Projekte

Sadomaso in der Halfpipe

Bewohnte Buchstaben: Die fünf extravaganten Suiten des Amstel Botel in Amsterdam.

von Norman Kietzmann , 02.09.2015

„Haben Sie schon einmal in einem B geschlafen?“ Mit dieser Frage begann für das niederländische Büro MMX-architecten ein ungewöhnlicher Hotelumbau im Hafen von Amsterdam. Um dem Hotelschiff Amstel Botel eine prägnantere Erscheinung zu verleihen, platzierten sie fünf Suiten auf dessen Oberdeck – in Gestalt der Buchstaben B, O, T, E und L. 

Erinnern Sie sich noch an Glücksrad? Die 80er-Jahre-Quizshow, in der von Kandidaten erratene Konsonanten und Vokale von „Buchstabenfee“ Maren Gilzer umgedreht wurden? Was als Klassiker in die Geschichte des Vorabendprogramms einging, erfährt derzeit im Amsterdamer Hafen eine Neuauflage. Die Schriftart ist zwar eine andere. Auch eine Buchstabenfee braucht es nicht mehr. Doch in sechseinhalb Meter hohen Lettern steht dort der Name des Hotelschiffs Amstel Botel geschrieben, als wäre soeben die Lösung an einer gigantischen Fragewand aufgedeckt worden. 

Klotz am Kai
Seit zwanzig Jahren liegt das Hotelschiff in Amsterdam vor Anker. Dass es im Gegensatz zu seinen ozeanerprobten Verwandten nur auf Flüssen unterwegs war, fällt auf Anhieb ins Auge. Träge und unelegant wirkt der Klotz mit seinem zur kurz geratenen Bug. Fast könnte man meinen, ein billiges 70er-Jahre-Hochhaus sei an den Liegeplätzen der früheren NDSM-Werft einfach der Länge nach ins Wasser gefallen. Dass die 3-Sterne-Herberge mit ihren 176 Zimmern von außen nicht den besten Eindruck machte, war auch deren Besitzerin Sandra Chedi bewusst. Um die Situation zu verbessern, wandte sie sich an die Architekten Arjan van Ruyven und Michiel van Pelt, die das Büro MMX-architecten in Amsterdam betreiben. Zusammen mit dem Filmemacher und Architekten Jord den Hollander entwickelten sie eine weit schlagkräftigere Strategie, als lediglich dem Rumpf mit einem neuem Farbanstrich zuzusetzen.

Vegas in Holland
„Architektur muss Zeichen setzten“, lautete das Credo, mit dem das Trio Learning from Las Vegas als konkrete Handlungsanleitung umsetzte. Auf das Oberdeck des weißen Dampfers platzierten sie fünf rote, freistehende Buchstaben, die den zusammengezogenen Namen BOTEL schon von weitem sichtbar machen. „Wir haben natürlich keine bestehende Schriftart verwendet, sondern unsere eigenen Buchstaben entwickelt, auch wenn daraus nicht gleich ein ganzes Alphabet wurde“, erklärt Arjan van Ruyven. Die ausladenden Bäuche und Rundungen der Lettern sind nicht etwa der Lesbarkeit geschuldet: Im Inneren verbergen sich fünf extravagante Hotelsuiten, die mit geschwungenen Wänden und Decken sowie kullerrunden Fenstern keine Langeweile aufkommen lassen. 

