Menschen

Sven Baacke

von Claudia Simone Hoff, 03.03.2011


Geboren 1974, studierte Sven Baacke Industriedesign an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Bereits als junger Student setzte er sich mit der Gestaltung von Küchenräumen auseinander, wobei ihn von Anfang an ein ganzheitlicher Gestaltungsansatz interessierte. Und so ließ sich Baacke bereits im Jahr 2002 ein modulares Küchensystem patentieren, ehe er ein Jahr später zum Designteam des Hausgeräteherstellers Gaggenau stieß. Seit Januar 2011 ist Baacke Chefdesigner von Gaggenau und verantwortet neben dem Entwurf der Kücheneinbaugeräte auch die Architektur der internationalen Showrooms sowie die aufsehenerregenden Messestandkonzepte von Gaggenau auf den Küchenmessen Eurocucina und LivingKitchen. Wir haben Sven Baacke – der nebenbei begeisterter Hobbykoch ist – in Köln getroffen und sprachen mit ihm über seine Faszination für Küchen, Schnapsideen und den Gaggenau-Virus.


Herr Baacke, Sie haben sich bereits als Student ein Küchensystem patentieren lassen. Wie kam es dazu?

 
Das ist damals aus einer Zusammenarbeit mit Gaggenau entstanden. Es handelte sich um einen Studentenwettbewerb, bei dem es um ein wandhängendes, modular aufgebautes Küchensystem ging. Modularität ist auch heute immer wieder ein Thema. Bei meinem System gab es eine Art Funktionswand, in die man verschiedene Module einhängen konnte – ein wenig so wie die Multifunktionswand der b3-Küche von Bulthaup. Meine Küche konnte man mit Schränken und Einbaugeräten so zusammenstellen, wie man sie gerade haben wollte – als Würfelsystem. So ähnlich machen wir es bei Gaggenau mit dem Vario-System. Bei meinem System konnte man beispielsweise einen Backofen in die Schiene einhängen und die Oberfläche des Backofens dann als Arbeitsfläche benutzen.

Damals sind Sie also zu Gaggenau gekommen?

Ja, so sind wir zusammen gekommen. Ich habe bei Gaggenau ein Praktikum gemacht und später gab es dann diesen Studentenwettbewerb. Zwei Jahre später, bei meinem Diplom habe ich mich dann erneut mit dem Thema Küche beschäftigt. Ich sehe die Küche nicht nur als System – ich will nicht nur einen Backofen entwerfen – sondern beschäftige mich mit ihr als Lebensraum.

Muss man als Designer nicht über ein großes technisches Verständnis und Wissen verfügen, wenn man Hausgeräte entwirft?

Ja, das war am Anfang wirklich eine große Herausforderung, Der Studiengang Produktgestaltung war aber bereits sehr technisch ausgerichtet. Und außerdem bin ich selbst technisch sehr interessiert. Gaggenau ist keine Marke, die nur eine schicke Fassade hat – die Produkte funktionieren nur, wenn Technik und Design im Einklang stehen. Am Anfang war ich aber schon überrascht, auf wie viele Dinge man bei der Gestaltung von Hausgeräten achten muss, beispielsweise bei einem Backofen: Dieser wird beispielsweise während der pyrolytischen Selbstreinigung innen bis zu 500 Grad Celsius heiß, die Tür außen soll dabei aber kalt bleiben. Das ist eine Herausforderung und ich habe einiges gelernt.

Hat für Sie das Spannende beim Thema Küche auch damit zu tun, dass Wohnraum und Küche immer mehr zusammenrücken?

