Menschen

Pernilla Ohrstedt & Jonathan Olivares

Ein Gespräch über Collagen, Kollaborationen und die Karambolagen des Arbeitsalltags.

von Jeanette Kunsmann & Stephan Burkoff, 02.11.2016

Mit dem Projekt WORK hat Vitra in Zusammenarbeit mit der in London ansässigen Architektin Pernilla Ohrstedt und dem Designer Jonathan Olivares aus Los Angeles das außergewöhnlichste Standkonzept dieser Orgatec geliefert. Wir haben die beiden am Rande der Messe getroffen und mit ihnen über Collagen, Kollaborationen und die Karambolagen des Arbeitsalltags gesprochen.

Alle reden über das Büro und über Arbeit. Wie arbeitet ihr?
Jonathan: Was uns gerade erst vor zwei Stunden aufgefallen ist: Die Halle und das gesamte Konzept für WORK repräsentieren eigentlich ganz gut, wie wir selbst arbeiten: Ich beginne meinen Tag bei Sonnenaufgang um sechs Uhr mit Skype-Konferenzen und Telefonaten – für Pernilla ist der Tag da schon fast vorbei. Die Zeit und die Tageszeiten, die auch in unserem Messekonzept eine zentrale Rolle spielen, finden in unserem Leben ebenso gleichzeitig statt.

Pernilla: Und auch das, was wir hier gerade tun, ist eigentlich immer Teil unserer Arbeit. Man findet sich plötzlich an einem neuen Ort wieder und muss sich einen Platz zum Arbeiten suchen. Wir haben eine Art mentaler Sammlung von Orten, an denen wir bereits zusammen gearbeitet haben. Taxis, Flughäfen, Restaurants, Hotellobbys, Bars...

Jonathan: Bei dem Projekt zum Workspace Schauraum auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein haben wir schon mal eine ganze Hotellobby mit einem meterlangen Plot okkupiert. Wir machen es uns gern gemütlich! (lacht)

Wie ist eure Zusammenarbeit entstanden?
Pernilla: Vitra hat uns zusammengebracht…

Jonathan: Wir sind uns vorher nie begegnet,… haben aber viele gemeinsame Freunde…

Pernilla: Aber wir sind uns nie begegnet! In Anbetracht der engen Zusammenarbeit, die nun hinter uns liegt, ist das schon bemerkenswert. Kooperation ist natürlich immer Teil eines jeden meiner Projekte. Der Gedanke der Zusammenarbeit ist in der Architektur zentral. Aber mit jemandem zusammenzuarbeiten, den man weder getroffen noch selber ausgesucht hat, das war schon…

Jonathan: … unheimlich! Wir hatten ja beide keine Ahnung, was passieren würde! Aber es hat dann wirklich gut geklappt und viel Spaß gemacht.

Pernilla: Das ist vielleicht eine der positiven Aussichten für die Zukunft der Arbeit: die Flexibilität. Wir sind beide selbstständig und arbeiten laufend mit vielen anderen Menschen in Projekten zusammen und haben auch eigene Projekte; die Teams, die sich bilden, bleiben flexibel und tauchen auch immer wieder in neuen Konstellationen auf. Daraus entsteht ein Netzwerk aus Beziehungen.

Jonathan: Manchmal kommt es einem vor wie beim Film, wenn für einen Dreh das Team zusammengestellt wird.

Was bedeutet das für euer eigenes Büro?
Jonathan: Mein Büro hat in den vergangenen Jahren eine Menge Veränderung durchlebt. Ich bin vor fünf Jahren nach L.A. gezogen, vorher hatte ich ein Büro in Boston. Zuerst hatte ich sechs, dann drei, dann vier, dann anderthalb, dann fünf Mitarbeiter. Und im vergangenen Jahr, mit all den Reisen, hat sich meine Arbeit komplett verändert. Ich habe dann meine Garage renoviert, und das ist auch der erste Ort, an den ich morgens mit meinem Kaffee gehe, um beispielsweise Telefonate zu führen. Um zwölf Uhr habe ich dann bereits alle Termine wahrgenommen und alle E-Mails des Tages beantwortet. Mit einem Team aus Festangestellten hieße das, ich bin erst gegen Mittag im Büro, wenn ich es überhaupt schaffe, und wäre dann zu erschöpft vom Vormittag, um noch viel zu leisten. So habe ich entschieden, nur noch mit dynamischen Teams projektweise und auch kontinuierlich zusammenzuarbeiten. Dadurch ist ein sehr flexibles Team entstanden aus Grafikdesignern, Architekten, Redakteuren, aus Paris, London und L.A. Ich glaube auch, dass ich so effektiver bin.

Pernilla: Ich habe seit vielen Jahren mein Studio in London. Und wie viele andere Architekten habe ich ein festes Team, mit dem ich dort arbeite. Aber natürlich spielt auch die Kollaboration mit anderen immer eine Rolle. Wobei es natürlich für unsere Arbeit eines Raumes bedarf, um Modelle zu bauen, Mock-ups zu testen, Lagerfläche und so weiter. Ganz so unabhängig wie Jonathan sind wir in unserer Arbeit nicht. (lacht)

Braucht man eigentlich ein eigenes Büro, um sich mit Büros zu beschäftigen?
Pernilla: Ich glaube, bei der kreativen Arbeit geht es immer darum, etwas auszuprobieren, sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben, immer zu versuchen, herauszufinden, wie Dinge überhaupt und wie sie vor allem am besten funktionieren. Es ist wie eine Entdeckungsreise – und was man dafür braucht, ist bei jedem unterschiedlich.

