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Raw-Edges

Yael Mer und Shay Alkalay über den Prozess des Experimentierens

von Jasmin Jouhar, 23.01.2020

Zwei junge Israelis am Royal College of Art: So fing die Geschichte von Raw-Edges in den Nullerjahren an. Heute stehen Yael Mer und Shay Alkalay mit ihrem Londoner Designstudio für einen gutgelaunten Mix aus Farbe, Muster und Experiment. Sie haben Teppiche für Gan, Fliesen für Mutina und Leuchten für Wonderglass entworfen. Ein Gespräch über die Arbeit mit der Industrie, das Kollektiv Okay Studio, und warum sie die modernistische Architektur ihrer Heimatstadt Tel Aviv vermissen.

Ihr Ansatz ist experimentell und vom Selbermachen geprägt. Sehen Sie sich trotzdem als Designer? Shay Alkalay: Ja, schon. Für uns bedeutet Designer zu sein, der Industrie Ideen zu vermitteln. Wir verstehen uns auf keinen Fall als Handwerker, wir sind nicht daran interessiert, Dinge immer wieder herzustellen. Das Machen ist Teil des Designprozesses.

Also Machen als Entwerfen? SA: Genau. Die Herausforderung für uns besteht darin, unsere Entdeckungen dann in ein Projekt für die Industrie zu übersetzen. Für Yael und mich ist der Prozess des Experimentierens so wichtig, dass wir auch dabei sein müssen, wenn unsere Mitarbeiter Dinge ausprobieren. Die Ideen kommen beim Machen.

Diesen Ansatz verfolgen Sie nun schon einige Jahre. Wie erhalten Sie sich die Neugier und die Freude am Experiment? Yael Mer: Zu experimentieren ist für uns ein guter Weg, zu Ergebnissen zu kommen, die wir nicht vorhersehen können. Dafür brauchen wir nicht einmal eine Werkstatt- oder Laborsituation. Auch wenn wir am Computer sitzen und zeichnen, tun wir das mit einer experimentellen Haltung.
SA: Unsere Teppichkollektion für GAN ist ein gutes Beispiel dafür: Die haben wir entwickelt, ohne konkret mit Materialien zu arbeiten. Wir haben lediglich skizziert und gezeichnet, und GAN hat Muster unserer Ideen in Indien herstellen lassen. Die haben wir dann überarbeitet. Das finden wir spannend – zusammen mit der Industrie zu experimentieren. Für uns ist das eine neue Phase, mit großen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Wir können uns auf deren Erfahrung und Knowhow verlassen, das bereichert die Arbeit.

Warum haben Sie sich eigentlich ursprünglich entschieden, im Team zu arbeiten? YM: Oh, das ist lange her! Nach unserem Abschluss am Royal College of Art in London lud uns ein Freund zu einem gemeinsamen Designprojekt nach China ein. Da kannten wir uns schon viele Jahre und waren längst ein Paar, aber als Designer hatten wir noch nicht zusammengearbeitet. Erst in China merkten wir, dass wir offensichtlich auch auf dieser Ebene ähnlich denken.

Nach so vielen Jahren, haben Sie da immer noch dieselbe Rollenverteilung im Studio? YM: Oh, wir sind immer noch sehr chaotisch.
SA: Mittlerweile haben wir Kinder, es ist eigentlich noch chaotischer geworden. Oder sagen wir: organischer.
YM: Sowohl das Privatleben als auch die gemeinsame Arbeit fühlen sich oft wie ein andauerndes Gespräch an. Immer versuchen wir uns weiterzuentwickeln. Als Menschen, als Eltern, als Designer – die Essenz zu finden.

Sie sprechen viel miteinander? AM: Sehr viel!
SA: Das ist das Schöne daran, wenn man gemeinsam arbeitet.

