Menschen

Robin Rizzini

Inmitten der Corona-Krise trafen wir den Designer von Studio Metrica

von Norman Kietzmann, 25.03.2020

Robin Rizzini besitzt eine seltene Gabe: Er vermag klare, zurückhaltende Formen zu zeichnen, ohne sie abweisend oder unterkühlt wirken zu lassen. Mit Entwürfen für Cor, Ligne Roset oder Falper bringt der Designchef des Mailänder Büros Metrica einen warmen Minimalismus in die heimischen vier Wände und hat dafür bereits den italienischen Design-Oscar Compasso d’Oro ergattert. Im Sommer 2019 gründete der gebürtige Genuese sein eigenes Studio Robin Rizzini Industrial Design. Ein Gespräch über wandelbare Gemüter, sitzende Rituale und gestalterische Sinnsuche.

Robin Rizzini ist mit einem grünen Brompton-Klappfahrrad gekommen. Der Termin findet wenige Tage nach dem Ausbruch des Coronavirus in Italien statt. Wir treffen uns nicht im Büro, sondern im Café Magenta unweit der Piazza Cadorna. Der sonst stets gut besuchte Ort ist menschenleer. 

Fährst Du immer mit dem Klapprad? Oder nur in diesen Tagen? Ja, jeden Tag. Manchmal miete ich auch einen Elektro-Scooter. Doch Fahrradfahren ist die Art des Transports, die mir am meisten gefällt. Dieses Rad ist winzig, wenn es zusammengeklappt ist. So kann ich es auch mal mit in die U-Bahn nehmen, um ein paar Stationen abzukürzen und dann weiterzufahren. Diesen Rhythmus mag ich sehr. Auch kann ich das Rad in eine Bar oder in ein Geschäft mit mitnehmen. Man sollte es nicht auf der Straße stehen lassen. In Mailand werden leider immer noch sehr viele Fahrräder geklaut. Natürlich bekommt Radfahren in diesen Tagen eine andere Dimension. Es fühlt sich sicherer an, sich auf diese Weise durch die Stadt zu bewegen.

Das Wesen eines Klappfahrrads ist die Transformation. Inwieweit ist dieses Prinzip für Dich als Designer interessant? Objekte, die verschiedene Aufgaben erfüllen können, sind sicherlich ein spannendes Thema. Vor allem heute, wo Wohnungen immer kleiner werden und sich die Funktionalität der Dinge erhöhen muss. Es gibt Möbel, bei denen die Veränderung einfach ist, bei einem Schlafsofa zum Beispiel. Bei Objekten, die etwas ganz anderes werden sollen, ist es schon schwieriger. Die Transformation betrifft nicht nur die Funktion, sondern ebenso die Art des Komforts und des Gebrauchs.

Wandelbarkeit spielt auch beim Sofa Avalanche eine Rolle, das Du für Cor entworfen hast. Worum geht es hierbei? Als wir mit dem Projekt begonnen haben, stand der Aspekt der Bewegung bereits fest. Wir wussten allerdings noch nicht, welche Art von Bewegung es sein soll. Das Sofa sollte eine Insel erzeugen, bei der man die Art und Weise des Sitzens verändern kann. Wir haben dann ein schwebendes Volumen auf filigranen Beinen entworfen, bei dem sich die beiden Hälften der Rückenlehne nach hinten umklappen lassen. Wenn die Lehnen geschlossen sind, entspricht das Möbel einem klassischen Konversations-Sofa, auf dem man aufrecht sitzt. In der geöffneten Version ist es sehr viel bequemer. Man sinkt tiefer in das Sofa ein. Auch vergrößert sich die Sitzfläche. Wir haben lange am Mechanismus gearbeitet, wie sich die Bewegung regulieren und der richtige Grad an Komfort erzielen lässt.

