Menschen

Thorsten Franck

„Design ist für mich ein Dreiklang.“

von Tanja Pabelick, 06.12.2016

Einer wie er könnte auch ganz nüchtern gestalten: Thorsten Franck ist Industriedesigner mit einer soliden Ausbildungsbasis als Schreiner. Stattdessen aber geht es in Francks Portfolio bunt und dynamisch zu, der Münchner entwirft Spielzeug, fröhliches Stadtmobiliar oder Stehaufhocker. Letzterer wurde nach seinem Launch in die Kollektion des Büromöbelherstellers Wilkhahn aufgenommen. Mit dem PrintStool hat er nun einen ebenfalls schaukelnden und diesmal im 3D-Druck gefertigten Cousin gestaltet. Wir trafen Thorsten Franck und seinen revolutionären Hocker auf der Kölner Orgatec und sprachen mit ihm über Spielraum im direkten und indirekten Sinn, Origami aus dem 3D-Drucker und die neuen Möglichkeiten einer nomadischen Produktion.

Wenn man sich deine Arbeiten anschaut, beschäftigen dich vor allem zwei Themen: spielerische Momente und die generative Fertigung. Wo siehst du die Schnittstelle beider Bereiche?
Wenn ich schon bei der Fertigung Spaß habe, dann weiß ich, dass ein Konzept in die richtige Richtung geht. Vor meinem Studium habe ich ein Handwerk gelernt. Die praktische Seite prägt meine Entwürfe. Ich will die Schönheit der Produktion herausarbeiten, die Werkspur einer Technik sichtbar machen. Und wenn ich ein Produkt gestalte, geht es mir neben seiner Form auch um seine emotionale Qualität. Was mache ich mit einem Ding? Was macht das Ding mit mir?

Wie kannst du als Designer dieses Kommunikationsmoment zwischen Produkt und Nutzer gestalten?
Wenn ein Objekt in seiner Funktion nicht konsequent abgeschlossen ist, bleibt die Möglichkeit zur Interaktion. Der Nutzer hat Spielraum und kann sich mit dem Ding entfalten. Gestaltung richtet sich an den Menschen und ein Produkt muss seine Tätigkeiten stützen – aber nicht bestimmen. Bei Produkten wie dem PrintStool heißt das dann zum Beispiel nicht sitzen bleiben, sondern – wie Wilkhahn es auch so schön sagt – dynamisch sitzen.

Der PrintStool wird generativ mit einem 3D-Drucker gefertigt. Wo konntest du hier Offenheit integrieren?
Im Grunde habe ich ein Designsystem entworfen. Es ergibt sich durch Festlegung bestimmter Parameter, etwa ob das Design bei verschiedenen Höhen gestreckt wird oder nicht. Aus dieser Matrix kannst du nicht ausbrechen, aber du kannst mit ihr spielen. Das unterscheidet den Hocker von massengefertigten Industrieprodukten, er bietet unendliche Möglichkeiten der Anpassung und Individualisierung. Durch den 3D-Druck haben wir eine ganz neue Formensprache. Allerdings ist der Designansatz eigentlich ganz klassisch: Ich leite aus dem Material und dem Herstellungsprozess ein Objekt ab.

Die neuen 3D-Drucker ermöglichen hochkomplexe Formen. Im Design hat das gerade am Anfang zu teils katastrophalen ästhetischen Verirrungen geführt. Wie kriegt man Design und Technik hier wieder zusammen?
Als ich mit dem Hocker-Projekt begonnen habe, waren wir auf vielen 3D-Druck-Messen. Und es wurde tatsächlich alles gemacht. Es ist einfach, die Faszination für die Technik mit der Faszination für das Produkt zu verwechseln. Du nimmst dann ein gedrucktes Ding mit nach Hause und merkst da: Ich brauche das gar nicht. Und es landet im Müll. Aus der Herstellung einen sinnvollen Gegenstand abzuleiten, heißt vielleicht auch sich zurückzunehmen. Einfach zu sein. Die Qualitäten herauszuarbeiten.

Was fasziniert dich persönlich und als Designer so an der generativen Fertigung?
Im Herstellungsprozess steckt viel vom traditionellen Kunsthandwerk. Ich gehe in eine Werkstatt und sehe, wie etwas entsteht. Dieses magische Moment hast du beim 3D-Druck auch. Die Menschen können sich kaum losreißen, wenn sie sehen, was da passiert. Ich finde in diesem Zusammenhang übrigens Herstellung das falsche Wort, es ist vielmehr ein Schöpfen und Wachsen. Ein Zyklus. Am Ende bleibt sogar eine Art Nabelschnur stehen, an der der Hocker von der Maschine getrennt wird. Wenn man sich den Herstellungsprozess in Slow Motion anschaut, dann sieht man, wie poetisch das eigentlich ist.

