Menschen

Thomas Heatherwick

von Norman Kietzmann, 24.05.2011


Thomas Heatherwick hat der Architektur das Fell übergezogen. Geboren 1970 in London, studierte er am Manchester Polytechnic sowie am Londoner Royal College of Art Architektur, bevor er 1994 sein eigenes Büro in London gründete. Aufmerksamkeit erregte er vor allem mit seinen zahlreichen öffentlichen Bauten, darunter das East Beach Café in Littlehampton, ein wandelbarer Kiosk im Londoner Stadtteil Chelsea sowie eine rollbare Brücke am Grand Union Canal in London. Seinen internationalen Durchbruch erlebte Thomas Heatherwick mit dem Entwurf des britischen Pavillons für die Expo 2010 in Shanghai, der mit seiner haarigen Außenhaut eine weiche, ephemere Sprache in die Architektur einbrachte. Präsenz wird der britische Gestalter an der Themse künftig öfters zeigen: Im Frühjahr 2010 konnte er den Wettbewerb für den neuen Londoner Doppeldeckerbus für sich entscheiden, der ab 2012 das Gesicht der britischen Hauptstadt prägen wird. Wir trafen Thomas Heatherwick während der Mailänder Möbelmesse 2011 und sprachen mit ihm über wirbelnde Pauken, haarige Häuser und die Ratschläge seiner deutschen Großmutter.


Herr Heatherwick, bei Ihren Arbeiten spielen Bewegung und ein oft ungewöhnlicher Umgang mit Materialien eine entscheidende Rolle. Der Spun Chair, den Sie bereits im vergangenen Jahr in Kunststoff vorgestellt und nun um eine Ausführung aus Bronze ergänzt haben, vereint gleich beide Aspekte in einem. Was war die Idee hinter diesem Stuhl, der wie ein Kreisel um 360 Grad zu rotieren vermag?


Das Rotieren war eigentlich ein Unfall (lacht). Die Idee entstand, als ich mich mit einer alten Handwerkstechnik beschäftigt habe, die normalerweise für die Herstellung von Pauken und anderen Schlaginstrumenten verwendet wird. Um diese kesselartigen Formen herzustellen, wird eine große Kupferscheibe gedreht und anschließend dreidimensional verformt. In meinem Studio habe ich eine recht große Werkstatt, in der wir neue Ideen ausprobieren können. Also haben wir mit diesem Verfahren gespielt und den Prototypen eines Stuhls entwickelt. Dabei habe ich mich zunächst allein auf die Form der Sitzschale konzentriert und die Füße bewusst ausgeklammert. Erst später haben wir gemerkt, dass es möglich ist, Sitzschale, Rückenlehne und Fuß aus einer einzigen Form zu erzeugen. Dass das Möbel zu einem derart spielerischen Objekt werden würde, war anfangs gar nicht absehbar. Es hat sich erst ganz am Ende des Prozesses ergeben.

Doch warum haben Sie den Entwurf zunächst in Kunststoff hergestellt?

Weil die Qualität der ersten Versuche in Metall zunächst nicht besonders gut war. Der Chef von Magis kam damals in mein Büro, hat einen dieser Prototypen gesehen und meine: Okay, lass uns den Stuhl produzieren. Die Firma besitzt eine Anlage, um Kunststoff im Rotationsgussverfahren zu verarbeiten, sodass die Produktion für sie kein Problem war. Das serielle Kunststoffmöbel wurde auf diese Weise zur Vorstudie für die Arbeiten, die wir nun aus Bronze hergestellt haben.

Ihre Vorliebe für ungewöhnliche Materialien haben Sie beim britischen Pavillon auf der Expo in Shanghai gezeigt, dessen Fassade aus 66.000 Stäben aus transparentem Acryl bestand. Am Ende der Acryl-Stäbe, die siebeneinhalb Meter aus dem Gebäude herausragten, hatten Sie die Samen unterschiedlicher Pflanzenarten platziert, die durch die Acryl-Stäbe mit Sonnenlicht versorgt wurden. Welches Konzept steckte hinter dieser Ideer?

Das Thema der Expo war die Zukunft der Städte. Großbritannien profitiert an dieser Stelle noch immer vom Erbe aus der viktorianischen Zeit, als die Natur über öffentliche Parks und private Gärten in die Stadt geholt wurde. London ist noch immer eine der grünsten Städte der Welt. Hinzu kommt ein anderer Punkt: Großbritannien erzeugt 25 Prozent der weltweiten Produktion von Pflanzensamen. Und so entstand die Idee, die anfangs noch ein wenig unsexy klang. Niemand mochte den Vorschlag so richtig, als wir ihn zum ersten Mal präsentiert haben. Selbst in unserem Team waren alle ein wenig enttäuscht, dass wir nichts Aufregendes gefunden hatten. Aber gerade in dieser Einfachheit lag die Stärke des Projekts.

