Menschen

Performative Möbel

Das Designerduo Alberto Biagetti und Laura Baldessari im Gespräch

Atelier Biagetti ist ein interdisziplinäres Designbüro, das 2003 von Alberto Biagetti in Mailand gegründet wurde. Seit 2013 arbeitet der Architekt mit Laura Baldessari zusammen, die eine Ausbildung zur Sopranistin absolvierte und parallel Malerei studierte. Ein Gespräch über sportliche Möbel, verrückte Nischen und Scharfschützen aus dem Hinterhalt.

von Norman Kietzmann, 17.11.2020

Sie haben mit der Kollektion Body Building Season 2 die passenden Utensilien für die Coronazeit entworfen: Sportgeräte für das Zuhause, die die Schnittstelle von Möbel und Skulptur erkunden. Was hat es damit auf sich?
Alberto Biagetti: Wir waren im Lockdown Anfang des Jahres und haben gedacht: Jeder muss nun zu Hause Sport treiben. Also haben wir uns dieses charmante, wundervolle Fitnessstudio vorgestellt. Jedes unserer Projekte hat eine Geschichte. Sie erzählt nicht nur von dem Gegenstand an sich, sondern bettet ihn in eine Szene ein. Das bedeutet eine räumliche Umgebung, Akteure, Objekte und einen Zeitrahmen. Diese Kollektion handelt von der Frage, wie wichtig unser Körper in diesem Moment ist. Und sie spielt mit der Idee, eine neue Verbindung zwischen unserem Körper und der Umwelt zu finden.

Inwiefern?
Alberto Biagetti: Dieses Virus hat die Anschauungen von uns allen verändert. Wir müssen anders handeln, um von heute in die Zukunft zu gelangen. Ich denke, es ist ein normales Bedürfnis, wieder von vorne anzufangen. Es geht um die Chance, etwas zu verändern. Darum haben wir uns für ein umweltbewusstes Konzept entschieden und die Objekte mit einem veganen Leder überzogen, das aus recycelten Kunststoffflaschen gefertigt wird. Das Material heißt Bioveg und wird von einem Unternehmen in der Nähe von Rom herstellt. Es ist sehr weich und angenehmen, ein erstaunliches Material.

Die sportiven Möbel sind eine Weiterentwicklung der Kollektion Body Building, die Sie 2015 vorgestellt haben. Der entscheidende Unterschied liegt nicht nur im Wechsel von natürlichem Leder zu recyceltem Kunststoff, sondern ebenso in der Farbigkeit. Was ist der Grund für Gold?
Alberto Biagetti: Wir mögen es, Dinge aus unserem eigenen Archiv immer wieder neu zu durchdenken und neu zusammenzubauen. Dieser Prozess ist ein Teil unserer Designsprache geworden. Wir müssen keine neuen Objekte gestalten, um zu zeigen, wie umweltbewusst wir sind. Darum wenden wir die Idee vielmehr auf bestehende Produkte an. Die goldene Farbe schafft einen Look und ein Gefühl. Wir wollen damit die Vorstellung verändern, dass umweltbewusste Produkte immer verschmutzt aussehen müssen.

Also ein Anti-Öko-Look?
Alberto Biagetti: Genau. Es geht um das Paradox, dass dieses goldene Material aus recycelten Kunststoffflaschen hergestellt wird, also aus einem armen Ausgangsstoff. Dennoch muss es nicht dreckig aussehen, sondern kann auch schön sein. Unsere Herangehensweise zum Umweltbewusstsein basiert auf der Idee, dass man Scheiße in Gold verwandeln kann. (lacht) 

Bisher existiert die Kollektion nur virtuell: Ganz ohne physische Prototypen allein in Form von perfekt gerenderten Computer-Modellen. Die Objekte werden erst dann gebaut, wenn sie über den Online-Shop der Sammlermesse Design Miami verkauft werden. Was ist der Grund dafür? 
Alberto Biagetti: Auch hierin steckt unsere Idee der Performance. Erst wenn man ein Objekt aus dieser Kollektion kauft, erlaubt man ihm, real zu werden. Man nimmt ihn aus der virtuellen Umgebung heraus. Damit wird der Käufer zum Teil dieses Prozesses und ein Teil der Performance. Wir haben uns entschieden, mit dem Büro Six N. Five aus Barcelona zusammenzuarbeiten. Sie sind extrem gut darin, Objekte im virtuellen Raum so echt erscheinen zu lassen wie in der Wirklichkeit. Ein anderer, ganz wichtiger Punkt ist: Im virtuellen Raum ist es möglich, mit anderen zusammenzuarbeiten, ohne sie in Person treffen zu müssen. 

Co-Working in Coronazeiten. 
Alberto Biagetti: Ja, wir müssen beginnen, stärker kollektiv zu denken. Wir müssen gemeinsam über neue Projekte reden. Und wir können unsere Objekte teilen. Viele Menschen sagen: „Body Building, oh, schon wieder.“ Und wir sagen: „Ja, schon wieder.“ Es geht uns nicht darum, den zweiten Teil eines Films zu schaffen, auch wenn unser Titel das vermuten lässt. Wir sehen diese Arbeit eher als ein Open-Source-Projekt, das wir teilen und nutzbar machen können. Unsere Objekte sind wie Werkzeuge. Nicht im wortwörtlichen Sinne, um mit ihnen etwas zu reparieren. Sie sind Werkzeuge, um etwas zu kommunizieren.