Das augenfälligste Merkmal des Hockers ist der fast textil anmutende Korpus. Wie bist du zu dieser besonderen Flächenqualität gekommen?
Zuerst haben wir eine relativ breite Palette von Strukturen mit verschiedenen mechanischen Festigkeiten entwickelt. Die Grundlage eines jeden Musters ist eine parametrische Gestaltung. Das heißt, ich habe erst eine Art Kachel, die über die Fläche vervielfältigt wird. Die Skalierung des Rapports verändert die Struktur vom feinen zum groben Profil. Mit diesen Versionen haben wir einen Bruchtest gemacht und uns auf fünf festgelegt. Durch die besondere Struktur verbrauchen wir wenig Material. Der Körper wiegt gerade einmal so viel wie eine Tüte Milch und hat eine Wandstärke von 1,4 Millimetern. Bei einem glatten Körper müssten es drei bis sechs Millimeter sein.

Beeinflusst das geringe Gewicht auch den Charakter der Hocker?
Die Hocker leben von der federleichten Bewegung und vom Licht. Ohne Licht ist jeder Hocker nur ein Hyperboloid, ein taillierter Rotationskörper. Aber wenn der Hocker sich bewegt, dann fängt die Struktur an zu leben. Das ist eigentlich typisch für Origami: Die Faltungen ergeben mit dem Licht das Objekt. Wenn die Hocker gruppiert in einem Raum stehen, dann entsteht ein Moment wie auf einer Blumenwiese. Wenn ich vorbeilaufe setzen sie sich in Bewegung, und es gibt einen schwingenden Nachhall. Was wir da gestaltet haben ist eigentlich die Interaktion zwischen Gegenstand und Mensch. Die Objekte treten in den Hintergrund während die Qualitäten, die sie erzeugen, im Vordergrund stehen.

Der Hocker ist ein Pionier der neuen Möglichkeiten. Was glaubst du, wo es damit hingeht?
Am besten passt vielleicht der Vergleich mit dem Bugholzstuhl, dem meistproduzierten Sitzmöbel. Vor dem Stuhl wurde die Technik entwickelt. Aus ihren Möglichkeiten ergab sich das Möbel, dann eine weltweite Produktion und ein globaler Vertrieb. Wie etwas angeboten und konsumiert wird, entwickelt sich parallel zur Herstellung. Bei generativen Verfahren sind wir noch ganz am Anfang. 3D-Drucker werden immer günstiger. Mit fallenden Preisen werden wir dann auch an einen Punkt kommen, an dem wir von einer industriellen Produktion sprechen können. Natürlich ist diese Revolution schon lange im Gespräch und zumindest ich würde mir wünschen, es würde schneller gehen – aber man muss dem Verbraucher die Möglichkeit geben sich mitzuentwickeln. Wir sind mit anderen Werten aufgewachsen, bis wir neue Systeme akzeptieren braucht es Zeit.

Entsteht dadurch vielleicht auch eine neue Kultur des Lokalen?
Die neuen Fertigungsverfahren geben dir die Möglichkeit vor Ort zu entwerfen und direkt zu produzieren. Das ist im Grunde so wie früher, wenn du zu deinem Schreiner gegangen bist und dort individuelle Möbel für dich angefertigt wurden. Das Individuelle ist ja der klassische Traum des Kleinbürgers, gerade weil es für ihn nicht erschwinglich ist. Über die Technik hast du jetzt eine ganz andere Vernetzung, kannst Workshops veranstalten und mit dem Kunden kooperativ entwerfen. Das kann so weit gehen, dass die Produktionsstätte in dem Gebäude sein kann, in dem die Hocker hinterher stehen. Die Werkstatt ist also wortwörtlich „vor Ort“. Oder ich packe den Drucker hinten in den Kombi und werde zum nomadischen Produzenten.

Die neue Demokratie verändert auch die Rolle des Designers. Du bestimmst nicht mehr jede Schraube, sondern musst das Produkt auch ein Stück weit loslassen. Wie stehst du dazu?
Über Jahrzehnte hat das Autorendesign die Rolle des Gestalters geprägt. Aber es geht eben nicht um den Autor, sondern um die Produkte. Ein Wasserglas etwa ist dann gut gestaltet, wenn es ergonomisch durchdacht ist und wie ein Werkzeug funktioniert. Es ist die Aufgabe des Designers, Dinge zu analysieren. Beim PrintStool ist die Form ein Bereich, dazu kommt das System, die Variation, die Interaktion. Ich nehme mich als Designer zurück und entwickle die Grundstruktur. Wie wird alles montiert, repariert? Vielleicht mache ich mir Gedanken über die beiliegende Tüte mit Schrauben. Die Interaktion von Designer und Nutzer ist direkter und demokratischer.

Hat sich der Konsument verändert?
Die Gesellschaft interessiert sich heute viel mehr für den emotionalen Wert, vielleicht für ein narratives Moment. Wir geben lieber Geld für einen alten Turnkasten aus, als für einen massenproduzierten Tisch aus dem Möbelhaus.

Es sind auch die Gebrauchsspuren als Zeugnisse gelebter Zeit, die ein Objekt für den Besitzer wertvoller machen. Wie kannst du das bei einer modernen Fertigung berücksichtigen?
Das ist genau der Grund, warum der PrintStool eine Sitzfläche aus Leder hat – um ihm diese Identität zu geben. Design ist für mich ein Dreiklang: Konstruktion, Produktion und Emotion. Und das ist beim PrintStool besonders gut gelungen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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