Diesen Trend gibt es ja schon länger in der Architektur. Aber man muss ganz ehrlich sagen, dass er bisher nur wenig gelebt werden kann, weil die normale Küche noch immer sehr klein ist. In vielen Wohnungen – insbesondere in einem Altbau oder in Sechziger-Jahre-Wohnungen – ist das Öffnen der Küche in den Wohnraum hinein oft nicht möglich. In meiner Altbauwohnung zuhause kann ich leider auch keine Wand rausnehmen. Die Küche ist der Raum in der Wohnung – ich koche übrigens unheimlich gern –, wo alles passiert. Auf Partys beispielsweise treffen sich bekannterweise immer alle in der Küche und stehen um den Herd, das „offene Feuer“ herum – das hat etwas sehr Archaisches. Ganz am Anfang hat mal jemand zu mir gesagt: „Ach, du arbeitest jetzt für Gaggenau? Dann machst du jetzt weiße Ware.“ Offiziell heißt diese Produktgruppe zwar so, aber Gaggenau ist natürlich viel mehr: Gaggenau verkauft nicht nur einen Ofen. Wenn jemand ein Gerät von Gaggenau kauft, dann ist es ein Statement. Dann möchte er genau diese Marke haben - vielleicht weil er begeisterter Koch ist oder sich für Design interessiert.

War das schon immer so? Ich erinnere mich, dass wir zuhause bereits 1974 einen auf Kopfhöhe eingebauten Ofen von Gaggenau hatten.

Dann hatten Sie eine sehr moderne Küche, denn damals hat man in der Regel den Backofen überwiegend unten eingeplant. Gaggenau jedoch hat bereits sehr früh die Geräte in Kopf- beziehungsweise Arbeitshöhe eingebaut. Wir sammeln übrigens die alten Geräte von Gaggenau für unser Museum. Leider trennen sich die Leute aber nur ungern von ihren alten Geräten, wenn sie noch tadellos funktionieren. Meine Eltern hatten auch eine Lüftung von Gaggenau, die sich in meiner Erinnerung eingeprägt hat.

Sie haben 2010 auf der Küchenmöbelmesse Eurocucina einen aufsehenerregenden Messestand für Gaggenau gestaltet. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Atmosphäre der Fabrik in einen ganz anderen Kontext zu bringen?

Wir sind nicht auf vielen Messen unterwegs. Für diese besondere Messe in Mailand wollten wir daher auch etwas ganz Besonderes machen: Nicht nur das normale Küchenumfeld zeigen, sondern dass Gaggenau mehr als nur schöne Fassade ist – das war uns wichtig. Wir gaben einen Einblick in unsere Produktentstehung, über Arbeitsabläufe, Produktionsmittel aus dem Werk bis hin zu den Gitterboxen. Am Anfang war das eigentlich eine Schnapsidee: „Wir packen jetzt die Fabrik ein und nehmen sie einfach mit nach Mailand und stellen sie dorthin.“

Am besten hat mir gefallen, dass die Mitarbeiter des Messestands auf der Eurocucina in Blaumännern herumliefen.

Ja, das waren wirklich die echten Kittel mit den Namensschildern aus der Fabrik. Wir haben uns gesagt, dass das Ganze authentisch rüberkommen muss. Wir wollten die echten Maschinen haben, die echte Bestuhlung holen und den originalen Schriftzug vom Werk abschrauben und dorthin bringen. Das echte Logo fehlte also am Fabrikgebäude während der Messe. Hier in Köln auf dem Messestand ist das Logo außerdem noch illuminiert. Und wir wollten die Geräte nicht nur von Außen zeigen – so wie sie dann in exklusiven Küchen zum Einsatz kommen –, sondern auch von Innen. Zeigen, was beispielsweise in einem Backofen steckt. Ein Blick hinter die Kulissen – das war unser Ziel.

Steckt dahinter auch die Idee des Messestands als Erlebnis?

Genau. Man soll die Marke als Ganzes erleben. Wir wollen natürlich auch mit den Leuten ins Gespräch kommen. Zum Beispiel indem wir zeigen, warum dieser Backofen durch den besonderen Türaufbau so gut funktioniert – ohne sich dabei zu sehr in technische Details zu vertiefen. Der Stand war eine Gemeinschaftsleistung von den Kollegen im Werk, den Architekten, mit denen wir zusammenarbeiten und unserer Designabteilung.

