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Michael Kindler

von Claudia Simone Hoff, 10.08.2010


Michael Kindler ist zusammen mit Guido Metz einer der beiden Köpfe des Designerduos Metz & Kindler. Geboren 1965, studierte er 1988 bis 1993 Produktdesign an der Fachhochschule Darmstadt-Mathildenhöhe. Gleich nach Studienabschluss machte er sich mit Guido Metz mit einem eigenen Designbüro selbständig. Die beiden haben sich auf das Entwerfen von Tableware spezialisiert und bisher mehr als 500 Produkte für WMF entwickelt und realisiert. Zudem arbeiten Metz & Kindler für Unternehmen wie Rosenthal, Kaiser Backform, Auerhahn, Reichenbach, Nils Holger Moormann und Authentics. Das Besteck „Nomos“ für WMF wurde 2008 mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Wir trafen Michael Kindler in seinem Designstudio im Kontorhaus einer ehemaligen Kammfabrik in Darmstadt und sprachen mit ihm über die Sinnlichkeit von Modellen, Arbeitsbienen und Name Dropping sowie einen langen Atem.

 

Herr Kindler, Sie haben bisher mehr als 500 Produkte für WMF entworfen. Erzählen Sie doch etwas zu dieser außergewöhnlich engen Zusammenarbeit.

Die Zusammenarbeit begann kurz nach dem Studium – das war für uns ein Glückstreffer. Wir haben eine Suppenkelle entworfen, die durch zwei „Ohren“ am Außenrand des Topfes hängen konnte. Als wir bei WMF angefangen haben, gab es dort ja noch eine Unmenge von Produkten: ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – bis sich das Unternehmen auf Edelstahl verlegt hat. Das war auch ein wenig unsere Idee, sozusagen zurück zu den Wurzeln zu gehen, zu einer Wertigkeit, zu einem Produkt, das man eine Weile benutzt. WMF ist von der Zielgruppe her sehr breit aufgestellt. Der typische WMF-Käufer ist, allgemein gesagt, ein Pärchen: Die Frau sucht das Produkt aus und entscheidet eher nach dem Aussehen, während der Mann das Produkt technisch begutachtet und es dann kauft.

Zu den Gestaltungsaufgaben für WMF gehören auch semiprofessionelle Kaffee-Automaten für den Heimbereich. Wie sieht das Briefing für solch ein technisch doch relativ komplexes Produkt aus?

 
Man bekommt vom Unternehmen Informationen darüber, welche Teile in das Gerät hineinkommen und welche Ausmaße die Kaffeemaschine haben soll. Gleichzeitig überlegt man als Designer, was man verändern, welches Teil man beispielsweise versetzen könnte. Zuerst wird ein Modell erstellt, das täuschend echt aussieht. Früher haben wir das selbst gemacht, jetzt macht das unser Modellbauer – wir sind ein eingespieltes Team. Die Modelle sind meist sehr nah an dem später produzierten Produkt. Das Sinnliche ist wichtig, auch beim Modell.
 
Und wie sieht es aus mit der Topfserie „Gourmet Plus“, die Sie für WMF entworfen haben?

„Gourmet Plus“ war ja nicht unsere erste Topfserie. Wir hatten bereits eine für Silit und eine für WMF entworfen. Die Erfahrungen, die wir bei der Umsetzung gemacht haben, konnten wir dann für „Gourmet Plus" einsetzen. So ist jetzt beispielsweise der Deckel schwerer und wirkt deshalb wertiger. Wir hatten uns am Anfang des Entwurfsprozesses gefragt, was wir mit so simplen Töpfen machen könnten, waren in den Läden und haben herausgefunden, dass es den Leuten beim Kauf von Töpfen immer um das Gewicht geht – das ist für viele ein Qualitätsmerkmal. Die Topfserie „Gourmet Plus" ist mit Abstand die erfolgreichste, weil sie genau die Mitte trifft, sowohl beim Gewicht als auch beim Design. Bei WMF muss man immer die gestalterische Waage halten, um den Geschmack der Zielgruppe zu treffen – das ist die Schwierigkeit.
 
Man ist also von vornherein sehr eingeschränkt beim Design?
 
