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Suche nach dem magischen Moment

Der spanische Architekt Raúl Sánchez im Gespräch

Es ist schon außergewöhnlich, was Raúl Sánchez aus Barcelonas Altbauten herausholt. Seine Innenraumprojekte feiern den Bestand ohne Kitsch. Der Architekt setzt moderne Akzente, die die Schönheit des Alten herausheben, hat keine Angst vor Farben und beglückt seine Bauherrschaft mit ungewöhnlichen Raumkonzepten.

von Judith Jenner, 12.09.2022

2011 machte sich Raúl Sánchez nach seinem Studium in Granada mit eigenem Studio in Barcelona selbstständig. Mit drei bis vier Kolleg*innen arbeitet er vor allem für private und überwiegend frisch zugezogene internationale Bauherr*innen, die sich gerade erst in Barcelona niedergelassen haben. Im Interview erklärt er, warum alt nicht gleich erhaltenswert ist, und spricht über multifunktionale Räume sowie seine Metall-Obsession.

Erzählen Sie ein wenig über sich selbst. Wie und warum sind Sie Architekt geworden?
Ich habe ein gutes Abitur gemacht, wusste aber erst nichts damit anzufangen. Meine Schwester riet mir zum Architekturstudium. Anfangs war das ein Albtraum. Ich konnte nicht zeichnen und wusste nichts über das Fach. Auch in meiner Familie gab es keine Architekten. Erst nach zwei oder drei Jahren hatte ich einen Professor, der über Räume im Kino und Theater sprach – und das mit sehr viel Leidenschaft. Erst durch ihn habe ich begonnen, über Architektur zu lesen, mir Filme und Bauten anzusehen. Seitdem ist das meine Passion, das Wichtigste in meinem Leben.

Wie ging es nach dem Studium für Sie weiter?
Ich arbeitete in verschiedenen Architekturbüros, kleinen und großen. In meiner ersten Anstellung ging es um die Innenausstattung von Jean Nouvels Torre Agbar. Das war ein guter Einstieg. Dann arbeitete ich für b720, ein großes Studio hier in Barcelona. Neben meinen Festanstellungen nahm ich an Wettbewerben teil. 2011 und 2012 habe ich dann für einen Freund ein kleines Eck-Café in seiner Heimatstadt Valladolid umgebaut. Das war der Startschuss für meine Selbstständigkeit. Ich wusste nun, was ich wirklich machen wollte.

Sie konzentrieren sich in Ihrer Arbeit stark auf Innenräume. War das von vornherein der Plan?
Mein Architekturbild ist von der Renaissance mit Universalgelehrten wie Leonardo da Vinci geprägt. Meinen Master-Studierenden an der Elisava in Barcelona sage ich immer, dass ich nicht sehe, wo die Trennung zwischen innerer und äußerer Struktur verlaufen soll. Mit unserer zugleich technischen und geisteswissenschaftlichen Ausbildung können wir viele verschiedene Dinge tun. Unsere Profession zu unterteilen in Spezialisierungen wie Innen- und Landschaftsarchitektur, ist eher eine ökonomische Frage, um mehr Studiengänge anbieten und damit Geld verdienen zu können. Mein Berufseinstieg fiel in die Zeit der Finanzkrise von 2010, in deren Folge viele große Bauprojekte gestoppt wurden. Kleinere Projekte waren einfacher und übersichtlicher. Ich habe daran Gefallen gefunden, mich mit Details wie Türklinken auseinanderzusetzen und bin dabei geblieben.

Sie schaffen es immer wieder, klassische Wohnungen in etwas Besonderes zu verwandeln. Wie machen Sie das und woher kommen Ihre Einfälle?
In meinen Projekten suche ich immer nach einem magischen Moment, etwas Unerwartetem wie einer seltsamen Form oder Geometrie. Dafür versuche ich, außerhalb des Gewohnten zu denken und weiter zu gehen. Als Achtjähriger sah ich zum ersten Mal Twin Peaks. Seitdem habe ich eine Obsession für die Serie. In dem kleinen Ort, in dem ich aufwuchs, war alles sehr standardisiert. Diese andere Art von Ästhetik, dieses Abweichen von der Norm in Twin Peaks blieb hängen. Vorbilder sind für mich auch Architekten wie Carlo Scarpa und Frank Lloyd Wright – Architekten, die sehr kreativ arbeiten und etwas Neues geschaffen haben.

Bei vielen Ihrer Projekte arbeiten Sie im Bestand.
Tatsächlich gibt es bei meinen Projekten häufig eine bestehende Struktur. Wenn ich aber im Bestand nichts vorfinde, das es zu erhalten gilt, habe ich keine Hemmungen, alles abzureißen oder zu verändern. Alt bedeutet nicht automatisch erhaltenswert. Zugleich entdecke ich oft Besonderheiten, die andere nicht sehen. Das muss nicht immer ein historisches Detail sein, sondern etwas, das meine Vorstellungskraft anregt oder eine unerwartete Lösung bereithält. Dafür versuche ich, einen neuen Kontext zu schaffen. Architektur soll sich weiterentwickeln und nicht nur konservieren.

Wie gelingt es Ihnen, alte und neue Elemente zu mischen?
In meinen ersten Projekten ging es mir vor allem darum, einen scharfen Kontrast zwischen Alt und Neu zu schaffen. Das hat sich verändert. Inzwischen stifte ich gerne Verwirrung dahingehend, dass man nicht mehr genau weiß, was alt oder was neu ist.

Wie gehen Sie an ein neues Projekt heran?
Üblicherweise kommen die Bauherren mit einer sehr standardisierten Idee, basierend auf dem, was sie kennen. Oft denken sie stark in Räumen. Ich ermutige sie, eine Vision zu entwerfen, wie sie gerne leben würden. In vielen meiner Projekte gibt es Räume ohne klare Funktion, die genau auf die Lebensgewohnheiten der Kunden abgestimmt sind. Das muss nicht bedeuten, dass ich alle Wände entferne, aber in der Regel entwerfe ich einen neuen Grundriss. Flure und nur auf eine Funktion zugeschnittene Räume versuche ich zu vermeiden.

Sie haben auch einige Zahnarztpraxen entworfen.
Wir arbeiten viel für Impress, einen Spezialisten für Aligner mit einem überwiegend jungen Publikum. Das Unternehmen wollte Praxen, die nicht wie solche aussehen. Mit frischen Geometrien und Farben habe ich dort die Twin Peaks-Ästhetik wiederaufleben lassen.

Zu welchem Material haben Sie ein enges Verhältnis?
Ich mag authentische, ehrliche Materialien. Für Metall habe ich eine Art Obsession. Ich spiele gerne mit seiner glänzenden, distanzierten, kühlen und spiegelnden Oberfläche. Auch Materialien, mit denen sich fließende Formen realisieren lassen, sind mir wichtig.

Was für einen Ort würden Sie gerne gestalten?
Ich liebe private Häuser und Wohnungen, aber ich würde auch gerne mal ein Hotel gestalten, also ein Zuhause auf Zeit.

Was ist Ihr Rat an Ihre Studierenden?
Wir leben in einer sehr visuellen Zeit mit all den Plattformen wie Pinterest. Dabei kennen wir oft nicht die Geschichte hinter den Bildern, ob es sich um ein Rendering oder einen Fake handelt. Ich erkläre ihnen, dass es nicht nur um die Auswahl einer Farbe oder eines Möbelstücks geht, sondern dass es immer eine Idee hinter dem Projekt geben muss. Nur dann wirkt es überzeugend.

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