Können sie kurz etwas zum Designteam von Gaggenau sagen?

Wir arbeiten in München in einem Team mit sechs Designern, die sich um die unterschiedlichen Produktbereiche kümmern. Trotz Eigenverantwortlichkeit für den eigenen Produktbereich, gibt es einen regen Austausch zu den verschiedensten Ideen und Fragestellungen. Durch diese enge Zusammenarbeit wird das ganzheitliche Erscheinungsbild von Gaggenau wesentlich getragen und geprägt.
 
Würden Sie sagen, dass es einen roten Faden gibt bei der Gestaltung von Gaggenau-Geräten?

Mut zur Einfachheit in Verbindung mit dem professionellen Anspruch an die Geräte ist der rote Faden. Keine Spielereien, keine Modetrends, denn die Geräte werden teilweise Jahrzehnte lang genutzt. Diese Funktionalität zeigt sich zum Beispiel auch bei unserem neuen Induktionskochfeld mit dem TFT-Display.

Gaggenau gehört ja zur Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH. Gibt es da Synergieeffekte, die genutzt werden?

Natürlich profitiert man als kleine Marke von der Stärke im Verbund. Auf der anderen Seite haben wir das Glück, einen Großteil unserer Entwicklungen nur für uns selbst machen zu können. Der Backofen beispielsweise besitzt eine ganz eigene Plattform und wir sind stolz auf eine gewisse Eigenständigkeit. Das wollten wir auch mit dem Messestand zeigen: Wir haben eine eigene Identität.

Spielt das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle bei Gaggenau?

Ja, das spielt natürlich eine Rolle. Nachhaltigkeit vor allem auch in der Gestaltung: Wenn Dinge qualitativ hochwertig gestaltet werden, dann bleiben sie auch für den Benutzer lange neuwertig und wertvoll. So ist aber auch Patinafähigkeit zum Beispiel sehr wichtig bei der Auswahl der verwendeten Materialien.

Gaggenau-Geräte werden oft in Küchen von Bulthaup oder Boffi eingesetzt – so beispielsweise bei Juan Amadors Atelier 3.0 in Frankfurt oder in der temporären Weinbox von Gaggenau und Bulthaup in Berlin. Warum?

Unsere Produktphilosophien sind sehr nah beieinander – gerade die Produktsprache betreffend. Die Zusammenarbeit funktioniert gut, da der Anspruch an Qualität, technische Funktionalität und Gestaltungshaltung zueinander passen.

Ist es nicht auch schwierig, wenn man als Designer ausschließlich für ein Unternehmen tätig ist? Muss man da nicht sehr viele Design Manuals beachten?

Ja, das schon. Aber wir schreiben unsere Design Manuals ja selbst [lacht] - dann macht es wieder Spaß. Am Anfang habe ich gedacht, dass es langweilig sein könnte, wenn ich mich immer nur mit dem Thema Küche beschäftigen würde. Aber das Spannende ist auch das ganze System Küche, nicht nur einzelne Geräte. Nicht nur das Produktdesign, sondern vor allem die Architektur, die sich ständig verändert: der Raum insgesamt, die Geräte im Raum – und darauf reagieren wir. Wenn einen der Gaggenau-Virus erfasst hat – und da können Sie jeden Mitarbeiter hier am Stand fragen – dann ist man einfach mit Herzblut dabei.

Herr Baacke, vielen Dank für das Gespräch.
Links

Gaggenau

www.gaggenau.com

Mailänder Messewunder

Messestand von Gaggenau

www.designlines.de

Weinverkostung in der Holzbox

Temporäre Architektur in Berlin

www.designlines.de

Produkte von Gaggenau bei Designlines

www.designlines.de

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