Viele Produkte kommen nicht auf den Markt, weil die Designer die gestalterischen Vorgaben nicht erfüllen. Wenn Sie sich die Designerliste bei WMF einmal ansehen, stehen dort zwar viele Namen, die meisten Produkte werden aber fast immer von denselben Designern gestaltet. Oder es werden Designer ausgewählt, die einen bekannten Namen haben wie beispielsweise Zaha Hadid – von ihrem Besteck kann man aber gar nicht so gut essen. Unsere Arbeit sieht anders aus: Wir machen regelmäßig Studien und bauen qualitätvolle Modelle. Wir überlegen uns beispielsweise, wie eine Kaffeemaschine in fünf Jahren aussehen könnte – ganz neue Konzepte also, die aber dennoch realistisch sind. Wir sehen uns eher in der Rolle der Arbeitsbienen. Aber viele Designer schaffen es erst gar nicht, mit ihren Entwürfen in das Sortiment aufgenommen zu werden.
 
Zu WMF gehören verschiedene Marken wie Alfi, Auerhahn und Kaiser Backform, für die Sie auch Produkte entworfen haben. Hat jedes dieser Unternehmen eine eigene Designabteilung?
 
Nein, WMF beispielsweise ist auch für Auerhahn zuständig. Als Auerhahn von WMF aufgekauft wurde, hat man geschaut, welche Produkte WMF nicht verwendet hat, was zu edel war und hat diese Ideen dann an Auerhahn weitergegeben. Inzwischen kommen dort aber auch ganz neue Linien auf den Markt. Bei WMF ist jeweils ein Designmanager für eine Marke zuständig und es gibt einen regelmäßigen Austausch zwischen WMF und den Tochterfirmen.
 
Für das Besteck „Nomos“ wurden Sie mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Das Entwerfen von Besteck gilt gemeinhin als schwierig – stimmt das?
 
Ja, es ist sehr schwierig. Denn bei einem Besteck macht jedes Zehntel etwas aus: So kann ein Besteck schnell zu schwer, zu leicht oder zu verspielt wirken oder zu nah an einem bereits auf dem Markt erhältlichen Besteck sein. „Nomos“ wurde von WMF kontinuierlich weiterentwickelt und im Nachhinein um einzelne Teile ergänzt – darauf hatten wir keinen Einfluss mehr. „Nomos“ hat zwei Seiten: Von oben wirkt es sehr streng, fast schon architektonisch, von unten jedoch weich und liegt gut in der Hand – das macht seinen Erfolg aus. Für Besteck muss man einen speziellen Blick haben. Für teure Bestecke wie die von Pott braucht es natürlich auch die richtige Kundschaft. Ich würde nicht sagen, dass diese Bestecke besser sind, aber es steckt eben eine Geschichte dahinter. Für die Hersteller ist die Zusammenarbeit mit Spitzenköchen interessant, denn dahinter steht der gesamte Gastro-Bereich mit einzelnen Firmen, die Geschirr und Besteck für große Events verleihen – da gibt es dann vom teuren Hering-Porzellan, über das Mono-Besteck bis hin zu WMF alles, was man an Tableware braucht.
 
Im Unterschied zu WMF gibt es Unternehmen, die ihre Produkte hauptsächlich über die Namen bekannter Designer verkaufen, Alessi beispielsweise. Was halten Sie davon?
 
Alessi ist eher etwas für die Visitenkarte. Jasper Morrison hat viel für Alessi gemacht, David Chipperfield und andere auch – da werden die Designer ganz bewusst ausgesucht. Das ist aber nichts, wovon man als Jungdesigner leben könnte. Und als Designer muss man sehen, dass alle – sowohl das Unternehmen als auch man selbst – etwas davon haben. In den Jahren der Zusammenarbeit mit WMF sind sehr viele Produkte entstanden, an deren Verkauf wir beteiligt sind. Wenn sich ein Produkt gut verkauft, dann verdienen wir gut. Wenn sich ein Produkt nicht gut verkauft, dann verdienen wir auch nicht gut – das ist das Risiko. In der Möbelbranche ist es noch extremer, denn dort wird zu Beginn eines Projekts gar nichts gezahlt, sondern erst wenn das Produkt auf den Markt kommt. Die Designer, die das durchhalten, haben meist einen gewissen finanziellen Background, denn von irgendetwas muss man ja leben und seine Modelle bauen. Unserer Spitzenreiter bei den Verkaufszahlen ist übrigens die Gewürzmühle mit Keramikmalwerk für WMF – das war ein Segment, das vorher noch nicht bedient wurde. Wir haben zwar einen Stamm an Firmen, für die wir arbeiten, neue sind uns aber natürlich immer willkommen [lacht].
 
Apropos neue Firmen: Würden Sie gern einmal etwas für Ikea gestalten?
 
