Menschen

Studio Truly Truly: Wohnen ohne Grenzen

Der Mitbegründer von Studio Truly Truly über interagierende Möbel und die Bedeutung der Langsamkeit

von Katharina Horstmann, 23.01.2019

Als die Australier Joel und Kate Booy 2017 auf dem Salone Satellite in Mailand ausstellten, umgab sie noch der Charme der aufstrebenden Nachwuchsdesigner. Spätestens mit ihrem Entwurf Das Haus für die imm cologne 2019 haben sich die Gründer des Rotterdamer Studios Truly Truly in der Designwelt etabliert. Wir trafen Joel Booy auf der Kölner Möbelmesse und sprachen mit ihm über Wände, Wohnen und Wachstum.

Auf der Kölner Möbelmesse haben Sie mit Das Haus Ihre Vorstellung eines idealen Wohnhauses verwirklicht. Erzählen Sie uns, worum es in Ihrem Entwurf geht. Uns interessiert insbesondere die Idee eines zeitgemäßen, flexiblen Wohnens. Mit Räumen, die ineinander übergehen, gänzlich ohne Wände. Als Produktdesigner beschäftigen wir uns damit, wie Möbel mit der Umgebung interagieren. Wir benötigen nicht unbedingt eine Wand, um einen Raum aufzuteilen. Objekte können den Raum auf eine viel subtilere Weise gliedern.

Es geht also auch um fließende Abläufe? Heute versammeln wir uns nicht mehr vor einem Fernseher. Wir nehmen die Unterhaltung mit in die Küche und können von unserem Bett aus arbeiten. Es ist interessant, über die Stimmungen der Räume nachzudenken, in denen wir leben, und wie sich diese kontrollieren lassen.

In Ihrem Haus werden die Räume durch verschiedene Stimmungen und weniger durch ihre jeweiligen Funktionen definiert. Das stimmt. Wir haben vier Stimmungen geschaffen. Das Zentrum ist die Küche, die „aktive“ Zone. Sie besteht aus poliertem Edelstahl und glänzenden, gelben Kacheln. Ihre Oberflächen sind hart und kantig, die Beleuchtung ist hell. Hier soll alles Nutzbarkeit vermitteln. Dabei haben wir die klassische Kücheninsel zerlegt und daraus ein skulpturales Element gestaltet – eine Insel mit mehreren Sitzebenen.

An die Küche grenzt ein Raum, der durch eine andere Stimmung charakterisiert ist. Worum geht es hierbei? Wir bezeichnen diesen Ort als „zurückgelehnt“. Das Licht ist gedimmt. Hier befinden sich ein Sessel und ein niedriges rundes Polstermöbel, das einen harten Kern hat und sowohl als Tisch als auch zum bequemen Sitzen benutzt werden kann. Letztendlich kann man durch einfache Dinge Stimmungen erzeugen, wie etwa den Abstand zwischen den Objekten, ihre Höhe oder auch ihre Materialität.

Die Funktion von Wänden wird an einer Stelle von Pflanzen übernommen. Sie dienen dazu, eine Sitzecke verbergen. Hinter diesen Pflanzen verbirgt sich der „zurückgezogene“ Teil. Mehrere Stühle stehen bequem um einen Tisch, aber es ist enger als in den anderen ineinander übergehenden Räumen. Der Blick ist verschlossen, die Farben sind auf Beige- und Brauntöne reduziert. Wichtig ist das Grün. Wir wollten es nicht dekorativ einsetzen, weswegen wir einen skulpturalen Raum geschaffen haben. Als wir uns mit der Architektur von Das Haus auseinandersetzten, wollten wir die einzelnen Elemente als Produkte gestalten. Das heißt, dieses Element, dieser Raum, ist ein Produkt der Bepflanzung. Auch die Langsamkeit des Wachstums ist wichtig. Für uns ist das Zuhause ein Raum, in dem wir uns nicht schnell bewegen, sondern mit Ruhe an die Dinge herangehen. Zudem sind Pflanzen eine nachhaltige Art, eine Wand zu gestalten. Wir wollten ein Haus schaffen, das nicht viel Müll erzeugt.

