Menschen

Kueng Caputo

Ein Gespräch mit den Schweizer Designerinnen über die Magie des Machens

von Norman Kietzmann, 08.01.2020

Sarah Kueng und Lovis Caputo sind die Querdenkerinnen der Schweizer Designszene. Bereits mit ihrer Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste haben sie sich mit dem Thema der Kopie auseinandergesetzt und Entwürfe bekannter Designer mit günstigen Materialien neu interpretiert. Die Auseinandersetzung mit dem Werkstoff zieht sich bis heute als roter Faden durch ihre Arbeiten. Auf der Sammlermesse Design Miami 2019 hat das Duo jüngst eine zehnteilige Möbelkollektion für Fendi präsentiert, die den Bogen von der Antike in die Gegenwart spannt. Ein Gespräch mit Sarah Kueng über kulturelles Handwerk, römische Ziegelsteine und politischen Ansporn. 

Viele Designer sind in der Farbauswahl eher zurückhaltend. Ihr geht bei Euren Entwürfen gerne in die Vollen. Warum spielt die Farbe so eine wichtige Rolle für Euch? Wir haben unsere Basis in Zürich, was ja eher ein graues Pflaster ist. Ich glaube, dass es immer wieder dazu motiviert, so viele Farben wie möglich zu verwenden. Jedes Haus, das neu gebaut wird, ist einfach grau. Und der Himmel ist jeden Tag auch grau. Vielleicht ist es eine Art des Demokratieprozesses: Weil immer so viele Leute in einer Gruppe miteinander sprechen, die sich alle nicht mehr mögen, ist der Kompromiss dann einfach grau. Das ist schade. Wir haben ein viel breiteres Spektrum, das wir nutzen können.

Besitzt Farbe eine narrative Qualität? Ich glaube, Farbe erzählt für jeden Menschen eine andere Geschichte. Wenn ich Mexikanerin bin und einen rosa Salontisch anschaue, dann bin ich gleich zuhause. Aber wenn ich Italienerin bin, hat es nicht unbedingt etwas mit meinem Zuhause zu tun, sondern vielleicht mit dem Terrazzoboden meiner Oma. Ich glaube, dass die Wahrnehmung sehr unterschiedlich ist. 

Denkt Ihr Farbe im Entwurfsprozess gleich mit? Oder kommt sie erst dann hinzu, wenn die Form eines Objektes bereits festgelegt ist? Die Materialentwicklung läuft immer parallel zum Gestaltungsprozess. Irgendwann gibt es den schönen Moment, wenn beide zusammenkommen. Wir arbeiten immer mit Eins-zu-Eins-Modellen aus Karton, um die Proportionen genau zu überprüfen. Weil uns das Braun des Kartons am Ende des Projektes total auf den Keks geht, ist einfach klar, dass das Ganze aus dieser Pappwelt erlöst werden muss. Mit der Farbe kommt irgendwann das Feuerwerk – und plötzlich macht alles Sinn, was man im Kopf gehabt hat. Das ist ja auch das Schöne an diesem Beruf, dass es diese Überraschungsmomente gibt. 

Auf der Design Miami 2019 habt Ihr die Kollektion Roman Molds für Fendi präsentiert. Wie seid Ihr dabei vorgegangen? Wir sollten uns von dem Palazzo della Civiltà Italiana in Rom inspirieren lassen (Das aufgrund seiner Rundbogenarkaden auch als „Quadratisches Kolosseum“ bekannte Gebäude wurde 1938 bis 1943 unter Mussolini erbaut und dient seit 2015 als Hauptsitz von Fendi, Anm. d. Redaktion). Dabei sollten wir das für Fendi typische Selleria-Leder verwenden – ein feines Kalbsleder in unzähligen Farben. Für uns war es zunächst schwierig, Leder als Alleinstellungsmerkmal hervorzuheben, weil fast alle Modebrands mit Leder arbeiten. Wir haben dann einen Sparring-Partner gesucht, der eine andere Qualität des Leders zum Vorschein bringen kann. 

Ihr habt Euch dann für Backstein entschieden. Warum? Überall in Rom sieht man Bauten aus Ziegeln, die offen daliegen oder vielleicht einmal verputzt waren und es nun nicht mehr sind. Da sieht man diese wunderschöne statische Struktur, die nur aus Erde hergestellt wird, aus Lehm. Uns war schnell klar, dass Leder und Erde ein spannendes Duo sind. Zwei archaische Materialien, die eng mit der Geschichte des Menschen verbunden sind. Das eine ist ein Volumenmaterial. Das andere ist ein Flachmaterial. Immer wurden Dinge daraus gebaut. Diese zwei alten Dinge zusammen in die Neuzeit zu kriegen, schien uns interessant. 

Dahinter steht die Faszination für das Ding, das man schon kennt. Genau. Darum haben wir absichtlich einen Standardziegel gewählt. Nicht den römischen Ziegel, der ein solides Volumen ist, sondern den Schweizer Hohlziegel, der überall als Hintermauer genutzt wird. Sie haben alle dieselbe Form und verwenden Erde als Grundlage. Doch weil der Lehm in jeder Ziegelei ein wenig anders ist, besitzt jeder Stein eine andere Zusammensetzung. Das macht das Ganze spannend und auch kompliziert, weil sich die Glasur ganz anders verhält. Wir haben also einen ziemlichen Crashkurs in Bodenchemie erlebt. (lacht) Die einen Steine zerspringen, die anderen bröckeln, die dritten platzen. Es wurde dann eher ein komplizierter Produktionsprozess mit vielen Überraschungen – vor allem, weil wir die Ziegel rund geschnitten haben. 