Die Grenze zwischen Innen- und Außenraum haben Sie durch die nach außen ragenden Tentakel unscharf werden lassen. Was war die Absicht dabei?

Ich wollte eine Architektur, die weich erscheint und ihre Wirkung weniger aus ihrer Form als vielmehr ihrer Textur erhält. Die meisten Gebäude haben eine sehr präzise Silhouette, die wir bewusst vermeiden wollten. Was aussieht wie Haare, sind in Wirklichkeit Fenster, die aus dem Gebäude herausstehen und den Himmel durchlöchern. Die Materialität war hierbei sehr wichtig, denn viele spektakuläre Bauten wie das Guggenheim in Bilbao verfügen zwar über eine ungewöhnliche Form. Doch wenn man sich ihnen nähert, merkt man, dass sie aus denselben Materialien hergestellt sind wie eine schlichte, konventionelle Box. Ich wollte dagegen, dass sich das Gebäude auch von Nahem so anfühlt, wie es von Weitem erscheint.

Die Dimensionen des Pavillons haben Sie in Form eines Würfels ausgeführt, der nur einen Teil des Grundstücks bespielt. Warum?

Wir hatten das Problem, dass wir nur die Hälfte des Budgets von allen anderen westlichen Ländern hatten. Darum haben wir eine Hierarchie gewählt, bei der der Pavillon selbst nur ein Fünftel der Fläche bespielt hat und das übrige Grundstück das Gebäude wie eine Landschaft umgab. Hinzu kam die Vorgabe der chinesischen Behörden, dass kein Pavillon höher als zwanzig Meter sein durfte – außer ihr eigener, der mit 80 Metern Höhe alle anderen überragte. Auch aufgrund dieser Höhenbeschränkung war es richtig, das Gebäude kleiner zu machen. Denn eine 20 Meter hohe Architektur auf der Breite eines Fußballfelds sieht aus wie eine zusammengedrückte, dicke Flunder. Wenn der Grundriss kleiner ist, bekommen die Proportionen mehr Haltung.

War es schwierig, für diesen Bau grünes Licht zu bekommen?

Seltsamer Weise nicht, denn wir hatten ein gutes Argument in der Hand. Das Briefing, das wir von der britischen Regierung bekommen haben, sah zunächst auch nicht anders aus als das der übrigen Länder. Sie alle wollen zeigen, dass sie ein guter Ort zum Investieren oder Reisen sind, welche Attraktionen sie haben oder wie nachhaltig sie wirtschaften. Ganz am Ende des Dokuments haben wir aber eine Vorgabe gefunden, die herausstach und ganz und gar nicht britisch-gentlemanlike war. Dort stand nämlich, dass wir bei der Wahl des besten Pavillons mindestens den fünften Platz belegen sollten. Das war die eigentliche Zielvorgabe (lacht). Wenn es kritisch wurde in den Gesprächen, konnten wir uns immer darauf berufen. 

Also stand der sportliche Wettkampf am Anfang des Projekts?


Ja, denn die beste Weise, gegen andere zu konkurrieren, besteht darin, überhaupt nicht zu konkurrieren und etwas anderes zu machen. Auf einer Expo zeigen alle Länder ihre neuesten Technologien. Doch wie können wir Briten technologisch interessanter als China oder Japan sein? Das klang wie ein unmögliches Unterfangen. Hinzu kam: Es war die größte Expo, die jemals stattfand. Die insgesamt 240 Pavillons zu besuchen, ist fast dasselbe, als würde man in alle Museen der Welt auf einmal gehen – und das in zwei Tagen. Man wird regelrecht bombardiert mit Informationen und schließlich dagegen immun. Darum haben wir uns entschieden, keine Bildschirme, Projektionen oder LEDs mit wechselnden Farben zu verwenden oder die Stimmen berühmter Schauspieler einzuspielen. In gewisser Weise war es der einfachste aller Pavillons, weil er betont lowtech war. Wir haben versucht, ruhig zu sein.

Die Vorgabe der britischen Regierung haben Sie schließlich mit Bravour bestanden und klar den ersten Platz belegt. In London realisieren Sie unterdessen gleich ein weiteres nationales Prestige-Projekt: die Gestaltung der neuen Londoner Doppeldeckerbusse. Worin lag die Herausforderung des Projekts?


