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Neue Talente

Die wichtigsten Newcomer*innen des deutschen Designs

Die müssen Sie kennen! Wir widmen uns in sechs Kurzporträts den aufstrebenden Designer*innen, Duos und Kollektiven aus Deutschland, die auch 2024 Furore machen werden: Haus Otto, Blockbau, Analog, und.studio, Studio OE und BUDDE.

von Tanja Pabelick, 24.01.2024

Haus Otto
Um den inspirativen Ansatz von Haus Otto zu charakterisieren, ließe sich sagen: Das Duo denkt nicht unbedingt in Dingen, sondern in Systemen. Eines der ersten gemeinsamen Projekte von Patrick Henry Nagel und Nils Körner war ein Office, das eigentlich ein Spielplatz fürs Arbeiten ist. Mit einem Baukasten aus Möbeln können im sogenannten 8-Minuten-Büro Teams und Kolleg*innen auf eine praktische Erfahrungsreise gehen: Wie sieht die optimale Arbeitsumgebung aus? Im Fall von Haus Otto vor allem unkonventionell. Die Designer bewegen sich mit ihrem Mobiliar abseits ausgetretener Gestaltungspfade. Die gelben und blauen Module bieten Ablagefächer, trennen Räume und lassen sich ineinanderschieben – klaren Funktionszuordnungen wie „Schreibtisch“ oder „Schrank“ entziehen sie sich hingegen. Im Sommer 2023 gingen die Designer vom Haus (Otto) auf die Farm (Rimpertsweiler). In einem kollaborativen Projekt widmeten sie sich dem bäuerlichen Landleben und den Objekten, Produktionsmethoden, Stoffkreisläufen und Beziehungen „zwischen Kuhmist und Kohl“. Zu ihren realitätsnahen Entwürfen gehört der sonnenblumengelbe Traktor-Stuhl, der nach dem Prinzip der Shaker an einem Haken vom Boden abheben kann oder auch das Endless Bread, bei dem sich Brotlaibe miteinander verketten (und mit den Kooperierenden wieder teilen) lassen. Wer auf dem Land zum Haus Otto-Fan geworden ist, bekommt beim Designlabel DANTE – Goods And Bads seit letztem Jahr auch Designs mit flexibler Funktionszuordnung fürs eigene Zuhause, wie die skulpturale Haken-Klemm-Regal-Garderobe namens Hold On.

Blockbau
Angefangen hat Blockbau als Designer-Duo. Seit 2020 firmiert Kevin Rack unter dem Namen als Label für Möbel. Ursprünglich hat Rack in Karlsruhe Architektur studiert. Auf den Fakt, dass der Hochbau vertrautes Terrain ist, gibt nicht nur der Name einen Hinweis, sondern auch die strategische Herangehensweise ans Objekt. Der Designer setzt sich mit gängigen Typologien auseinander, die er hinterfragt, interpretiert und so für den Einsatz im Zeitgenössischen neu kontextualisiert. Der Hocker H.12.1 ist gleichzeitig ein komplex konstruiertes Knobelspiel aus in geometrische Formen gefrästen Holzbalken, das 22.9 Daybed und der Stuhl 32 erinnern an ikonische und zeitlose Designs à la Corbusier. Hergestellt werden die knapp ein Dutzend Entwürfe in der unmittelbaren Nachbarschaft des Studios. Zwischen Bayern und der Schwäbischen Alb hat Rack Traditionsbetriebe mit viel Expertise im handwerklichen Möbelbau gefunden, die ihm kurze Transportwege, eine nachhaltige Produktionsweise und eine hohe Qualität garantieren. Seit 2022 gestalten neben Rack auch andere junge Designtalente für Blockbau. Der Pionierentwurf stammt aus der Feder von Johannes Lorz. Mit Radius hat er eine Coffeetable-Familie entworfen, die sich durch ein ausgeklügeltes und formal interessantes Untergestell in verschiedenen Höhen übereinander schieben lässt.

Analog
Das Gebäude-Ensemble des San Gimignano im tiefsten Berlin-Lichtenberg ist nicht der Ort, an dem man ein Designunternehmen mit dem Fokus auf mundgeblasene Glasobjekte vermuten würde. Auf dem Gelände des Dong Xuan Center hat die vietnamesische Szene einen von Kunststoffimporten und Tropenfrüchten überquellenden Asia-Großmarkt errichtet. Neben den hyperfunktionalen Handelshallen stehen zwei „Super-Slender Towers“  aus Sichtbeton, die einst Silo und Umlaufturm der VEB Braunkohle waren und dann vom Architekten Arno Brandlhuber zu Workspaces für Künstler*innen umgenutzt wurden. Ein Ort wie eine Insel – und damit ideal als Stützpunkt für ein Unternehmen wie Analog Glass. Dessen Gründer*innen Birgitta Homburger, Philipp Weber und Julius Terlinden rücken die deutsche Glasbläserkunst wieder in den Fokus und machen die Berliner Kreativszene zu ihrer Verbündeten. So haben sie sich mit AAS Gonzalez Haase zusammengetan, die die trigonale Leuchte Lola entworfen haben. Von Matthias Gschwendtner und Shantala Chandel stammt die bauchig-blobbige Karaffe Sobo und Brigitta Homburger macht in ihrer Serie Initï Spiegel zur künstlerischen Installation. Den eindrucksvollsten Umgang mit dem Werkstoff zeigt Philipp Webers Kollektion Omam, die gleichzeitig das Initialprodukt der Kollektion war. Mit ihrer organischen Form und in einem Wirbel von eingeschlossenen Luftkammern fängt sie die Dynamik des Herstellungsprozesses auf einzigartige Weise ein.