Halfpipe versus Bühne
Weil jeder Buchstabe einen eigenen Charakter besitzt, wurde die Inneneinrichtung jeweils einem anderen Gestalter oder Team übertragen. Auf Dynamik setzt Designer Richard Hutten mit dem Letter B, dessen Boden er in eine skatetaugliche Halfpipe verwandelte. Eine hölzerne Wendeltreppe führt auf eine netzumspannte Zwischenetage, von wo aus eine weitere Treppe direkt ins Schlafzimmer im oberen Bogen des B führt. Der Interieurgestalter Ronald Hooft vom Büro &Prast&Hooft ließ sich für den Buchstaben O vom 1954 erschienenen Sadomaso-Roman Histoire d’O inspirieren. Das vergitterte Rundbett thront wie eine Bühne auf einem freistehenden Zylinder, der diskret das Badezimmer aufnimmt. Zwei große, runde Fenster lassen das Publikum beidseitig teilhaben und können bei Bedarf mit schwarzen Rollos verblendet werden.  Kinosaal versus Ruheinsel
Nautische Motive werden von MMX-architecten im Buchstaben T beschworen. Den oberen, querliegenden Balken begriffen sie als eine holzvertäfelte Kapitänskajüte mit großem Esstisch und hinter einer Sitznische verstecktem Klappbett. Der Clou des Raums ist nicht nur die lange Küchenzeile, die ein rundes Fenster mit geschwungener Arbeitsfläche umspielt. Auf der gegenüberliegenden Raumseite kann eine über zwei Meter hohe, lederbezogene Scheibe direkt vor das große Fensterrund gerollt werden, um dieses blickdicht zu verschließen. 

Ganz in seinem Metier blieb Filmemacher Jord den Hollander und verwandelte das Innere des Buchstaben E in den kleinsten Kinosaal der Niederlande – inklusive Lounge und komplett in blau gehaltenen Wänden. Puristisch zeigt sich das Innere des Buchstaben L, das die japanisch-niederländische Architektin Moriko Kira als Insel der Ruhe konzipierte. Das Bett ruht auf einer weißen, im Raum schwebenden Kapsel, die mit einer schwungvollen Treppe verschmilzt und einen kontemplativen Rückzugsort mit Panorama auf den Amsterdamer Hafen bildet.

Poppige Krone
Für die Herstellung der Buchstaben konstruierten MMX-architecten ein Sandwich aus EPS-Schaum, das außen mit Polyester-Fiberglas verstärkt und innen mit selbsttragendem Gips verputzt wurde. „Es war uns wichtig, dass es keine sichtbaren Rahmen gibt. Auch sollten die Buchstaben frei platziert werden können, als hätte eine riesige Hand mit ihnen gespielt“, erklärt Arjan van Ruyven. Um diesen Effekt zu erzielen, stehen die Lettern nicht schnurstracks in einer Reihe, sondern wurden leicht zueinander verdreht – genau wie an einer hastig aufgelösten Fragewand im Glücksrad-Quiz.

Dem Dach des weißen Hotelschiffes setzen die Buchstaben damit nicht nur eine poppige Krone auf. Sie lassen entfernt an die Schornsteine großer Ozeandampfer denken, die früher just an dieser Stelle von der Werft NDSM produziert wurden – und geben so dem klobigen Binnendampfer eine Idee von weiter Welt mit auf den Weg. Das Architekten-Filmemacher-Trio hat damit genau ins Schwarze getroffen.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projekt

