habe, dass die Möbel, die ich entwerfe, so sehr unterschiedlich sind. Es sind immer unterschiedliche Einflüsse, die in einen Entwurf zusammenfließen. Durch die schrecklichen Erlebnisse in New York und die schwierige Zeit danach ist es mir aber heute vor allem wichtig, dass etwas Positives und Spielerisches in der Arbeit zum Ausdruck kommt.
Welche Erlebnisse beeinflussen Ihre Arbeit noch?
Was wirklich sehr wichtig war, ist meine Kindheit. Wir wohnten ja, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen (lacht). Damals war das noch viel extremer, als es die innerdeutsche Grenze gab. Das hatte natürlich Vor- und Nachteile. Ich war sehr mit der Natur verbunden, habe viel draußen gespielt und mich immer in eigene Welten hineingeträumt. Es gab auch nicht viel anderes, was mich ablenken konnte. Trotzdem habe ich früh eine tiefe Sehnsucht nach kulturellen Ereignissen entwickelt, die ich nicht befriedigen konnte. London war für mich eine erste große Befreiung. Die Stadt ist ja oft sehr „busy“. Ich bin daher oft in eines der vielen Museen gegangen, Orte der Kreativität, um meinen Kopf frei zu bekommen. Noch extremer war das natürlich in New York. Besonders haben mich dort aber die Menschen beeindruckt, die ich getroffen habe. In jedem Land ist eine Seite von mir angeklungen und in New York dann die der gestalterischen Freiheit, die Großzügigkeit in der Gestaltung und dass es einfach viel weniger Regeln gibt. Alles ist möglich.
Haben Sie diese Freiheit in Europa nicht so erlebt?
Vor allem in Dessau war es immer wichtig, zu definieren, was man darf und was man nicht darf. Ich hatte mich schon damals gefragt, warum immer diese Angst vor der Grenzüberschreitung da ist. Wir haben zuhause oft darüber diskutiert, ob es eine Grenze zwischen Kunst und Design gibt. Natürlich gibt es einen Unterschied, aber mich hat die Grenzziehung immer gestört. Das hat etwas Ausschließendes und kommt daher, dass Menschen Dinge in die eine oder andere Kategorie einordnen wollen. Für mich ist die Inspiration das Entscheidende, egal, ob das Produkt am Ende Kunst oder Design ist. Ich habe diese Freiheit des Gestaltens eigentlich zum ersten Mal erst in New York erlebt.
Was halten Sie von dem Starkult der internationalen Designszene? Wäre das eine Perspektive für Sie?
Der Beruf eines Designers ist steinig und schwer, bis man wirklich Erfolg hat und ganz oben steht. Wenn man es bis dahin geschafft hat, kann man das doch gerne ausleben. Es ist vielleicht nicht mein Ding (lacht), aber jeder soll es so machen wie er will. Ich finde das sehr lebensbejahend.
Denken Sie, dass das Design in Deutschland kulturell eine stärkere Rolle spielt als vor 20 Jahren?
Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, dass das gegenwärtige Design in Deutschland nicht besonders gut ist. Dagegen nimmt es in London oder in Skandinavien auch heute eine tragende Rolle ein. In den USA wurde ich dauernd angesprochen: Ach, Du bist aus Deutschland, da gibt es doch so eine tolle Designgeschichte. Man muss das eben differenziert betrachten. Immerhin haben wir mit dem Bauhaus, dem Werkbund und der Ulmer Schule eine große Tradition. Aber generell stört mich, dass man ständig versucht, Design in Schubladen zu stecken. Ich meine diese schwerfällige Diskussion, wie sie oft an deutschen Hochschulen geführt wird: in den 1990er Jahren gab es den Minimalismus, in den 1980ern die Postmoderne und so weiter. Inzwischen ist zwar Bewegung in die Debatte gekommen, aber mir ist das oftmals immer noch viel zu ernst. Das geht ja schon fast in die Richtung von Loriot, nur dass keiner den Witz versteht. (lacht)
Haben Sie bereits eine Idee für das nächste Projekt im Kopf?
Im Moment nicht. Jetzt möchte ich erst einmal wieder zur Ruhe kommen. Ich muss, nachdem ein Projekt fertig gestellt wurde, wieder neue Inspirationen sammeln und andere Sachen sehen. Ich gehe unter Leute, um neue Bilder in den Kopf bekommen und einfach um zu Leben. Ich beobachte sehr gerne, das habe ich schon immer getan und dabei kommen mir auch die Ideen für die Produkte, die ich entwerfe. Ich stelle mir die Menschen dann auf meinen Möbeln vor.
Frau Meyer-Brühl, vielen Dank für das Gespräch.
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