Gibt es etwas, das Sie nicht so gut können, worin Sie sich gerne verbessern würden? SA: Vielleicht in der Planung?
YA: Alles, was mit Organisation zu tun hat, können wir nicht so gut. Wir haben zwar ein Unternehmen, aber kommen beide von der kreativen Seite.
SA: Vorausplanung! Einen Fünf-Jahres-Plan oder eine Vision, was wir in den nächsten Jahren erreichen wollen. Welche Schritte dafür notwendig sind. Wir hatten auch nie die Gelegenheit, herauszufinden, wie man ein Designstudio eigentlich führt. Nach dem Studium konnten wir keine Jobs finden, also haben wir uns gleich selbständig gemacht.

Als Sie sich selbständig machten, haben Sie sich mit befreundeten Designern – Mathias Hahn, Tomás Alonso, Lilliana Ovalle oder Peter Marigold – zusammengetan und das Kollektiv Okay Studio gegründet. Jetzt sind Sie in ein neues Studio umgezogen – immer noch als Kollektiv? SA: Zehn Jahre lang hatten wir unser Studio am selben Ort. Am Anfang waren wir acht Leute in einem kleinen Raum in einem Lagerhaus, ohne Heizung, aber dafür mit jeder Menge Mäuse. Im Gebäude gab es viele andere Kreative, Modedesigner und Grafiker. Im Sommer war es ein toller Ort, aber im Winter … Jeden Winter sind Leute ausgezogen, sodass wir mit Okay Studio nach und nach das ganze Gebäude übernehmen konnten. Als nun der Abriss des Gebäudes anstand, war es uns wichtig, mit allen gemeinsam umzuziehen.
YM: Der Eigentümer hat tatsächlich ein neues Gebäude gefunden, in dem Platz für uns alle ist – wir sind mittlerweile zwölf Leute. Es liegt in Ost-London, in der Nähe des Olympiageländes. Im Keller gibt es eine große Werkstatt.

Als Familie sind Sie auch gerade umgezogen. SA: Wir haben uns ein Haus gekauft, im Stadtteil Kentish Town. Und weil wir Designer sind, dachten wir, wir machen den Umbau alleine, wir brauchen keinen Architekten. Alles sehr aufregend, aber fertig sind wir noch nicht. Die Küchenschränke zum Beispiel haben keine Türen, die haben wir noch nicht entworfen. Ein Work-in-progress …
YM: Es ist eines der typischen viktorianischen Reihenhäuser. Die sind ja oft sehr dunkel und haben so enge Treppen. Deswegen hatten wir uns vorgenommen, im Inneren eine ganz andere Atmosphäre zu schaffen. Schöne, helle Räume, so viel Tageslicht wie möglich. Wir sind beide in Tel Aviv aufgewachsen, wir mögen modernistische Architektur.
SA: Vor unserem Umzug haben wir in einem Apartment im Barbican gewohnt, das hat uns immer an Tel Aviv erinnert. Unser Ziel: Wenn das Haus fertig ist und wir Fotos der Innenräume machen, soll es nicht wie ein Reihenhaus aussehen – sondern wie im Barbican.

Die Zeitschrift A&W hat Ihnen die Auszeichnung Designer des Jahres verliehen, dazu gehört auch eine Ausstellung zur Kölner Möbelmesse. Wie war es, eine Ausstellung mit Ihren eigenen Arbeiten zusammenzustellen? SA: Das war wieder ein Anlass für lange Diskussionen. Normalerweise, wenn wir zu einer Ausstellung eingeladen werden, nutzen wir das, um etwas Neues zu entwickeln. Doch dieses Mal war es anders, wir hatten das Gefühl, es wäre an der Zeit, unsere Arbeiten einmal zusammen zu zeigen.
YM: Mittlerweile hatten sich bei uns eine Reihe von Produkten angesammelt, die wir in letzter Zeit mit Unternehmen umsetzen konnten. Die Ausstellung kam im richtigen Moment, um die neue Phase des Studios zu präsentieren, die Zusammenarbeit mit der Industrie.

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