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pfarré lighting design, Lichtlauf und benwirth licht

von Jochen Paul, 20.05.2011


Die Münchner Lichtplaner Gerd Pfarré (1960) von pfarré lighting design und Christoph Matthias (1962) von Lichtlauf kennen sich aus gemeinsamen Tagen bei Ingo Maurer. Sie arbeiten seit fast 20 Jahren zusammen – in Projektpartnerschaft, aber jeder mit seinem eigenen Büro. Ben Wirth, Jahrgang 1965, ebenfalls Lichtgestalter, absolvierte vor seinem Architekturstudium eine Tischlerlehre. Alle drei sind als Lichtplaner Autodidakten – entsprechende Studiengänge gibt es schließlich erst seit wenigen Jahren. Christoph Matthias ist zudem diplomierter Industriedesigner. Für eine Musterwohnung des Wohnungsprojekts „L10“ in der Lilienstraße 10-14 in München-Au entwickelten die drei gemeinsam ein Lichtkonzept. Wir sprachen dort mit ihnen über behagliches Glühen, die Entwicklung neuer Leuchten und die Reflexion des Unsichtbaren.
 

Wie kam es zu der Zusammenarbeit in der L10?
 
Gerd Pfarré: Ein Projektentwickler, mit dem wir in Privatobjekten schon seit einigen Jahren zusammenarbeiten, hat uns gebeten, sehr, wirklich sehr kurzfristig ein Lichtkonzept zu entwickeln. Wir wollten einerseits Licht- und Farbstimmungen schaffen, die sich in das bestehende Raumkonzept einfügen, andererseits sollten diese in der Lage sein, flexibel auf die Bedürfnisse, Aufgaben und Stimmungen der Bewohner zu reagieren. Dazu war ein ausgewogenes Verhältnis von Leuchten und Lichtobjekten wichtig: Für den Wohnraum wählten wir „Glow Ball“. Das ist eine Pendelleuchte aus mit Luftkissen gefülltem Japanpapier. Zudem gibt es im Erdgeschoss ein schwebendes Neon-Objekt, dessen warm-weißes Licht mit dem blauen Licht auf der darüber liegenden Galerie kontrastiert.
 
Christoph Matthias: Der offene Wohn-Ess-Bereich benötigte dagegen einen kräftigen Akzent, um sich gegenüber dem 5,75 Meter hohen Atrium zu behaupten: „Lichtenfest“, eine von Hand geformte Leuchte aus drei Lagen Metallblech, wirft direktes Licht nach unten, akzentuiert so den Esstisch und verbreitet mit ihrem Schirm aus vergoldeten Aluminium ein behagliches Glühen im Raum.
 
pfarré lighting design und das Büro Lichtlauf arbeiten seit Jahren eng zusammen – wie ergänzen Sie sich dabei, und wo liegen Ihre jeweiligen Schwerpunkte?
 
Christoph Matthias: Wir kennen uns bereits seit unseren gemeinsamen Tagen bei Ingo Maurer: Gerd war dort von 1982 bis 1985, hat in dieser Zeit das Niedervolt-Halogen-System „YaYaHo“ mitentwickelt, und übernahm nach seiner Rückkehr aus Berlin im Februar 1989 die Leitung des Projektbüros. Ich wollte1990 eigentlich nur ein Praktikum bei Ingo Maurer machen und landete in der Design- und Entwicklungsabteilung. Zusammen haben wir bereits in dieser Zeit eigene Projekte bearbeitet, – insofern haben wir uns inzwischen gut aufeinander eingespielt. Wenn also pfarré lighting design eine Vorstellung von einer Leuchte hat, der Markt dafür keine Standardprodukte anbietet, und wir dafür die Kompetenz und die Kapazitäten haben, entwickelt Lichtlauf diese Vorstellung zur Serienreife und stellt sie gegebenenfalls auch her.
 
Gerd Pfarré: Als herstellerunabhängiges Büro für Lichtplanung denken wir ja nicht in Produkten, sondern zuallererst über das Licht nach. Dabei greifen unsere Kompetenzen direkt ineinander, so dass die Leuchte von Beginn des Entwurfs an technisch funktioniert: Lichtdesign hat nicht nur mit Gestaltung zu tun, sondern mindestens genauso viel mit Revisionsfähigkeit, Hitzeentwicklung, Schutzklassen und Lebensdauer – alles Themen, bei denen ich mich in technischer Hinsicht hundertprozentig darauf verlassen können muss, dass die Qualität stimmt, und in dieser Hinsicht kann ich Lichtlauf blind vertrauen.
 
Kann man es vereinfacht so ausdrücken, dass pfarré lighting design in die Zusammenarbeit eher die Gestaltung einbringt, während Lichtlauf eher den konstruktiv-technischen Teil beisteuert?
 