Auch das Leder wurde mit einem Material kombiniert, das normalerweise eher auf der Baustelle als im Wohnraum zu finden ist: Wellblech. Es gefällt uns, ein Grundmaterial mit vielen menschlichen Schritten zu veredeln. Etwas ganz Normales kann durch Handwerk einen neuen Anschein erlangen. Ich glaube, dass das hier gelungen ist, weil man das Wellblech unter dem Leder immer noch erkennt. Man spürt es, genau wie man auch den Backstein spürt. Uns ist es wichtig, mit unseren Arbeiten nicht nur das Spezialistenpublikum abzuholen. Wenn auch jemand aus der Krippe meiner Kinder sagt: „Das ist ja ein Backstein!“, dann ist es cool. Die Welt wird ein wenig größer, wenn sie zugänglicher gemacht wird.

Ihr arbeitet bei der Umsetzung Eurer Entwürfe vor allem mit Handwerksfirmen zusammen. Warum? Wir schätzen dieses fachmännische Wissen und die Tradition dieser Betriebe. Es ist total relevant für unsere Kultur, diese Fähigkeiten zu zeigen und sie weiter zu entwickeln. Wir sind leider schon oft der Situation begegnet, dass wir niemanden mehr finden, der noch etwas über ein spezielles Material und eine besondere Technik weiß. Daher motivieren wir immer wieder die Betriebe, mit denen wir arbeiten, neue Leute auszubilden. Es braucht lange, um die Eigenschaften eines Materials zu spüren und nicht mehr durchdenken zu müssen.
Könnt Ihr dafür ein Beispiel geben? Wir arbeiten mit einer Steinfirma in Italien zusammen, deren ältester Steinmetz 93 Jahre alt ist. Von ihm lernt ein jüngerer Herr, wie man den Stein auf die Drehbank spannt, damit er nicht springt. Bei einigen Steinen sieht man kaum eine Maserung. Anders als beim Holz gibt es keine klare Richtung. Wenn man den Älteren fragt, gibt es natürlich eine Richtung. Aber für mich ist das nicht sichtbar. Er hat ein unglaublich gutes Auge. Dem Jüngeren springt nach sieben Jahren immer noch jeder vierte Stein. Dem Alten springt einfach kein Stein. Es geht um Intuition und nicht um reine Logik.

Indem Ihr mit diesen Firmen arbeitet, öffnet Ihr sie für neue Anwendungen – und helft ihnen somit, zu überleben. Genau das ist unsere Spezialität: Das Wissen von diesen Handwerksbetrieben zu studieren und uns etwas auszumalen, was noch möglich wäre. Wir haben uns in sehr viele Techniken und Materialien eingearbeitet. Da verfügen wir über ein Sammelsurium an Erfahrungen, die wir mutieren können. Natürlich ist es nicht ganz einfach, jemanden zu finden, der von seinem Handwerk absieht und einen Schritt machen möchte, den er bisher noch nicht getan hat. Es braucht den Mut zum Risiko, weil einfach mal etwas nicht klappt. Doch so oder so: Ohne Fachleute wären wir verloren!

Wie funktioniert der Arbeitsprozess als Duo? Am Anfang machen wir das Konzept zusammen. Das bedeutet viel Kaffee trinken und schwatzen, bis die Grundüberlegung für uns korrekt ist. Das Schöne daran, im Duo zu arbeiten, ist ja: Solange man sich gegenseitig etwas erklären muss, ist es noch nicht selbstverständlich. Das heißt, wenn wir so weit sind, dass es uns total logisch erscheint, dann ist die Chance, dass es andere Leute auch verstehen, sehr viel größer. Das braucht natürlich Zeit, weil wir viel recherchieren, denken, zusammenkommen und reden. Danach machen wir die Form und bauen alles aus Karton. Da sind wir echte Nerds. Das versteht dann kein anderer Mensch mehr. Weil wir dann wegen ein paar Millimetern alles neu zuschneiden und verändern, damit die Proportion stimmt. Bei den anderen Dingen können wir viel aufteilen.

Worin liegt die größte Herausforderung im Design? Für uns sind es die politischen Umstände. Wir lesen beide sehr viel Zeitung und sind informiert über das Geschehen in der Welt. Weil wir viel darüber diskutieren, müssen wir uns rechtfertigen, warum wir uns mit der schönen Form befassen. (lacht) Das ist echt der kniffligste Punkt. Wir arbeiten ja schon seit Jahren zusammen. Alle paar Monate kommt dieser Moment, die Arbeit in Frage zu stellen. Das ist sehr wichtig und gesund. Wenn man eine Aufgabe darin sieht, ein kritischer Mensch zu sein, kommt man da nicht herum.

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Links

Kueng Caputo

www.kueng-caputo.ch

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