Menschen

Mathias Klotz

Der chilenische Architekt Mathias Klotz im Gespräch über Holz, Beton, den Minimalismus und seinen Weg zur Architektur.

von Jeanette Kunsmann und Stephan Becker, 18.09.2013

LEISE, ABER NIEMALS MINIMAL
Meister der Reduktion oder Wiederholungstäter? Die Gebäude von Mathias Klotz sind klar und präzise – eine Ausstellung behauptet nun, dass sie auch poetisch seien. Wir haben den chilenischen Architekten kurz vor der Eröffnung in der Berliner Galerie Aedes getroffen und mit ihm über Holz, Beton und den Minimalismus gesprochen.

Lieben Sie Beton – oder Holz?
Ich finde, jedes Material ist ein gutes Material. In meinen Projekten arbeitete ich mit Baustoffen, die zu dem Ort passen und den natürlichen Bedingungen so gut wie möglich standhalten. Darum verwende ich oft Beton und Holz. Meine Gebäude mag ich besonders gern, wenn sie alt geworden sind. Ich denke in den nächsten zehn Jahren, nicht in den nächsten zehn Tagen.

Was ist das Poetische an einer Kiste?
(lacht) Das müssen Sie Miquel Adriá fragen – er hat die Texte zu meinem Werk geschrieben, nicht ich! Eine Box an sich ist natürlich nicht poetisch. Für mich ist der Kubus eine natürliche und einfache Form – wegen der Konstruktion, aber auch wegen des Raums, den man damit schafft. Um ehrlich zu sein: Ich wüsste nicht, wie ich einen Blob bauen sollte.

Die Reduktion der Form ist also keine Selbstbeschränkung?
Nein! Es geht eigentlich darum, wie man sich wohlfühlt – ähnlich wie bei Schuhen. Wenn ich versuche, mit anderen Geometrien zu arbeiten, stoße ich an meine Grenzen.

Aber Sie haben es versucht?
Mehr als einmal – immer mit wirklich schlechten Ergebnissen (lacht laut). Es ist besser, ich arbeitete so, wie ich es kann und weiß.

Also sind Sie ein Experte für die Kiste?
Nein. Ich konzentriere mich nicht auf das Volumen, sondern entwerfe meine Bauten in Grundriss und Schnitt – also von innen nach außen und nicht umgekehrt.
Vielleicht kann man sie in diesem Punkt missverstehen, weil ihre Modelle sehr stark als Objekte wirken.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Auftraggebern? Ihre Häuser erscheinen sehr intim.
Sowohl mit privaten Bauherren als auch mit Institutionen oder Projektentwicklern arbeitete ich immer sehr eng zusammen. Man muss ein Gebäude in seinem gesamten Kontext denken – das heißt, nicht nur vom Grundstück aus, sondern in seiner Funktion und Nutzung, in seinem Budget und in seiner Konstruktion. Erstaunlicherweise ist die Realisierung von den kleinen Projekten, den privaten Wohnhäusern, am kompliziertesten – weil eben der Anspruch extrem hoch ist: Wenn man ein Haus baut, dann für den Rest des Lebens. Manchmal dauert allein die Entwurfsphase mehrere Jahre. Wenn man dabei keinen Spaß hat, kann man es vergessen. Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, aber diese intensive Zusammenarbeit verbindet: Ich bin heute mit vielen meiner Auftraggeber eng befreundet.

Wie sieht das perfekte Wohnhaus aus?
Man muss sich darin wirklich wohlfühlen, und es muss flexibel sein. Die Nutzer sind die Protagonisten  – nicht die Architektur! Formal sind meine Bauten radikal, aber ihre eigentliche Qualität ist, dass sie versuchen, möglichst simpel zu sein. Meine Gebäude sind still und leise – aber nicht minimal! Den Minimalismus mag ich überhaupt nicht, da ist alles fix, und wenn man nicht das richtige Sofa hat, bricht das gesamte Konzept zusammen.

Entwerfen Sie denn auch die Innenräume?
Ja, aber nur, wenn der Bauherr es auch wirklich wünscht – sonst ist es ein zu großer Kampf. Ich habe schon große Überraschungen erlebt, wie manche ihr Haus am Ende einrichten (lacht laut): The Day After!

Um daran anzuknüpfen: Wie wichtig ist Ihnen als Architekt Präzision und Kontrolle? Spielt es zum Beispiel eine Rolle, dass Sie eher lokal arbeiten, also den Kontext gut kennen?
Natürlich versuche ich, soviel wie möglich zu kontrollieren und zu steuern. In meinem Büro habe ich zehn Mitarbeiter, auf die Baustelle gehe ich aber immer selbst: um ein gutes Verhältnis zum Bauunternehmer zu pflegen. Gerade bauen wir zwei Projekte in China, da ist es wesentlich schwieriger. Die Kommunikation ist so langsam, dass ich manchmal denke, die haben mich vergessen.

