Menschen

Ramy Fischler: Design ist ein natürlicher Kreislauf

Der Designer über Herzensangelegenheiten

von Jana Herrmann, 25.09.2018

„Bye-bye routine, hello surprise” lautete das offizielle Leitmotiv der diesjährigen September-Ausgabe der Maison & Objet. Eine Überraschung war auf jeden Fall die Wahl des Designer des Jahres, denn Ramy Fischler hatte für diese Auszeichnung wohl keiner auf dem Zettel. Wir trafen den 40-jährigen Belgier und stellten schon nach der ersten Tasse Kaffee fest: Die Überraschung ist definitiv gelungen.

Wollen Sie mit eigenen Worten erklären, warum gerade Sie zum Designer des Jahres 2018 ernannt worden sind? Selbstverständlich ist das eine große Ehre, aber diese Auszeichnung war auch für mich eine riesige Überraschung. Ich entwerfe ja hauptsächlich konzeptuelle Systeme und relativ wenig Produktdesign. Wahrscheinlich bin ich so eine Art Symbolfigur für die Umstrukturierung dieser etablierten Messe, die sich gerade neu und viel globaler als vorher aufgestellt hat.

Inwiefern spiegeln sich diese Visionen in Ihrem Projekt The Agora wider, das Sie speziell für diese Ausgabe der Maison & Objet entworfen haben? Es geht hier nicht um Produkte, die präsentiert und verkauft werden sollen, sondern um die funktionellen Möglichkeiten eines Raumes. The Agora bietet den Messebesuchern einen zentralen Anlaufpunkt, an dem sie verschiedenen Aktivitäten nachgehen können. Wir bieten hier beispielsweise einen Coworking-Space, Yoga-Sitzungen, Massagen und eine Bar. Eine ähnliche Einrichtung gab es bis dato nur für die sogenannten VIPs. Bei uns ist jedermann willkommen und alles ist kostenlos.

Ihre Expertise stellen Sie den unterschiedlichsten Zielgruppen zur Verfügung. Sie engagieren sich für kulturelle Einrichtungen wie die Fondation Liliane Bettencourt Schueller, haben gerade ein Restaurant für Bedürftige eingerichtet und arbeiten derzeit an einem neuen Luxushotel auf der Champs-Elysées. Möchten Sie Design demokratisieren? Ich bin prinzipiell dagegen, Projekte in gesellschaftliche Schubladen zu stecken. Mein Design soll Menschen berühren. Egal, aus welchen sozialen Schichten sie kommen oder was sie besitzen. Wahre Emotionen lassen sich nicht durch materielle Werte erzeugen. Oft entstehen sie sogar gerade dann, wenn sich unterschiedliche Welten miteinander vermischen. Zum Beispiel, wenn ein mittelloser Künstler einen Multimillionär zum Träumen bringt. Oder nehmen Sie unser aktuelles Restaurantprojekt Refettorio. Dort stellen die kapitalträchtigsten Unternehmen Baumaterial und Lebensmittel zur Verfügung, um sozial Bedürftigen eine Mahlzeit in angenehmer Atmosphäre zu ermöglichen. Für mich ist diese Einrichtung wie ein ganz natürlicher Kreislauf, den ich als Designer in Gang setzen kann.

Eine wichtige Rolle spielt in fast all Ihren Projekten auch der Umgang mit Licht. Zeitgenössisches Design muss immer mehr Funktionen erfüllen. Diese Tatsache ist für uns Designer eine der komplexesten Herausforderungen, auf die das Spiel mit Licht für mich einfach die effizienteste Antwort ist. Durch Licht lassen sich Stimmungen erzeugen und Räume transformieren. Mit Patrick Jouin habe ich sogar mal ein Theaterstück inszeniert, in dem wir das Märchen La Barbe Bleue ausschließlich mit Lichtfiguren erzählt haben.

