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Bollywood am Jungfraujoch

174 Stühle von Horgenglarus machten sich auf die nicht alltägliche Reise in ein Restaurant in 3.454 Meter Höhe.

von Judith Jenner, 05.01.2015

Kennen Sie Angel? In dem Film aus dem Jahr 2011 geht es um das Schicksal von Abhay Chawla. Nach einem Autounfall, bei dem ein Mensch stirbt, landet er für zwei Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung steht er vor dem Nichts: Sowohl Freunde als auch Verwandte haben sich von ihm abgewandt, er hat kein Zuhause und kein Geld mehr. Nur die Liebe zu einer Frau kann ihn retten. Schmachtstreifen wie diese sind in Indien Kassenschlager. Bereits seit den 60er Jahren entstehen viele Szenen in der Schweiz, denn grüne Wiesen und schneebedeckte Berge gehören zur Bollywood-Idylle dazu wie der Mord zum Tatort.

Angel wurde unter anderem am Jungfraujoch gedreht. Der Verbindungsgrat zwischen den Bergen Mönch und Jungfrau in den Berner Alpen liegt auf 3.471 Metern Höhe und ist eins der beliebtesten Touristenziele in der Schweiz. Unter den Gästen sind auch viele Inder, und zwar nicht nur Filmteams, sondern auch Reisende, die die Drehorte ihrer Lieblingsfilme endlich live sehen wollen. Ein Restaurant namens Bollywood hat an diesem Ort, der als Top of Europe vermarktet wird, also durchaus seine Berechtigung.

Bollywood in den Alpen
Während das Essen von einem indischen Küchenteam zubereitet wird, ist die Einrichtung Schweizer Wertarbeit. Gerade erst wurde sie von Architekt Patrick Gurtner von Universal Gebäudemanagement aus Interlaken grunderneuert. Er wurde von der Bauherrin der Jungfraubahn mit der Sanierung beauftragt, um zum einen bauliche Mängel zu beheben, zum anderen aber insbesondere die Qualität für die Gäste zu erhöhen und der Inneneinrichtung eine Verjüngungskur zu verpassen. Die Renovierungsarbeiten stellten Patrick Gurtner und sein Team vor logistische Herausforderungen: So durften alle Möbel und Materialien nur so groß sein, dass sie in den offenen Güterwagen der Zahnradbahn transportiert werden konnten, die seit mehr als hundert Jahren die Bergstation mit der Kleinen Scheidegg verbindet. Auch die Lagerkapazitäten vor Ort waren begrenzt.

Dünne Luft
Der touristische Betrieb sollte durch die Bauarbeiten möglichst wenig gestört werden. Auch die Wetterverhältnisse und die eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Arbeiter in der dünnen Luft mussten berücksichtigt werden. Um für sie die langen Anfahrtszeiten zu reduzieren, richtete man Unterkünfte am Eigergletscher ein, der etwa 1000 Höhenmeter unter dem Jungfraujoch liegt.   

Architektur in Schnee und Eis
Bei der Sanierung des Restaurants entschied man sich für eine verglaste Fassade mit filigranen Unterteilungen. Im Innenraum fasst ein rundumlaufender Eichenrahmen das traumhafte Bergpanorama ein wie ein Bilderrahmen. Mit rauen, naturbelassenen Materialien spiegelt sich die Umgebung aus Fels und Schnee auch im Innenraum wider. Weil das Restaurant wie ein Schaufenster zur Gletscherwelt wirken soll, nimmt sich die Einrichtung bewusst zurück. Ehrliches und schlichtes Design, das Funktion und Ästhetik vereint, bestimmt die Möblierung unter großen, halb in die Decke eingelassenen Stoffleuchtenschirmen. Im hinteren Bereich des Restaurants wurden zu massiven Eichen-Hochtischen 64 dunkel gebeizte Barhocker des Modells Lyra von Hannes Wettstein für Horgenglarus kombiniert. Entlang der Fassade nehmen die Gäste an in Anthrazit gehaltenen Tischen auf Lyra Szena in Eiche Natur Platz. „Wir wollten einen Stuhl, der sowohl leicht als auch stabil ist und zu hundert Prozent in der Schweiz hergestellt wurde“, erklärt Architekt Patrick Gurtner. „Was beide Modelle auszeichnet, ist ihre Qualität, dank der sie der vielfachen Benutzung standhalten können. Trotzdem sind sie leicht zu bewegen und bequem zum Sitzen.“
Horgenglarus-Stühle unterwegs
Wie alle Materialien mussten auch die Stühle auf nicht alltäglichen Wegen aufs Jungfraujoch geliefert werden: Ihre Reise begann in Glarus, Hauptstadt des gleichnamigen Kantons und Unternehmenssitz von Horgenglarus. Die älteste Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz existiert seit mehr als 130 Jahren und steht für erstklassige Qualität. In ihrem Werk wurden sie verpackt, in LKWs verladen und nach Grindelwald gefahren. Dort lud man sie auf die Eisenbahn um und auf der Kleinen Scheidegg nochmals auf eine Zahnradbahn, um schlussendlich auf dem höchsten Bahnhof Europas auf 3.454 Meter Höhe ausgeladen zu werden. Nur mit bestimmten Packmaßen und einer optimalen Vorbereitung war diese logistische Herausforderung möglich. Bis hin zum Abtransport des Verpackungsmaterials musste alles genau durchgeplant sein.

Im Restaurant Bollywood dienen die Schweizer Klassiker nun als Sitzgelegenheiten für eine unglaubliche Sicht auf Berge und den imposanten Aletschgletscher – eine Aussicht, die sicherlich noch häufig in indischen Kinofilmen wie Angel mitspielen wird.

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