Menschen

Michael Kramer

von Katharina Horstmann, 16.12.2010

 
Er ist Glasmacher, Glasdesigner und Glashersteller zugleich: Michael Kramer. Geboren 1964 in Luzern macht er zunächst eine Ausbildung in einer Glashütte in der Schweiz und studiert später Produktdesign am West Surrey College of Art and Design in England. 1992 eröffnet er sein eigenes Glasstudio in Bremen und macht sich schnell einen Namen; unter anderen kaufen bei ihm Galerien und Geschäfte wie Moss, Colette oder auch Rosenthal Hamburg ein. 1994 fängt er an, für die mexikanische Glasmanufaktur Nouvel Studio zu arbeiten und zieht sechs Jahre später nach Mexiko-Stadt, um als Partner das Unternehmen weiter auszubauen. Wir trafen Michael Kramer in der mexikanischen Hauptstadt und sprachen mit ihm über industrielle Manufakturprozesse, mexikanische Urbilder und warum ein Galeriebesuch sein Leben veränderte.


Herr Kramer, Ihr Leben dreht sich seit 25 Jahren um das Material Glas. Wie kamen Sie das erste Mal mit dessen Herstellung in Berührung?
 
Nach meinem Abitur wusste ich nicht so recht, was ich machen sollte. Das änderte sich aber bei dem Besuch einer Glasfabrik, die einem Bekannten meines Vaters gehörte. Ich war von der Arbeit völlig fasziniert. So begann ich mit einer Ausbildung und lernte Glasmacher, angefangen beim Formen, Glasblasen bis hin zu bestimmten Techniken.
 
Was fasziniert Sie so sehr an der Arbeit mit dem Material?
 
Glas ist ein sehr spontanes Element. Es ist direkt, da der Glasprozess kurz ist. Den musst du gut dominieren können, und dabei ist die Teamarbeit sehr wichtig. Außerdem sieht man sofort den Effekt. Glas ist auch ein gefährliches Material. Es ist heiß und muss zügig verarbeitet werden, was zu schnellen Resultaten verleitet. Mich interessiert jedoch die Kontrolle, nicht das Wilde. Ich möchte das Material bestimmen.
 
Wie würden Sie denn Ihre Ästhetik beschreiben?
 
Funktional und zeitlos. Mich interessieren keine Modetrends, dafür spiele ich gerne mit Farben.
 
Sie sind gebürtiger Schweizer und leben seit über zehn Jahren in Mexiko. Was hat Sie hier her verschlagen?

Das ist eine längere Geschichte. Ich habe vorher in Bremen gelebt. Dort hatte ich die Möglichkeit, ein Studio zu übernehmen, das die Stadt Bremen eingerichtet hatte, das jedoch von niemandem wirklich benutzt wurde. Und dort begann ich auch mit eigenen Kleinproduktionen, die ich auf Messen und in Ausstellungen präsentierte und wovon auch einige Objekte Preise gewonnen haben. Vor etwa fünfzehn Jahren dann lernte ich zufällig in einer holländischen Galerie meinen heutigen Geschäftspartner Alonso González kennen. Dieser bot mir an, das, was ich in Bremen hatte, in Mexiko-Stadt aufzubauen.

Wie das?
 
Zuerst begann ich, in Mexiko zu produzieren und kam deswegen sechs, sieben Mal im Jahr her. Doch es gefiel mir so gut, dass ich mich zu einem Umzug entschloss. Dadurch hatte ich auch die Möglichkeit, etwas Größeres aufzubauen und wurde zum Partner.
 
Was war die Herausforderung der neuen Aufgabe?
 
Design hat mich immer interessiert, und ich bin als Designer hierhergekommen. In Deutschland habe ich unter meinem Namen gearbeitet; es war sozusagen eine Ein-Mann-Show. Mich hat jedoch nie interessiert, im Mittelpunkt zu stehen. Was ich machen wollte, war, zu produzieren. Das war einer der Gründe, warum mir das Angebot, nach Mexiko zu gehen, so gut gefallen hat. Hier hatte ich die Möglichkeit, etwas aufzubauen, bei dem nicht ich, sondern das Produkt im Mittelpunkt steht, und es darum geht, Lösungen zu finden.
 