Inwieweit hat sich die Typologie des Sofas verändert? Der Ursprung von Cor ist Conseta: Ein Polsterprogramm, das sehr streng und rational ist. Sehr typisch für die Fünfzigerjahre. Avalanche hat eine Form, die viel wärmer ist und einen geradezu umarmt. Die Sofa-Typologie hat sich über die Jahre stark verändert, weil sich auch das Wohnzimmer gewandelt hat. Die Küche war früher ein abgeschlossener Ort, an dem gekocht und anschließend im Esszimmer serviert wurde. Heute hat sich die Kultur komplett gewandelt. Die Küche geht nun in das Wohnzimmer über, das zu einem großen Zimmer geworden ist. Das Sofa spielt darin eine zentrale Rolle. Es ist zu einer Art Bindeglied zwischen Ess- und Kochsituation geworden. Man spricht mit den Gästen, die auf dem Sofa sitzen, während man die Speisen zubereitet. Das Ritual des Kochens findet nicht mehr hinter verschlossenen Türen statt. Alle können daran nun teilhaben – und zwar vom Sofa aus. 

Das Möbel ist multifunktional geworden. Ja, ich benutze das Sofa vor und nach dem Essen, um mit Freunden zu sprechen. Oder ich lese oder schaue einen Film auf dem Tablet. Das ist sehr viel komfortabler und gemütlicher als im Bett. Auf dem Beistelltisch stehen ein paar Snacks oder eine Tasse Kaffee. Und dann sinke ich in das Sofa ein. Das Möbel kann auf unterschiedliche Anforderungen reagieren, je nach Uhrzeit oder auch je nach dem Ort, wo es positioniert ist: In der Mitte des Raumes oder an der Wand oder als Raumteiler. Es übernimmt viele Aufgaben. Lesen, Essen, Sprechen, Schlafen – all das sind Bestandteile des Lebens eines Sofas.

Auch kann man auf dem Sofa arbeiten – ein Aspekt, der heute – wo wir aufgrund der Ausgangssperren zu wochenlangem Homeoffice verpflichtet sind – umso mehr Gewichtung erfährt. In Büros gibt es heute alle möglichen Arten von Sofas, die man natürlich nutzen kann, um zu arbeiten. Man nimmt sich den Laptop und stellt ihn auf einen Beistelltisch, der über das Sofa geschoben wird. Das ist gut für einen Moment. Doch wenn man zu lange dort sitzt, kapselt man sich zu sehr vom Austausch mit den Kollegen ab. Zuhause sieht es natürlich anders aus. Da kann man auch sechs Stunden auf dem Sofa arbeiten und dies mit einer viel entspannteren Geisteshaltung tun. Die Technologie erlaubt uns das.

Worin liegt die größte Herausforderung, ein Objekt zu entwerfen? Es hängt vom Projekt ab. Zuerst muss man die Firma von dem überzeugen, woran man glaubt. Und naturgemäß haben die Verantwortlichen immer ihre Zweifel. Später sind es technische Herausforderungen, die man überwinden muss. Doch die größte Herausforderung besteht natürlich darin, überhaupt erst einmal die richtige Idee zu finden. Wenn man zu einem Kunden fährt, muss man einen Entwurf rechtfertigen können. Die Unternehmen wollen ja nur etwas in Produktion nehmen, das einen Sinn erfüllt. Daher muss man mehr als eine ästhetische Variation von etwas liefern, das es bereits gibt. Es geht darum, einen Wert hinzuzufügen, der eine Daseinsberechtigung für ein Produkt liefert. Man muss sich beim Entwerfen immer fragen: Was ist der Grund für diese Form? Wenn man darauf eine Antwort findet, ist man auf dem richtigen Weg.

Der Salone del Mobile 2020 ist vom April auf Juni verschoben worden. Was denkst Du über den neuen Termin? Dass er nun im Juni stattfinden soll, hat auch etwas Gutes: Denn es wird sommerlich warm sein. Im April ist es immer ein Wechselspiel: Mal ist das Wetter gut, oder es regnet die ganze Woche. Letztes Jahr war es sehr kalt. Vielleicht lassen wir den Termin einfach im Juni. Warum nicht? Bis in die Neunzigerjahre fand der Salone im September statt. Kein einfacher Zeitpunkt, um die Produkte vorzubereiten. In Italien will niemand aufgeben, immer im August in die Ferien zu fahren. Und danach ist die Zeit unglaublich knapp, alles vorzubereiten. Der Salone im Juni wäre eine interessante Alternative. Denn auch beim Termin im April gibt es immer wieder erzwungene Unterbrechungen bei den Vorbereitungen durch die Osterfeiertage. Im Juni hätten wir einen Entwicklungsfluss, der viel kontinuierlicher wäre. Doch ob der Salone tatsächlich stattfindet? Wir werden sehen.

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