Ihre Architektur erscheint modern, es lassen sich aber auch traditionelle Bezüge vermuten. Die horizontalen Linien bei der Casa Klotz zum Beispiel erinnern an das amerikanische Präriehaus: einem starken, autonomen Objekt aus Holz?
Eine gute Frage, aber die Geschichte dahinter ist schnell erzählt: Dieses Haus habe ich vor 24 Jahren für meine Mutter gebaut – mit einem sehr geringen Budget. Wenn man in Chile ein Wohnhaus aus Holz baut, hat man die Unterkonstruktion, eine Schicht aus groben Holz und darüber die Holzfassade. Das Geld war bereits bei der ersten Holzschicht verbraucht. Um die Lücken zwischen den einzelnen Holzbalken zu schließen, habe ich diese isoliert und so die horizontalen Linien betont. Auch wenn der Baukörper also sehr abstrakt aussieht – kommt man näher, stehen die Texturen im Vordergrund. Diese Idee ist also aus der Not entstanden, und ich habe sie bei meinen späteren Projekten wieder aufgegriffen (grinst). Keine akademische Erklärung, oder?

Sie sind aber nicht nur Architekt, sondern seit über 25 Jahren auch in den Bereichen Film und Fotografie tätig. Was für Filme machen Sie?
Nein, nein, das ist eher eine Art Hobby. Ein Film ist auch hier in der Ausstellung zusehen: eine Dokumentation über die Landschaft in Chile nach dem Tsunami von 2010. Das ist wirklich erstaunlich, denn die Landschaft hat sich durch diese Katastrophe überhaupt nicht geändert. Die Städte hingegen wurden komplett zerstört. Was mich an Film sehr fasziniert, ist die Addition. Aber mich interessieren keine Spielfilme, ich mache Dokumentationen. Ich möchte keine Geschichten erzählen.

Und warum sind Sie Architekt geworden?
Als Schüler wollte ich eigentlich Kunst studieren, aber meine drei Jahre ältere Schwester kam mir zuvor. Ich wollte nicht denselben Beruf wie meine Schwester haben; außerdem waren zu dieser Zeit viele chilenische Architekten als Künstler oder Filmemacher tätig. Deswegen habe ich entschieden, Architektur zu studieren. Während des Studiums war ich überzeugt, dass ich am Ende Filmregisseur werde – und ich hatte tatsächlich mal als Art Director für zwei oder drei Filme in Chile gearbeitet. Es waren wirklich schlechte Filme, aber sie sahen gut aus.

Bevor ich mein Diplom hatte, rief mich ein Freund an, ob ich Interesse hätte, an einem Wettbewerb für drei Sommerhäuser teilzunehmen. Gute Aufgabe, dachte ich, hätte aber nie damit gerechnet, dass ich gewinne. Nachdem diese fertig gestellt waren, bekam ich Anfragen für weitere Häuser – ich hatte also gar keine Wahl.

Welche Einflüsse waren für Sie als Architekt wichtig?
Ich habe ja zur Zeit der Postmoderne studiert. Unsere Professoren haben Le Corbusiers Unité in Marseille als Albtraum bezeichnet, Mies van der Rohe war ein Teufel und so weiter. Zu dieser Zeit waren etwa 70 Prozent der Architekten in Chile arbeitslos. Die Stimmung war gedrückt, aber zu der Zeit dachte ich noch, ich werde Filmregisseur – also hat mich das nicht gekümmert.

Sie haben deutsche Wurzeln – was ist Ihr Eindruck von Berlin?
Obwohl meine Großeltern Deutsche sind, war ich erst Ende der Achtziger zum ersten Mal in Deutschland. Ich reiste von Prag nach Berlin – zusammen mit einer Gruppe ostdeutscher Medizinstudenten. Mit ihnen habe ich die letzte Woche in der DDR vor dem Fall der Mauer erlebt und gefeiert. Das war mein erster Kontakt mit Deutschland. Seitdem komme ich regelmäßig nach Berlin. Ich finde es beeindruckend, wie eine Stadt innerhalb von nur einem Jahrhundert vier verschiedene Gesellschafts- und Stadtmodelle gebaut hat – wobei jedes einzelne gleichzeitig ein Versuch war, das vorige zu überschreiben. Unglaublich und aufregend. Dass sie hier jetzt aber dieses schreckliche Schloss gegenüber dem Dom bauen wollen, das ist schon mehr als seltsam.

Mathias Klotz' Ausstellung „The Poetics of Boxes“ ist noch bis zum 17. Oktober 2013 in der Galerie Aedes, Christinenstr. 18-19, 10119 Berlin, zu sehen. Die Werkmonographie „30 years in architecture – Mathias Klotz“, herausgegeben von Miquel Adriá, ist im mexikanischen Verlag Arquine erschienen.

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Links

Die Ausstellung

www.aedes-arc.de

Der Architekt

www.mathiasklotz.com

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