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Ton Schale Erden: Ein Interview mit Iris Roth

Die Mailänder Keramikkünstlerin über Spuren der Handarbeit

von Tim Berge, 09.08.2017

Ob in angesagten Cafés oder Restaurants oder in geschmackvoll eingerichteten Privatwohnungen: Die liebevoll gefertigten puristischen Keramiken der Iris Roth sind Objekte der Stunde. Wir haben mit der deutsch-italienischen Künstlerin und Designerin über die Qualität von Fingerabdrücken und die Rolle der Jahreszeiten für ihre Arbeit gesprochen – und warum sie nur Einzelstücke fertigt.

Kannst du dich noch an das erste Stück Keramik erinnern, auf das du stolz warst? Das liegt zwar sehr lange zurück, ich war ungefähr zehn Jahre alt. Aber das Stück habe ich noch. Inspiriert von etruskischen Keramiken habe ich damals Schmuckkästchen mit Tieren darauf gefertigt. Das war noch zu meiner Zeit in Deutschland und in dem Atelier meines Vaters. Der hat uns viele Bücher mit Keramiken gezeigt. Kurze Zeit später hat er selber angefangen mit Ton zu arbeiten.

Hat damit dein Interesse an Keramik angefangen? Das startete viel später, nachdem ich mein Studium in London beendet hatte. Mein Vater arbeite zu diesem Zeitpunkt sehr viel mit Keramik und lebte auch mittlerweile in Mailand. Wir haben zusammen an seiner Monographie gearbeitet – durch diesen engen Kontakt ist meine Bindung zu Keramik gewachsen. Ich war dann oft in seinem Studio und habe angefangen, meine eigenen kleinen Objekte und Skulpturen zu bauen. Irgendwann wollte ich mehr und begann, Teller zu fertigen: Dabei habe ich den Ton ausgerollt, wie wenn man Pasta oder einen Kuchen macht, und die flache Masse anschließend in eine Gipsform gelegt, die mein Vater von anderen Tellern abgegossen hatte. Am Anfang habe ich die Keramiken noch dekoriert, aber sie wurden dann im Laufe der Zeit immer reduzierter.

Du hast italienische und deutsche Wurzeln: Wie und wo bist du aufgewachsen? Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter ist halb Italienerin, halb aus der französischen Schweiz. Geboren wurde ich in Mailand. Wir sind aber als ich zwei Jahre alt war nach Deutschland gezogen. Das war die Zeit, die in Italien als „anni di piombo“ (die bleiernen Jahre, Anm. d. Redaktion) in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Das war keine schöne Phase für das Land und meine Eltern fühlten sich nicht mehr wohl in Italien. Als ich 15 war sind wir dann wieder zurückgezogen. Später habe ich an der Londoner Goldsmiths Universität Kunstgeschichte studiert. Das war damals sehr aufregend, weil die Schule ein bisschen das Zentrum der Young British Artists-Bewegung war: Es war auf jeden Fall kein klassisches Studium (lacht).

Dein Vater interpretiert Ton künstlerisch. Wie kam es, dass du das Material eher funktional nutzt? Weil ich nicht so intelligent wie mein Vater bin (lacht). Aber mal im Ernst: In der Antike wurden aus Ton Skulpturen, aber auch Schüsseln und andere nützliche Objekte gefertigt. Die Übergänge zwischen diesen zwei vermeintlich gegensätzlichen Welten verliefen aber fließend. Ich habe auch mit Schüsseln als erstes Grundelement angefangen, und weil mir das gefiel, habe ich einfach weitergemacht. Mittlerweile werden meine Arbeiten immer freier.

Wie geht dein Vater mit dem Material um? Mein Vater ist Bildhauer und ich habe immer gerne seinen Arbeitsprozessen zugeschaut. Ich fand es interessant, dass man am Anfang mit einer Idee an die Arbeit geht und dann aber, während des Prozesses, die Idee anpassen muss und, durch die Formbarkeit des Tons, auch kann. Ich muss meine Vorgehensweise also den Möglichkeiten des Materials angleichen – und nicht umgekehrt.