Theater, Kino und Musik zählen zu Ihren Inspirationsquellen. Woher kommt diese kulturelle Affinität? Zur Kulturszene habe ich mich schon seit meiner Kindheit hingezogen gefühlt, heute verknüpfe ich Kultur und Kommerz auf beruflicher Ebene. Aus der Theaterinszenierung, die ich eben erwähnt habe, entwickelten wir beispielsweise die Einschlaf-Hilfe NightCove für den Hersteller Zyken, aus einem musikalischen Experiment mit dem französischen Dramaturg Cyril Teste entstand eine enge Zusammenarbeit mit os. Auch Kultur und Kommerz stehen für mich in einem Kreislauf, in dem ich als Designer eine Vermittler-Rolle einnehme.

Ist Ihnen dabei Funktionalität wichtiger als Ästhetik? Auf keinen Fall. Beide sind für mich unweigerlich miteinander verbunden. Ästhetik ist sogar insofern wichtiger, als dass meistens nur über sie geurteilt wird. Das ist das Element, das bei den Leuten hängenbleibt. Für die Technik und den Weg zur Funktionalität interessiert sich kaum jemand. Deshalb müssen alle meine Projekte auch schön sein.

Was bedeutet denn schönes Design für Sie? Das ist eine sehr schwierige Frage, auf die ich Ihnen keine konkrete Antwort geben kann. Ich würde sagen, es kommt auf den Gesamteindruck an. Wenn ich beispielsweise in einem Restaurant unfreundlich empfangen oder schlecht platziert werde, oder das Licht nicht stimmt, dann kann ich diesen Ort nicht schön finden. Oder anders ausgedrückt: Als schön kann ich nur etwas empfinden, wenn ich mich rundum wohl fühle.

Wie schön sind denn die Büroräume Ihres eigenen Designstudios? In der französischen Sprache gibt es die Redewendung: „Schuster tragen die schlechtesten Schuhe“. Leider ist das auch die Antwort auf Ihre Frage. Denn wir verbringen unsere gesamte Zeit damit, für andere zu gestalten. Es liegt mir aber wirklich viel daran, in absehbarer Zukunft auch unsere eigenen Räumlichkeiten zu optimieren.

Haben Sie einen Traum, den Sie sich mit dem RF Studio unbedingt erfüllen möchten? Es war schon immer mein Wunsch, ein wirtschaftliches Gleichgewicht zwischen Kommerz, Kultur und Philanthropie herzustellen. Mittlerweile können wir es uns finanziell erlauben, dass die Hälfte unserer Projekte kaum oder überhaupt nicht rentabel sind. Deshalb würde ich sagen, dass ich meinen professionellen Traum gerade lebe. 

Philanthropie, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit sind Werte, die Sie schon immer verteidigt haben. Haben Sie auf der aktuellen Maison & Objet viele Aussteller gesehen, die sich in die gleiche Richtung bewegen? Ehrlich bin ich gar nicht dazu gekommen, mich umzusehen. Generell gibt es aber immer mehr Designer, die bewusster produzieren. Dennoch muss auf diesem Sektor noch sehr viel passieren. Vor allem muss dieses neue Bewusstsein auch in der Industrie und bei den Konsumenten ankommen. Und das wird eine Weile dauern. Eine passende Parallele sehe ich da zu meinem Projekt The Agora: Es ist momentan erst eine Art Initiative, die noch perfektioniert werden muss. Bei der nächsten Ausgabe von Maison & Objet werden Sie sehen, wie wir diese Initiative vorangetrieben haben.

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Links

Ramy Fischler

Der gebürtige Belgier lebt seit 1998 in Paris. Nach seinem Studium an der ENSCI-Les Ateliers begann Ramy Fischler ein Praktikum bei Patrick Jouin, aus dem sich eine fast zehnjährige Zusammenarbeit entwickelte. Nach einem Aufenthalt an der Villa Medici in Rom gründete Fischler 2011, mit 33 Jahren, sein eigenes Designstudio RF Studio. Zu seinen Kunden gehören Privatleute, kulturelle Institutionen, Start-Ups und große Unternehmen wie Hermès, Twitter und Accor.

 rfstudio.fr

Maison & Objet

www.maison-objet.com

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