und.studio
Jeder für sich und alle zusammen: Das Berliner Kollektiv und.studio haben die neun Designer, Künstler, Tischler und Architekten Peter Behrbohm, Niklas Böll, Jonas Maria Droste, Michel Gutzeit, Till Ronacher, Sebastian Schwindt, Simon Stanislawski, Anton Steenbock und Sonny Neigut gegründet. Sie teilen sich nicht nur einen großzügigen Workspace am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer, sondern auch die Idee, dass große Unterfangen von Schwarmkreativität und gebündelten Potenzialen nur profitieren können. Jeder verfolgt seine eigenen Projekte und pflegt seinen Insta-Account, es besteht aber immer die Option, sich je nach Auftrag innerhalb der Werkstatt einen Komplizen zu suchen. 2022 hatte das Nonett zum ersten Mal die Chance, in kompletter Besetzung aufzuspielen. Da lud die gemeinnützige Organisation Società delle Api und.studio auf die griechische Insel Kastelorizo ein, um einen Raum in der Residenz Porta Rossa einzurichten. Das Ergebnis ist verspielt und bizarr, bunt und verrückt. Gut möglich, dass in einem alternativen Universum Kafka, M. C. Escher und Alice im Wunderland dort gemeinsam die Sommerfrische verbringen. Die amorphen Formen, verzerrten Treppen und humorvollen Details wurden alle von der Insel inspiriert, für das Projekt angefertigt und an den östlichsten Ort Griechenlands transportiert. Ein Meisterwerk von neun Meistern.

Studio OE
Als gestaltende Solistinnen kennt man Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome bereits, als Duo und Studio OE agieren sie seit 2022. Beide haben an der HfG Karlsruhe studiert, lehren gemeinsam an der HfbK in der offenen Designklasse von Konstantin Grcic und führen ihr Studio in Berlin. Neben ihrer Kooperation im Doppel suchen sie auch immer wieder Anschluss an größere Gemeinschaftsprojekte: Sie sind Mitbegründerinnen des Kollektivs FAN und der nur aus Designerinnen zusammengesetzten Gruppe Many-to-Many, haben die Plattform Bio Design Lab der HfG Karlsruhe mit initiiert und gemeinsam mit Haus Otto den Sommer auf dem Land verbracht. Für FARM entwarfen sie eine Mistgabel mit Rückenlehne (die bei harter Arbeit zum Pausenplätzchen werden kann), Leuchten für Stall und Koppel und Hängematten, die mit Getreide-Spelzen gepolstert werden. Dauerhaft zu sehen ist eine ihrer Arbeiten im Vitra Design Museum. Das Sitzmöbel Neil verbindet durch seine breiten Armlehnen die Funktionen Lounge-Sessel und Arbeitsmöbel, denn auf den Ablagen kann am Laptop gearbeitet werden. Multifunktionale Entwürfe, nomadische Strategien und minimalistische Silhouetten motivieren viele der Entwürfe von Studio OE. Oto für Mattiazzi wirkt diesbezüglich wie eine Essenz: Je nach Höhe des Objekts funktioniert es als Bank, Hocker, Sideboard oder sogar Regal.

BUDDE
Johannes Budde ist Namensgeber des in Köln ansässigen Studios. An der Seite des Architekten steht Meike Papenfuß, die sich auf organisatorischer Seite um Marke und Geschäftsführung kümmert. Die Kollektion von BUDDE ist voller Lieblingsdinge, die mal mit Poesie, mal mit besonderen Materialkompositionen, dann wieder mit Augenzwinkern überzeugen. Da wäre der knautschig-krumpelige Hocker Rug'n Roll, dessen Kern aus Betonverbundmaterial von einem an einen Socken erinnernden Textil überzogen ist und wie die Momentaufnahme einer beiläufig ausgezogenen Wollstrumpfhose aussieht. Von schlichtweg faszinierender Schönheit ist die magisch glimmende Leuchte Sfir, die aus einer transparenten und gigantischen Glasmurmel mit Schirm besteht und auf einem einfachen Metallzylinder ruht. Oder Lite, eine schlichte Skulptur aus Industrieglas, Nagel und Kerze, die Licht und Schatten in den Dialog bringt. Die besondere Ästhetik hat dem jungen Label bereits einige Design-Auszeichnungen eingebracht und BUDDE wurde 2023 zum Mailänder Salone in die Ausstellung von Rossana Orlandi berufen.

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