Sie schaffen immer wieder Gegensätze: warmes und kaltes Material, runde und eckige Oberflächen. Die Objekte stehen bewusst im Kontrast zueinander. Das eckige Regal am Eingang ist aus rotem Glas. Der Farbton ist warm, die Materialität und Form aber kalt und hart. Daneben haben wir einen runden Holztisch gestellt, auf dem eine organisch geformte Leuchte aus Marmor steht. In der „ruhigen“ Zone, zu der das Bad und Schlafzimmer gehören, haben wir uns auf natürliche Materialien und warme Farben beschränkt. Allein das Waschbecken ist eckig und kalt. Es besteht aus Edelstahl, wie Teile der Küche. Das Haus ist eine große Komposition, in der verschiedene Elemente kommunizieren. Das hat ein wenig mit unserem Hintergrund zu tun. Wir kommen vom Grafikdesign und sehen alles als eine in sich stimmige Botschaft, mit der wir verschiedene Geschichten in verschiedenen Räumen erzählen.

Sie haben Grafikdesign in Australien und Industriedesign in den Niederlanden studiert. Inwiefern beeinflusst das ihre Arbeit? Das Studium an der Design Academy Eindhoven unterschied sich sehr von meinem ersten Studium. Während in Australien alles sehr ästhetisch, sehr perfekt, geradezu technisiert ist, müssen die Projekte in Eindhoven nicht unbedingt gut aussehen. Es geht mehr um ihre Geschichte und das Konzept dahinter. Das ist auch genau das, was Truly Truly ausmacht: einerseits die ästhetische Vorstellung einer Bildlichkeit und was diese aussagt. Andererseits die Methode, mit Konzept, Materialität und Prozess zu arbeiten.

Links

Studio Truly Truly

www.studiotrulytruly.com

imm cologne

www.imm-cologne.de

Das Haus 2019 – Living by Mood

www.dear-magazin.de

Mehr Menschen

Thomas Kröger

Der Berliner Architekt über seine Leidenschaft für Innenräume

Cristina Celestino

„Ein Interieur darf nicht wie ein Showroom aussehen.“

Gesa Hansen

Die in Paris lebende Designerin im Gespräch

Sabine Keggenhoff

„Ein guter Entwurf ist harte Arbeit.“

Jonas Bjerre-Poulsen

Der Gründer von Norm Architects über Design als Evolution

Konstantin Grcic

Ein Gespräch über die vergangenen 20 Jahre

llot llov

Ein Besuch im Studio von Ania Bauer und Jacob Brinck in Berlin

Camille Walala

Über die Gestaltung von Plätzen, Museen und Hotels

David Löhr

Der Creative Director des Labels Loehr über Auswirkungen und Chancen der Coronakrise

Stefan Diez

Über die Globalisierung, sympathische Zukunftsvisionen und Sabbaticals

Francesco Rota

Der italienische Designer über das Leben im Freien

Christian Haas

Der in Porto lebende Designer über das Comeback der Empathie

Robin Rizzini

Inmitten der Corona-Krise trafen wir den Designer von Studio Metrica

Tilman Harlander

Der emeritierte Architektur- und Wohnsoziologe erklärt den Trend zu kleinen Wohnungen

Lucidi Pevere

„Das Möbel soll sein eigenes Umfeld kreieren."

Patrick Batek

Der Berliner Architekt über die Bedeutung von Atmosphären

Raw-Edges

Yael Mer und Shay Alkalay über den Prozess des Experimentierens

MUT Design

Ein Interview mit den spanischen Designern über Tradition und Moderne

Keiji Takeuchi

„Mein Entwurf sollte etwas sehr Freundliches und Weiches besitzen.“

Elli Mosayebi

Interview über das performative Haus

Kueng Caputo

Ein Gespräch mit den Schweizer Designerinnen über die Magie des Machens

Stephanie Thatenhorst

Die Münchner Innenarchitektin erklärt ihren gestalterischen Instinkt

Dr. Thomas Dienes

Ein Interview über die Farbe der Innovation

Egon Chemaitis und Thomas Edelmann

Über den Braun-Feldweg-Preis

Jörg Boner

Ein Interview mit dem Zürcher Designer zur Typologie-Frage

Luigi Colani: in Memoriam

„Ich beschäftige mich mit der dritten Dimension von Anfang an als Bildhauer.“

Beatriz Colomina und Mark Wigley

Inwieweit entwirft der Mensch sich selbst? Ein Gespräch

Shali Moodley und Adam Kelly von Visual Citizens

Die Zukunft ist ein Rendering!

Ester Bruzkus

Die Berliner Architektin sagt, stehlen sei erlaubt

Hanne Willmann

Die Berliner Gestalterin über die Rolle weiblicher Designer, Materialexperimente und einen Abenteuerspielplatz