Wie sieht denn die Philosophie von Nouvel Studio aus?
 
Wir wollten von Anfang an eine Kollektion entwickeln, in der exklusives Design zusammen mit einer hochwertigen Massenproduktion bestehen kann. Dabei soll jedes Projekt seine perfekte Farbe und Form einfangen und das Licht kristallisieren, um die größte Materialreinheit zu bieten.
 
Für die Kollektion a+d>mx haben Sie dreizehn renommierte mexikanische Architekten und Designer eingeladen, etwas für Nouvel Studio zu entwerfen. Was hat es mit dem Projekt auf sich?
 
Die Idee war, mit dem Projekt Nouvel Studio als eine solide, wieder erkennbare Marke zu positionieren. Am Anfang haben sowohl mein Partner als auch ich entworfen. Später haben wir angefangen, auch externe Designer dazuzuholen – zum Beispiel den Australier Jonathan Baskett, mit dem ich schon in Bremen zusammengearbeitet habe und der heute bei uns die Innovationsabteilung leitet. Eine anfängliche Schwierigkeit hier in Mexiko war und ist auch immer noch ein wenig, dass alles, was von Außen kommt als gut gilt, aber dass das, was hier produziert wird, wenig zählt. Die Designszene ist nicht wie die in Europa, aber sie wächst. Hier passiert zurzeit sehr viel, und ich glaube, Mexiko ist stark am Kommen. Wir haben das Problem, glaubwürdig zu sein, was das mexikanische Design und Kunsthandwerk angeht. Gerne wird gesagt: „Ich habe auch jemanden zuhause, der kann…“. In Deutschland habe ich gelernt, dass Kunsthandwerk wirklich von der Tradition und vom Können kommt. Hier in Mexiko haben wir auch hervorragende Handwerker und Kreative. Und genau die wollten wir mit dem Projekt a+d>mx zusammenbringen.
 
Wie sind Sie dabei vorgegangen?
 
Von Anfang an stand fest, dass nicht ich die Kreativen auswählen sollte. Deshalb haben wir ein Gremium zusammengerufen, das die Aufgabe übernommen hat. Fest stand auch, dass sie ein Trinkglas entwerfen sollten, alles andere stand ihnen offen. Sie konnten frei entscheiden, wie sie das Thema interpretieren wollten, und wir haben versucht, die technische Lösung dafür zu finden. Durch das Projekt ist ein guter Pool an Designern zusammengekommen, mit denen wir immer noch zusammen arbeiten. Außerdem haben wir auch ein bisschen das Paradigma Mexiko durchbrochen und arbeiten heute auch mit anderen guten Künstlern, Architekten und Designern.
 
Entwerfen Sie auch noch?
 
Weniger, aber ich versuche unserer Design- und Entwicklungsabteilung sehr viel Zeit zu widmen. Neben unseren eigenen Produkten ist ein großer Teil unseres Geschäfts die Entwicklung von neuen Manufakturprozessen für die Verpackungsindustrie – zum Beispiel für Liköre oder auch Parfums –, die dann bei unserer Partnerfirma Grupo Pavisa zum Einsatz kommen. Wir, das heißt Nouvel Studio, sind das Design- und Innovationshaus der Gruppe. Im Kern sind wir Handwerker, Glasmacher, und das ist auch das, was uns von anderen Unternehmen unterscheidet.
 
Schweiz, Skandinavien, England, Deutschland und jetzt Mexiko. Beeinflusst Sie die hiesige Kultur auf eine bestimmte Weise?

Sicher, die Farben. Sie gehören bestimmt zu den Dingen, die mich hier inspirieren. Wenn du über Mexiko-Stadt fliegst, mag es dir vielleicht etwas grau erscheinen, aber wenn du hier eintauchst, dann siehst du, dass sie fröhlich ist, die Sonne scheint und, es gibt guten Tequila [lacht].
 
Vielen Dank für das Gespräch.
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Links

Nouvel Studio

www.nouvelstudio.com

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