Was ist denn der wichtigste Aspekt für dich an einem fertigen Produkt? Es geht um Einfachheit und Zeitlosigkeit. Dazu kommen die Qualität und das Handgemachte. Ich bin überhaupt kein Fan von Massenproduktion. Also less is more, aber das Wenige soll dann aber auch sehr hohe Qualität haben.  

Du hast bisher zwei Serien herausgebracht: Was sind die Unterschiede? Es gibt die White Collection, die immer auf der Drehscheibe gemacht wird, allerdings in einer Gipsform. Man kann sie nicht allein von der Hand drehen, weil die Objekte zu dünn und flach sind. Bevor ich die finale Kollektion zusammengestellt hatte, habe ich lange an den Formen herumgetüftelt. Die Teile sollten sehr dünn und elegant sein – und ich mochte von Anfang an die Idee der Fingerabrücke und Spuren als individuelles Merkmal. Erst dadurch wird dem Betrachter klar, dass es sich um Einzelstücke handelt. Das hat auch etwas organisches. Form und Größe sind aber immer die gleichen.

Was hat es mit der Earth Collection auf sich? Die Objekte sind klassischer und die Proportionen der Schalen und Teller normaler als bei der White Collection. Die Größen, Formen und Erdtöne können zwar variieren, aber der Grundtyp bleibt der gleiche. Ausnahmen in der Serie bilden Soup Plate und Risotto Plate: Diese zwei Objekte besitzen einen sehr zeitgemäßen Look. Die Earth Collection sehe ich auch noch nicht als abgeschlossen, da können noch einzelne Teile dazukommen, die nicht zwingend an den Esstisch gehören.

Wie gehst Du mit dem Thema Farbe um? Ich bin schon sehr fixiert auf Erdtöne. Aber einige meiner Kunden wünschen sich besondere Farben, wie zum Beispiel die Berliner Restaurants LOK 6 und Louis Pretty, das Depot Deli im Vitra Campus oder das Mailänder Restaurant Otto. Darüber entdecke ich manchmal Dinge, an die ich vorher nicht gedacht habe. Was aber immer gleich bleibt, ist der Ton als Grundelement. Bei der Earth Collection benutze ich roten, bei der White Collection weißen Ton. Seine natürliche Farbe ist an der Unterseite meiner Objekte erkennbar – nur oben werden die Keramiken farbig lasiert.

Gibt es etwas, was du nicht machen würdest? Sag niemals nie! Aber im Moment wären das Dekorationen.

Die meisten deiner Objekte dienen dem Essen: Welche Rolle spielt der Vorgang für deine Arbeitsweise? Essen spielt bei mir Zuhause und in meiner Familie eine große Rolle und wird mit großer Leidenschaft betrieben. So entstand dann auch die Idee für einen Risottoteller, der etwas kleiner ist als ein normaler Pastateller. Mir geht es darum alles Überflüssige wegzulassen und ausschließlich Objekte herzustellen, die eine konkrete und nutzbare Funktion haben.

Wäre für dich eine Massenproduktion deiner Produkte denkbar? Nein, das wäre das Gegenteil von dem, was ich möchte. Ich will nur handgearbeitete Objekte fertigen. Das macht meine Arbeit aus. Und das verlangt eben seine Zeit. Dazu kommen Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann, wie die Jahreszeiten: So trocknen im Winter die Teile wesentlich langsamer als im warmen Sommer. Und alle Komponenten, mit denen ich arbeite, stammen aus der Natur. Auch da können Dinge schiefgehen. Aber ich muss natürlich auch mal größere Mengen, wie für die Restaurants, herstellen. Das hat bisher immer geklappt, natürlich mit einer gewissen Vorlaufzeit.

Was wünschst du dir für deine Zukunft? Ich werde weiterhin mit Keramiken experimentieren, aber sie sollen größer und spezieller werden. Ich würde gerne Einzelstücke für meine Interior-Projekte produzieren. Die können immer noch einen funktionalen Hintergrund haben, müssen es aber nicht. Vielleicht werden es Skulpturen – wie bei meinem Vater (lacht).

Iris, vielen Dank für das Gespräch!

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