Wie gehen Sie an ein neues Projekt heran?
Alberto Biagetti: Wir sind nicht danach bestrebt, etwas Neues zu entwerfen. Nie. Ein Objekt, das wir suchen, existiert bereits. Aber es wird in andere Objekte aufgesplittert. Wir arbeiten wie Genforscher, die verschiedene DNA-Bausteine betrachten und auf immer neue Weise zusammensetzen. Das sind nicht nur Formenelemente, sondern ebenso Elemente der Psychologie. Man verbindet die Formen über die eigene Vorstellungskraft. Daraus entstehen Dinge, die mit anderen Einrichtungsgegenständen im Zuhause nichts mehr gemeinsam haben. 

Laura Baldessari: Die Objekte verändern das Verhalten der Menschen, indem sie dazu führen, die eigenen Rituale zu hinterfragen. Darin liegt die Stärke unseres Designs. Wir gestalten Dinge, die sehr performativ sind. Wir vermischen Dinge und Situationen, die bereits in unserem Gedächtnis sind. Doch man benutzt sie auf eine neue und andere Weise.

Es geht nicht nur um das Objekt an sich, sondern um den Effekt, den dieses Objekt auslöst.
Laura Baldessari: Absolut. Es ist eine sehr emphatische Arbeit. Die Objekte, an denen wir arbeiten, sprechen von bestimmten Obsessionen. Und damit sprechen diese Objekte auch immer von ihren Besitzern. 

Alberto Biagetti: Unsere Objekte sind Experimente. Und dafür braucht es Mut. Man muss mutig sein, um radikal zu sein. Mutig zu sein, bedeutet auch, keine Angst zu haben: vor der Klassik, aber ebensowenig vor der Zukunft. Keine Angst vor irgendetwas. Das ist sehr wichtig. Es spielt keine Rolle, was andere sagen, ob es ihnen gefällt oder nicht, ob es sich verkauft oder nicht. Wir haben keine Angst. Und zum Glück haben wir Kunden, die auch keine Angst haben, sehr viel Geld für unsere Arbeiten auszugeben. Einer unserer Sammler hat eine Leidenschaft für Hängegleiter. Ein anderer besitzt einen Jet und steuert ihn selbst. Diese Menschen lieben das Ungewöhnliche. Das offenbart sich nicht in ihrer Kleidung, aber in der Art, wie sie wohnen. Das Zuhause ist schließlich ein sehr privater Ort, in den man nicht jeden einfach so hineinlässt. 

Die meisten Ihrer Entwürfe sind limitierte Editionen. Dennoch haben Sie für den Hersteller Gufram eine Serie von Disco-inspirierten Möbeln für die Serienproduktion gestaltet. Erzählen Sie mehr dazu.
Laura Baldessari: In Italien gibt es viele Beispiele für Nachtclubs der Sechziger- und Siebzigerjahre, die sehr radikal waren. Sie wurden nach einer Choreografie gebaut: Orte, an denen man eine extreme Erfahrung erleben konnte. Eine große Freiheit. Wir wollten diese Energie aufsaugen und in Objekten für das Zuhause bündeln.

Alberto Biagetti: Diese Möbel sind wie Pillen, die Astronauten mit in den Weltraum nehmen. Es gibt Pillen, auf denen steht zum Beispiel „Hühnchen mit Pilzen“. Man nimmt die Pille in den Mund und schmeckt etwas Konzentriertes. Genauso wirken diese Möbel: Sie holen die hoch verdichtete Atmosphäre eines Nachtclubs ins Zuhause.

Sehen Sie darin eine Gegenantwort auf das derzeit weiter boomende Design aus Skandinavien?
Alberto Biagetti: Das skandinavische Design ist wunderbar. Es spricht von Demokratie und nachhaltigen Materialien. Es folgt der Funktion, ist schön, natürlich, überaus korrekt. Es gefällt mir sehr. Doch es ist absolut langweilig. (lacht)

Laura Baldessari: Es fehlt das Drama! Es fehlt das Theater! 

Alberto Biagetti: Daher interessiert uns das radikale Design, weil es vom klassischen Design ausbricht. Design ist heute ein Mittel, um viele Dinge auszudrücken. Möbel sind etwas sehr Intimes. Das erste, was wir über der Haut tragen, ist Kleidung. Doch dann kommen die Möbel als zweite Ebene und als dritte Ebene folgt die Architektur. Möbel sind ein Thema der Körperlichkeit. Und darum müssen sie besonders behandelt werden. 

Das Radical Design von Avantgardegruppen wie Archizoom und Superstudio hat die Designwelt in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufgewirbelt. Heute werden mutige Entwürfe nur selten auf den Markt gebracht. Was ist der Grund dafür?
Alberto Biagetti: Die Leute suchen nach Sicherheit und Bestimmtheit. Sie versuchen, Risiken und Verzerrungen zu vermeiden. Sie wollen ein Leben mit Objekten, die sie in Ruhe lassen. Und das ist auch richtig. Aber wir machen etwas anderes: Wir bewegen uns in einer kleinen Nische der Verrücktheit. Und dabei sind wir überaus präzise: Wir sind Scharfschützen aus dem Hinterhalt.

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Links

Atelier Biagetti

www.atelierbiagetti.com

Six N. Five

Visualisierung

www.sixnfive.com

Design Miami 2020

www.shop.designmiami.com

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