Menschen

Neri & Hu: Botschafter wider Willen

„Es braucht den Diskurs und die gegenseitige Beeinflussung.“

von Katharina Horstmann, 28.09.2018

Rossana Hu und Lyndon Neri haben am eigenen Leib erfahren, dass Stereotypen auch vor der Designwelt nicht haltmachen. Wozu sie diese Erfahrung inspiriert hat und was sie von ihrer Rolle als chinesische Designbotschafter halten, erzählen uns die beiden Architekten im Interview. 

Sie wurden einmal als ‚Botschafter wider Willen’ des chinesischen Designs bezeichnet. Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, dem chinesischen Design ein neues Image zu verleihen? Lyndon Neri: Eigentlich möchten wir keine Botschafter sein, haben uns aber dieser Rolle gestellt, um die Wahrnehmung des chinesischen Designs zu ändern. 

Warum? LN: Als Chinesen wurden wir auf Messen oft von Ständen verwiesen. Die Leute hatten Angst vor Ideenklau und Kopien. Das hat uns sehr bestürzt. Aus dieser Frustration und einer gewissen Arglosigkeit heraus ging der Wunsch hervor, zu beweisen, dass wir als Nation etwas vorzuzeigen haben. Viele Menschen versuchen, uns zur Stimme des chinesischen Designs zu machen. Das war aber so nie unser Ansatz. Es wäre lächerlich, ganz China repräsentieren zu wollen. Das Land ist viel zu groß und viel zu divers. Wir hoffen nur, Design wieder in den Alltag zurückzubringen und es relevant zu machen.

Im Rahmen der diesjährigen Mailänder Möbelmesse haben Sie für den Möbelhersteller Stellar Works eine Installation gestaltet, in der die Stadt Shanghai eine tragende Rolle spielt. Bestand der Ansatz dabei darin, die generelle Auffassung des „Made in China“ ändern zu wollen? Rossana Hu: Die Installation nennt sich any/everyWHERE und erklärt visuell einprägsam, woher wir kommen. Die Aussage ist „Made in Shanghai". Es geht hier um die Stadt, nicht um China. Es geht um eine Stadt, die chaotisch und gleichzeitig hochentwickelt ist. Es gibt dort Handwerk, das in vergangener Kultur verankert ist, aber gleichzeitig all diese Technologie, um mit der Zukunft zu arbeiten und Design dahingehend zu entwickeln – was sich auf das Leben von Menschen überall auswirkt. Daher geht es auch um überall – unsere Arbeiten könnten sich an jeglichem Standort befinden, die Lage und der Ort sind aber dennoch wichtig.

Wie würden Sie generell Ihre Arbeitsweise beschreiben? RH: Wir beschäftigen uns mit zwei Projektarten: einerseits mit der Wiederbelebung oder Wiederaneignung eines existierenden Gebäudes, das oft auch geschichtlich relevant ist. Andererseits mit etwas komplett Neuem oder neu zu Gestaltendem, dem auch eine neue Bedeutung zugewiesen werden muss. Bei dem Hotel Waterhouse oder unserem Concept Space Design Republic in Shanghai zum Beispiel handelt es sich um renovierte Gebäude. Bei solchen Projekten neigen wir dazu, mit dem Existierenden zu arbeiten, dem Historischen und Traditionellen. Injiziert wird das Neue.

Und wenn es sich um einen Neubau handelt? RH: Bei einem komplett neuen Projekt müssen wir das Alte finden, es wird uns nicht gegeben. Dann schaffen wir etwas, das historisch ist, jedoch ohne dabei etwas Bestehendes einfach zu kopieren. Wir greifen gewisse Aspekte des Ortes auf und schaffen etwas gänzlich neuartiges, das sich dennoch vertraut anfühlt. Wir glauben, dass Menschen immer etwas Vertrautes suchen. Gewisse Elemente aus der Geschichte zu entlehnen und sie an die Oberfläche zu bringen, ist uns wichtig.

LN: Das muss nicht zwangsläufig Material oder Patina sein. Es kann auch die Abfolge der Wohnräume sein, eine altertümliche Art, einen Grundriss zu interpretieren. Zum Beispiel die Typologie eines Hauses mit umbauten Innenhof. Uns interessiert dabei das gesamte Gefüge, die Struktur einer Stadt.

Inwieweit spielt Ihr chinesischer Background eine Rolle? RH: Wir stellen uns gerne die Frage, was chinesisch ist. In unseren früheren Projekten wie dem China House des The Oriental Hotels haben wir uns an verschiedenen Zeitperioden Chinas, wie den Zwanzigerjahren oder der Kaiserzeit orientiert. Im Laufe der Jahre haben wir uns weiterentwickelt und versucht, abstrakter und räumlicher zu denken. Beim Water House zum Beispiel wollten wir Shanghai erfahrbar machen. Natürlich ist Shanghai chinesisch, aber nicht auf eine offensichtliche Weise. Wir suchen immer nach kulturellen Stichwörtern und Hinweisen, die versteckt und nicht sofort ersichtlich sind. Im Waterhouse ist die Erfahrung eine räumliche. Es gibt diese Ausschnitte, diese Ausblicke - von einem Fenster zum anderen und zu vielen weiteren zu blicken. Wie die, die wir in den vergangenen zehn Jahren, die wir in Shanghai leben, gefunden haben. Ist das aber chinesisch, in dem Sinne wie die Menschen über China denken? Natürlich nicht.

Dabei geht es also auch um die Hinterfragung kultureller Darstellungen? RH: In anderen Momenten, besonders bei unseren Produkten, versuchen wir einen Sinn für Humor zu zeigen. Wir benutzen chinesische Elemente aus der Literatur oder Poesie. Unser Aschenbecher Shanshui weist die Form eines Berges auf – aber die eines Berges wie vom traditionellen Pinselhalter der Kalligraphie. Wenn eine brennende Zigarette in dem Aschenbecher liegt, erinnert es an ein typisches chinesisches Bild von einem von Wolken umgebenden Berg. Für einen Chinesen mag es amüsant sein. Wir mögen diese Art von Humor, aber es hat nichts mit der typischen Chinoiserie zu tun, wie Drachen, Phoenix, Gold und Rot.

Sie arbeiten nicht nur als Gestalter, sondern engagieren sich auch kritisch im Designdiskurs und sind Herausgeber des Magazins Manifesto. Wie kam es dazu? RH: Es fehlte uns ein gewisser Sinn für das Entdecken, Erforschen und Diskutieren. In China sind alle so beschäftigt, es gibt so viel Arbeit, also haben die Menschen keine Zeit, darüber nachzudenken, was sie tun. Schon früh haben wir ein Buch herausgebracht, mit dem Titel „Persistence of Vision“ („Nachbildwirkung“, Anm. d. Red.). Das war der Beginn eines Versuches, Kreative zu einem Diskurs zu bewegen und wirklich darüber zu sprechen, was sie tun und dabei entdecken. Das ist der einzige Weg, eine Stadt mitzuprägen. Es braucht den Diskurs und die gegenseitige Beeinflussung.

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