Die alten Routemaster-Busse stammen noch aus den fünfziger Jahren und wurden nach und nach an die neuen Sicherheitsanforderungen angepasst. Vor allem im Innenraum hat dies zu einem enormen Chaos geführt. Unsere Aufgabe lag darin, die heutigen Anforderungen mit einer gestalterischen Ordnung und Einfachheit in Verbindung zu bringen. Wir haben hierbei sehr eng mit den Busherstellern und Behörden zusammen gearbeitet und schließlich das gesamte Fahrzeug entworfen, von der äußeren Hülle bis hin zu den Stoffen.

Welche Veränderungen werden die Fahrgäste am Direktesten spüren?

Es wird künftig zwei Treppen und drei Türen geben, damit die Menschen schneller ein- und aussteigen können. Dass es damit eine zusätzliche Treppe gibt, wollen wir auch von außen zeigen. Die Fenster folgen den Verläufen der Treppen und machen diese als diagonale Bänder auf der rechten Seite und am Heck des Fahrzeugs ablesbar. Auch wird der Bus fünfzehn Prozent weniger Treibstoff verbrauchen als jeder andere Bus mit Hybridantreib, der derzeit auf den Markt ist, und vierzig Prozent weniger Abgase verursachen. Das Gewicht des Fahrzeugs haben wir hierbei durch besonders leichte Materialien reduziert. Das alles sind nur kleine Ideen, aber sie verändern den Fahrkomfort enorm. Bei über 7000 Bussen mussten wir auch die Kosten immer im Blick behalten. Meine Großmutter hat mir übrigens bei diesem Projekt geholfen.

Ihre Großmutter?


Ja, meine Großmutter ist 98 Jahre als und hat bis vor fünf Jahren als Kunsttherapeutin Kurse an verschiedenen Kliniken und öffentlichen Einrichtungen gegeben. Sie wurde in Dresden geboren und musste fliehen, als die Nazis an die Macht kamen. Sie hatte damals an der Berliner Reimann-Schule studiert, die als Äquivalent zum Bauhaus in Dessau galt. Als sie in Großbritannien angekommen ist, hat sie das Textildesignstudio der Kaufhauskette Marks & Spencer gegründet. Ich habe einen sehr kraftvollen Einfluss von ihr und ihrer Energie mitbekommen. Als wir an dem Bus gearbeitet haben, gab sie mir ständig Zeichnungen mit Entwürfen, die sie passend fand. Ich habe viel von ihr gelernt. Sie ist eine fantastische Beraterin. (lacht)

Es muss ein gutes Gefühl sein, wenn Sie künftig durch London laufen und ständig einen Ihrer Busse sehen.

Ja, aber ich fahre in London auch sehr gern Fahrrad. Als ich neulich unterwegs war, wurde ich beinahe von einem Bus überfahren. Da bekam ich plötzlich Angst: Was für ein fürchterliches Ende, wenn man von seinem eigenen Bus überfahren wird (lacht).

Ein weiteres Projekt, an dem Sie derzeit arbeiten, ist ein neues Biomasse-Kraftwerk im britischen Stockton-on-Tees, südlich von Newcastle. Die 49 Megawatt starke Station wird nicht nur 80 Prozent weniger CO2 verursachen als bisherige Biomasse-Kraftwerke, sondern verfügt über eine ungewöhnliche Gestalt: Der zentrale Schornstein wird zu einem begehbaren Park. Welche Idee steckt dahinter?

Kraftwerke werden normalerweise immer versteckt, als müssten wir uns ihrer schämen. Doch für ein Biomasse- oder Windkraftwerk brauchen wir das nicht. Wir wollten über die Architektur zeigen, dass das Kraftwerk seine Umgebung nicht verschmutzt. Es soll kein Ort sein, der mit Stacheldraht umzäunt ist, sondern einer, wo man hingeht, um sich auszuruhen oder zu spielen. Für die Menschen bedeutet dies eine spürbare Verbesserung ihrer Lebensqualität. Denn die Gegend, in der das Kraftwerk gebaut werden soll, gilt als die Ärmste in ganz Großbritannien. Ein Großteil der früheren Industriebetriebe ist geschlossen oder von dort verlagert worden. Politiker neigen in diesen Fällen immer dazu, als erstes ein Kunstmuseum oder ein Opernhaus zu bauen. Das mag in einigen Fällen auch richtig sein, doch ich denke, dass diese Lösung nur wenige Menschen erreicht. Wenn in dieser Gegend, die einst für ihre Industrie bekannt war, nun eine neue Fabrik hinzukommt, ist dies eine positive Entwicklung. Die Herausforderung lag in der Verbindung des Kraftwerks mit dem Leben der Menschen vor Ort, anstatt es zu verstecken. Industrie ist schließlich auch Kultur.

Vielen Dank für das Gespräch.


Alle Beiträge zum Salone del Mobile 2011 im Designlines-Special.


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