Ja, sehr gern. Wir sind mit unserer Arbeit für WMF ja bereits im Massenmarkt unterwegs. Da geht es nicht um hunderte, sondern um tausende Stücke. Und Ikea ist noch viel interessanter, denn dort herrscht eine ganz andere Denkhaltung, was dann heißt: noch ein Stück von der Treppe herunterkommen und noch einfacher gestalten. Denn die Dinge bei Ikea sind durchdacht bis in das letzte Schräubchen.
 
Sie haben auch einige Produkte für den Sternekoch Juan Amador entworfen.
 
Ja, wir wollten etwas Besonderes für Juan Amador machen und haben mit einem Kaffeeset und Schalen aus Porzellan begonnen. Wir haben ihm dann die Entwürfe präsentiert und uns um das gesamte weitere Prozedere gekümmert. Wir haben Reichenbach für die Herstellung der Porzellanserie „Para mi“ ausgesucht, weil die auch die gesamten Hering-Porzellane herstellen. Das beweist, dass Reichenbach auch mal andere Formen herstellen kann. Wir haben für „Para mi“ lauter Stücke entworfen, die man in der Spitzengastronomie benötigt – so etwas kauft man sich aber normalerweise nicht für zuhause, denn das ist ja eine ganz andere Welt.
 
Identifizieren Sie sich eigentlich mit sämtlichen Produkten, die Sie bisher entworfen haben?
 
Nicht alles sind Sachen, die ich mir zuhause hinstellen würde. Wir schauen, dass das Produkt für das jeweilige Unternehmen optimal gestaltet ist. Denn alle sind nur glücklich, wenn die Sachen auch verkauft werden. Wenn wir nur unsere eigene Handschrift durchsetzen würden, ältere Kunden mit dem Produkt von WMF aber nichts anfangen könnten, dann hätten wir letztendlich unser Ziel verfehlt.
 
Wie sieht die Arbeitsteilung in Ihrem Büro aus?
 
Wir sind ja nur zu zweit, Guido Metz und ich. Guido hängt nur am Computer und macht eigentlich fast alles – von der Idee bis zur Umsetzung – während ich alles Unangenehme machen muss [lacht]. Das funktioniert sehr gut, weil wir uns ja schon ewig kennen, seit der ersten Schulklasse. Wir sind auch nicht den ganzen Tag im Büro, denn wir haben Familien, einen Haufen Kinder – sprich: da sind auch noch ein paar andere Welten und dementsprechend arbeiten wir sehr effektiv. Deswegen haben wir auch keine festangestellten Mitarbeiter.
 
Ist es schwer, als junger Designer Aufträge von der Industrie zu bekommen?

Ja, sehr schwer. In Darmstadt gibt es etwa 35 Designer, die jedes Jahr ihren Abschluss machen, aber nur zehn Büros, die von ihrer Arbeit leben können. Es ist schwer an Firmen ranzukommen und man muss vor allem einen langen Atem haben. Wir hatten einen extrem langen Atem und bereits zwei oder drei Jahre für die WMF gearbeitet und einen Stapel von Entwürfen parat, aber es wurden kaum Produkte umgesetzt. Wenn man aus dem Studium kommt und eine tolle Idee hat, zum Beispiel für ein Handy oder ein Besteck, geht man zu einem Hersteller und der sagt im besten Fall „Ja, genauso machen wir es“. Und dann braucht es Zeit, bis alles abgesegnet ist und dann dauert es noch über ein Jahr, bis das Produkt auf den Markt kommt. Erst dann bekommt man irgendwann Geld für seine Arbeit. Wir sind auch nicht gerade geschickt bei der Akquise von Projekten – die Firmen interessieren sich oft gar nicht für das, was man bereits gemacht hat. Oft haben Studenten sogar bessere Chancen irgendwo reinzukommen, weil die für weniger Geld arbeiten. Das Problem ist, dass es nicht mehr so viele Unternehmen gibt, denn viele sind weggebrochen in den letzten Jahren. Aber Hartnäckigkeit und Penetranz zahlen sich auf jeden Fall aus.

Gibt es etwas, das Sie inspiriert?
 
Museen sind eine große Inspiration. Wenn ich in Berlin oder woanders bin, dann gehe ich als erstes in die Museen, um zu sehen, was dort für Ausstellungen laufen, gerade in Hinblick auf Kunst und Design. Wir sind ja Produktfuzzies – wir können gar nicht anders als durch die Stadt zu gehen und nach neuen Dingen Ausschau zu halten.
 
Herr Kindler, vielen Dank für das Gespräch.
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Links

Metz & Kindler Produktdesign

www.metz-kindler.de

Weinausgießer für Auerhahn

www.designlines.de

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