Was ist die Zukunft der Arbeit?
Jonathan: Dazu möchte ich gern auf Ordensschwester Brigitte de Signy aus dem Kloster St. Clare in Ronchamp verweisen, die auch im Magazin Workspirit von Vitra eine Rolle spielt. Ich bin in keiner Weise spirituell, aber das, was sie uns zum Thema Arbeit zu sagen hat, ist einfach sehr schön und praktisch zugleich: „Es ist zwar leicht, ohne Geld zu leben, aber sehr schwierig, nicht der Eigentümer der eigenen Arbeit zu sein.“ Anders als die Nonnen bin ich gegen Routine und versuche sie zu vermeiden. Wie der Designer Benjamin Reichen, der auch das Workspirit gestaltet hat, sagt: „Wir sind alle jeden Tag die Designer unseres Lebens.“ Das ist toll!

Pernilla: Es ist ja nicht so, dass die Zukunft einfach so passiert. Wir können sie gestalten und wir gestalten sie alle. Was man beobachten kann, ist, dass die Zahl der Menschen, die selbst die Kontrolle über ihre Zeit haben, die ihren Tag selbst kuratieren sozusagen, zunimmt. Und das ist doch absolut positiv! Wenngleich das natürlich nicht für jeden und für alle gilt und seine Einschränkungen hinsichtlich der Sicherheit und anderer sozialer Interessen hat. Wir gehen ja auch nicht nur für die Arbeit ins Büro. Die sozialen Komponenten werden immer wichtiger. Wird das Büro der Zukunft dann vor allem ein sozialer Raum sein? Braucht es überhaupt noch Schreibtische?
Pernilla: Der Tisch ist eines der grundlegenden Möbel und ich kann mir nicht vorstellen, dass er aus dem Büro verschwinden wird. Schön ist aber, dass die Technologie immer weiter in den Hintergrund tritt. Alles ist voller Technologie, man sieht sie bloß nicht mehr. Heute sind wir in der Lage, Büroräumen eine gewisse Einfachheit und Leichtigkeit zu verleihen, die vor 15 Jahren schlicht nicht möglich gewesen wäre. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Entwicklung weitergeht.

Jonathan: Die eher künstliche Vorstellung von Büros wird mehr und mehr aufgebrochen. Das Büro des 20. Jahrhunderts war rückblickend in vielen Belangen problematisch. Es musste mit den ganzen Wiederholungen der Industrialisierung umgehen, was bedeutet, dass zum Anfang des Jahrhunderts Büros eigentlich eher wie Fabriken aussahen, dann in der Mitte des Jahrhunderts wie ein Ingenieursexperiment, was schließlich in den Achtzigern für Räume gesorgt hat, die eigentlich eher wie das Innenleben eines Computers wirkten. Ich bin so froh, dass ich nicht in den Achtzigern arbeite. (lacht) Ich wünsche mir, dass das Büro der Zukunft mehr Menschlichkeit hat. Eine schöne Aussicht, ein Tisch, ein Stuhl, das Archivio Rotondo ... (lacht) Aber die entscheidende Frage ist eine andere, wenn die Industrialisierung und alle daraus folgenden Entwicklungen solchen Einfluss auf das Leben und Arbeiten der Menschen hatten: Wo wird die Automatisierung die Menschheit im 21. und 22. Jahrhundert hinführen? Was wir uns wirklich fragen müssen, ist, wie eine Welt ohne Arbeit aussieht. Und wie wir mit den Menschen umgehen, die schon sehr bald keine Arbeit mehr haben.

Womit sich die Frage stellt, was Arbeit dann ist.
Pernilla: Exakt! Und das ist der Punkt, an dem wir uns befinden. Wir können all das neu definieren! Es nützt nichts, dramatische Aussichten zu formulieren, wenn man in derselben Zeit auch einen Beitrag dazu leisten kann, dass sich die Dinge in ein positives Szenario ändern. Und ich glaube, dass wir uns alle bereits darauf vorbereiten: indem wir wieder mehr Sinn suchen in dem, was wir tun. Darin, dass wir flexibler sind und dazu bereit sind, Risiken einzugehen. Der Wunsch nach mehr Gleichgewicht von Arbeit und Leben ist ein Trend, der ebenfalls darauf hindeutet, dass diese Entwicklungen uns nicht überraschen werden. Work-Life-Balance: Alles beginnt zu verschwimmen, beides ist eins.

Jonathan: Dass hier das selbstfahrende Auto steht und dass wir diesen Ort haben, um darüber zu diskutieren, und drum herum all diese anderen Unternehmen: Dieses neue Messekonzept ist interessant, weil es zum Gespräch anregt und mehr ist, als zu verkaufen. Die Menschen kommen hierher mit bestimmten Interessen und wir geben Anlass, sich tiefer damit zu befassen. Wenn es gelingt, diesen Gedanken, den des gegenseitigen Austauschs und der Zusammenarbeit weiterzutragen, dann ist das ein gutes Ergebnis.

Weitere Antworten auf die Fragen zur Arbeitswelt der Zukunft finden Sie in unserem großen Special zur Orgatec 2016.

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Links

Pernilla Ohrstedt

www.pernilla-ohrstedt.com

Jonathan Olivares

www.jonathanolivares.com

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