Christoph Matthias: Unabhängig von unserer unterschiedlichen Ausbildung – ich bin „klassischer“ Industriedesigner, Gerd hat sich das Wissen nach einer Schreinerlehre als Autodidakt angeeignet –
 
Gerd Pfarré: „learning by burning“ ...
 
Christoph Matthias: … und abgelöst von Produkten haben wir beide sehr viel Erfahrung mit Licht, die wir auf unterschiedlichen Gebieten in die Zusammenarbeit einbringen: Gerd in der Planung von Räumen und deren Beleuchtung, ich in der Umsetzung: Welches Material? Wo sitzt das Leuchtmittel? Wie muss der Reflektor aussehen? Etc.
 
Gerd Pfarré: Als jemand, der ursprünglich aus dem Handwerk kommt, bringe ich natürlich auch ein Grundverständnis der technischen Grenzen und konstruktiven Zwänge mit: Was funktioniert? Was ist dauerhaft und einfach zu reinigen? Welche Materialien dürfen bei Einbaulösungen in der Nähe der Leuchte sein? Schließlich übernehmen wir die planerische Gewährleistung, Lichtlauf darüber hinaus die für das Produkt – insofern arbeiten wir als „kleine“ Projektgemeinschaft unter denselben Auflagen wie jeder große Hersteller.
 
Ben Wirth: Auch ich komme aus dem Handwerk: Ich habe Schreiner gelernt, danach an der Akademie der Bildenden Künste Innenarchitektur studiert und bin 1990 nach dem Vordiplom nach Berlin gegangen, um an der Hochschule der Künste Architektur zu studieren. Das Thema Licht fasziniert mich seit meiner Schreinerlehre – wahrscheinlich kommt es daher, dass ich bis heute sehr stark über das Modell entwerfe.
 
Wie würden Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit beschreiben?
 
Ben Wirth: Kurz gesagt: Sowohl im Entwurf als auch in der Herstellung von Serienleuchten und Sonderanfertigungen, – wobei für mich dabei konzeptionell das Miteinander von Licht, Material und den technischen Möglichkeiten im Mittelpunkt steht. Ich sehe mir das Material an, versuche herauszufinden, was in ihm steckt und überlege mir, wie ich sein Potenzial am besten zu Geltung bringen kann. Bezogen auf den Raum versuche ich im Umgang mit Licht immer, unterschiedliche Zonierungen und Lichtstimmungen zu schaffen – gerade im Wohnbereich ist das eminent wichtig. Andererseits bin ich für bestimmte Anwendungen durchaus ein Fan der T5-Leuchtstoffröhre: Die macht zwar ein kühles und eher flächiges Licht, hat aber im passenden Umfeld auch ihren Reiz. Außerdem ist sie sehr effizient, hat eine hohe Leuchtdichte und blendet fast nicht.
 
Stichwort „technische Möglichkeiten“: Würden Sie sich als technikaffin bezeichnen?
 
Ben Wirth: Auf jeden Fall. Ich versuche immer, die vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen, um Leuchten zu entwerfen, die nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch überzeugen. Durch den Einzug von high tech in die Beleuchtung stehen uns Möglichkeiten zur Verfügung, die wir vorher nicht hatten: Leuchten wie die „Cluster+“, deren gesamte Trägerstruktur – sie ist in Form und Größe beliebig erweiterbar – bereits mit LEDs hinterleuchtet ist, und die ich als Steh-, Decken-, Wand- und Pendelleuchte einsetzen kann. Genau darum ging es mir: ein effizientes System für alle Anwendungsbereiche zu entwickeln. Und dabei habe ich den Entwurf und die Gestaltung erst einmal hintangestellt.
 
Entwerfen und entwickeln Sie alleine oder im Team?
 
Ben Wirth: Mittlerweile ist zu viel Technikwissen erforderlich, als dass ich diese Leuchten alleine entwickeln könnte. Mein Mitarbeiter Kilian Hüttenhofer schreibt aktuell seine Master-Arbeit über „Cluster+“: Dabei geht es darum, wie Einzelelemente in größeren Feldern miteinander kommunizieren können. Damit wäre es dann möglich, die Leuchte gleichzeitig zu dimmen und einzelne Module separat anzusteuern.
 
Braucht es für gutes Licht viel Geld?
 
Ben Wirth: Nein.
 
Gerd Pfarré: Lichtplanung bedeutet für uns nicht, dass es immer teuer wird, – „im Gegenteil“ kann ich zwar auch nicht sagen, aber es ist durchaus möglich, mit einfachen Mitteln sehr schönes Licht zu machen. Die Atmosphäre entsteht dabei stets durch die Reflexion der Materialien – das Licht selbst ist unsichtbar.

Vielen Dank für das Gespräch.
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www.lichtplanung.com

Küchenblock und Einbauschränke

Holzrausch

www.holzrausch.de

Projektentwickler

Bauwerk

www.bauwerk.de

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