Amstel Botel

www.amstelbotel.nl

Projektarchitekten

MMX architecten & Jord den Hollander

www.mmx-architecten.nl

Interieur B

Richard Hutton

www.richardhutten.com

Interieur O

&Prast&Hooft

www.prasthooft.nl

Interieur T

MMX-architecten

www.mmx-architecten.nl

Interieur E

Jord den Hollander

www.missionstatements.nl

Interieur L

Moriko Kira

www.morikokira.nl

Mehr Projekte

Recycling mal anders

Umnutzung von Schiffscontainern zu mobilem Wohnraum

Umnutzung von Schiffscontainern zu mobilem Wohnraum

Flexibilität und Komplexität

In Madrid entwickelte das Studio Burr wandelbare Wohnräume

In Madrid entwickelte das Studio Burr wandelbare Wohnräume

Perfekte Proportionen

Umbau mit Ziegelanbau in Amsterdam von Studio Prototype

Umbau mit Ziegelanbau in Amsterdam von Studio Prototype

Pyramiden von Flinders

Wochenendhaus von Architects EAT in Australien

Wochenendhaus von Architects EAT in Australien

Galerie mit Wohnfunktion

Daniel Boddam baut in Sydney ein Haus für Kunstsammler

Daniel Boddam baut in Sydney ein Haus für Kunstsammler

Bühne frei für die Kunst

Umbau in New York von Worrell Yeung

Umbau in New York von Worrell Yeung

Bewohnter Adventskalender

Lenka Míková Architekti gestaltet ein Prager Apartment

Lenka Míková Architekti gestaltet ein Prager Apartment

Wohnliche Scheune

Umgebautes Heulager von Stephanie Thatenhorst

Umgebautes Heulager von Stephanie Thatenhorst

Die Ziegelhöhle von Hanoi

Wohnhaus mit doppelter Gebäudehülle von H&P Architects

Wohnhaus mit doppelter Gebäudehülle von H&P Architects

Transformation einer Ikone

Umbau einer mexikanischen Maisonette von Escobedo Soliz

Umbau einer mexikanischen Maisonette von Escobedo Soliz

Turm am Abhang

Erweiterung eines Familienhauses in Oslo von Resell + Nicca

Erweiterung eines Familienhauses in Oslo von Resell + Nicca

Ästhetische Stilreise

Innenausbau einer Münchner Stadtvilla von Frédérique Desvaux

Innenausbau einer Münchner Stadtvilla von Frédérique Desvaux

Zeitgemäße Raumverdoppelung

Studio Bernd Oberwinkler renoviert Wohnung in Wien

Studio Bernd Oberwinkler renoviert Wohnung in Wien

Glamping im Wald

Zwei Ferienhütten in Kanada von Bourgeois / Lechasseur architectes

Zwei Ferienhütten in Kanada von Bourgeois / Lechasseur architectes

Raum aus dem Nichts

Vertikal gestapeltes Mikroapartment von Proctor & Shaw Architects in London

Vertikal gestapeltes Mikroapartment von Proctor & Shaw Architects in London

Sakraler Rückzugsort

Modernes Schindelhäuschen an einem finnischen See von Pirinen & Salo

Modernes Schindelhäuschen an einem finnischen See von Pirinen & Salo

Schwereloses Schwimmbecken

HAL Architects bringen einen Londoner Pool zum Schweben

HAL Architects bringen einen Londoner Pool zum Schweben

Reduzierter Raum auf Russisch

Einraumwohnung in Moskau von Room Design Büro

Einraumwohnung in Moskau von Room Design Büro

Zuhause im Architekturbüro

Wohnliches Office in Sydney von Alexander &CO.

Wohnliches Office in Sydney von Alexander &CO.

Häuschen auf Haus

Ein hölzernes Dachrefugium von Ana Sol Smud

Ein hölzernes Dachrefugium von Ana Sol Smud

Rettung einer Ruine

Denkmalgerechter Anbau von Will Gamble Architects in Northamptonshire

Denkmalgerechter Anbau von Will Gamble Architects in Northamptonshire

Berliner Dachboden

Großzügige Mai­so­nette von Kirchberger & Wiegner Rohde

Großzügige Mai­so­nette von Kirchberger & Wiegner Rohde

Dialog zwischen den Zeiten

Eine Tudor-Villa mit Annex von Atelier Barda

Eine Tudor-Villa mit Annex von Atelier Barda

Würfel statt Wände

Dachgeschosswohnung in Berlin von Ester Bruzkus Architekten

Dachgeschosswohnung in Berlin von Ester Bruzkus Architekten

Haus im Hügel

Mexikanisches Wochenendrefugium von HW Studio

Mexikanisches Wochenendrefugium von HW Studio

Das Laternen-Loft

Familiendomizil in Montreal von Future Simple Studio

Familiendomizil in Montreal von Future Simple Studio

Palais Oppenheim in Köln

Moderner Villenumbau von Renner Hainke Wirth Zirn Architekten

Moderner Villenumbau von Renner Hainke Wirth Zirn Architekten

Ländlicher Zufluchtsort

Umbau eines Hausensembles von Atelier 111 in Tschechien

Umbau eines Hausensembles von Atelier 111 in Tschechien

Natursteinrefugium

Solarbetriebener Rückzugsort von Mariana de Delás auf Mallorca

Solarbetriebener Rückzugsort von Mariana de Delás auf Mallorca

Herz aus Beton

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin