Projekte

Transparente Trutzburg

von Myrta Köhler, 10.02.2012

Im Jahr 2010 wurde am Domplatz in Mailand ein Gebäude wiederbelebt, das dem Platz jahrelang ein eher abweisendes Gesicht gezeigt hatte: Den Ende der dreißiger Jahre errichteten, der faschistischen Architektur zuzuordnenden Palazzo dell` Arengario bauten die Mailänder Architekten Italo Rota und Fabio Fornasari zum Museo del Novecento um. Das Lichtkonzept von Alessandro Perdetti verbindet innen und außen und dient gleichzeitig als Leitsystem.

Das monumentale Gebäude wurde auf dem Grundstück eines Seitenflügels des Palazzo Reale während der Mussolini-Ära als Versammlungsort (arengo) konzipiert – hier sollte sich der „Duce“ an das Volk wenden. Obwohl die Bauarbeiten kriegsbedingt erst in den fünfziger Jahren abgeschlossen werden konnten, spricht der Palazzo die rationalistisch-monumentale Formensprache der 1930er Jahre. Zwei turmartige, dreigeschossige Vorbauten, angelegt als eine Art Stadttor, schieben sich in den öffentlichen Raum. Die Fassaden aus Candoglia-Marmor mit ihren monumentalen Rundbögen erinnern an Gebäude auf den Gemälden von Giorgio de Chirico. Zuletzt waren in dem Palazzo Büroräume öffentlicher Institutionen untergebracht. Nun befindet sich hier das Museum für italienische Kunst des 20. Jahrhunderts, zu sehen sind rund 400 Werke vom Futurismus bis zur Arte Povera. 

Blick hinter die Kulissen

Eine solche Sammlung benötigt Platz: Das neue Museum hat sich deshalb auch den rückwärts gelegenen Gebäudeflügel und die zweite Etage des Palazzo Reale einverleibt. Eine Planungsgruppe unter der Leitung des Mailänder Architekten Italo Rota konzipierte die neuen Räumlichkeiten. Das Hauptgebäude wurde zum Großteil entkernt und neu strukturiert. Eine Rampe empfängt hinter dem Eingang die Besucher, nimmt unaufdringlich, doch wie selbstverständlich deren Bewegung auf und geleitet sie nach oben zu den Ausstellungsräumen. Dieser „Laufsteg“ führt spiralförmig um den zentralen Stahlbetonkern, seine vorgehängte Glasfassade ermöglicht mit der Bewegung wechselnde Ein- und Ausblicke – wie Bilder in einem Film. Die Architekten spielen bewusst mit dem Gegensatz zwischen außen und innen. Das Äußere des Gebäudes blieb nahezu unverändert, allerdings wurden die ehemals vermauerten Rundbogenfenster im Mittelgeschoss verglast: Die monumentale Fassade gewährt  nun Einblicke, die neugierig machen auf die Schätze im Inneren. Insbesondere bei Nacht ist die Wirkung groß: Die Hülle strahlt dann von innen heraus und erinnert an eine Schatztruhe, die ihren kostbaren Inhalt preisgibt.

Stadt im Turm


Wände und Böden der Ausstellungsräume sind in einheitlichen Grundfarben gestaltet, um den Kunstwerken einen dezenten Rahmen zu verleihen. Für die kleineren Ausstellungsräume des Arengario-Flügels schufen die Architekten neue Präsentationsflächen sowie Stelen in weiß und grau. Die vollständig verglaste Fassade ermöglicht den ungehinderten Blick auf den benachbarten Palazzo Reale, eine – ebenfalls gläserne – Verbindungsbrücke führt hinüber und bietet den Besuchern weite Blicke auf die Umgebung. Dies gilt auch im übrigen Gebäude. Das Museum ermöglicht nicht nur den Genuss der ausgestellten Kunstwerke, sondern bildet darüber hinaus auch den Rahmen für das Panorama der Umgebung: Das Glasdach eines kleinen Seitenkabinetts beispielsweise lenkt den Blick auf die Madonnina-Statue vom Domturm. Besonderes hält die oberste Etage des Turms bereit: Ein vollständig verglaster Raum, Heimat der Werke Lucio Fontanas, bietet einen atemberaubenden Ausblick auf den Domplatz.

Der Weg ins Licht 


Licht hat im Museum eine im wahrsten Sinne des Wortes „leitende“ Funktion. Die dynamische Wegführung wird durch das Lichtkonzept betont, für welches Alessandro Perdetti (Mailand) verantwortlich zeichnet – auch die Innenarchitektur stammt aus seiner Feder. Im gesamten Haus wurden Leuchten von Zumtobel verbaut, zum Einsatz kamen unter anderem die LED-Leuchte Hedera, die Lichtlinien Linaria, die LED-Downlights Panos Infinity, die Rasterleuchte Perluce, sowie die Rettungszeichenleuchten Artsign und Comsign. Deckenintegrierte LED-Downlights beleuchten die Rampenfläche, zusätzliche kleine LED-Spots säumen als Sonderlösungen die Brüstung und strahlen blau-grünes Licht nach innen. So werden die geschwungenen Flächen akzentuiert und die räumliche Wirkung verstärkt. Durch die neu erworbene Transparenz des Gebäudes wird die „Lichtspirale“ auch im Stadtraum sichtbar und entfaltet ihre dynamische Sogwirkung bis hinaus auf den Domplatz.

Die Übergänge zwischen einzelnen Bereichen werden ebenfalls mithilfe von Licht akzentuiert. Flächige Lichtmodule dienen als Türrahmen und kennzeichnen als „Lichtportale“ die Eingänge der Galerieräume. Die Beleuchtung in den Ausstellungsräumen selbst ist jedoch eher dezent gehalten. Die Lichtdecke Cielos als modulares Lichtsystem schafft flächiges Deckenlicht und bewirkt somit eine homogene, weiche Grundbeleuchtung; ihre Module sind entsprechend der Raumgrundrisse als lineare Lichtbänder oder quadratisch angeordnet. Dank des zentralen Lichtsteuerungssystems Luxmate Litenet ist eine gleichmäßige Beleuchtung der Säle problemlos möglich. „Unser Ziel war, einen ruhigen Raumeindruck mit sanften, neutralen Farben und homogener Lichtsituation zu schaffen – denn die Hauptrolle spielen die Kunstwerke“, erläutert der Architekt Alessandro Pedretti. Einen Kontrast zur diffusen Grundbeleuchtung der Galerien bilden die vertikalen Lichtlinien in den Erschließungsbereichen, welche flächenbündig in die Wände integriert sind. Ein besonderes Highlight befindet sich an der Decke des obersten Stockwerkes: Lucio Fontanas Lichtinstallation „Struttura al neon per la IX Triennale di Milano 1951/2011“ zieht die Blicke der Besucher und der Passanten auf sich.

Alte Hülle, neuer Inhalt


Die Kombination von monumentaler Hülle und strahlendem Inneren sorgt für spannende Kontraste und macht den Palazzo zur Landmarke im Stadtbild Mailands. Die Transparenz der Fassade wirkt in beide Richtungen: Wie in einem Landschaftsgarten mit gezielt gesetzten Points des Vues inszeniert der Umbau die unterschiedlichen Gebäude der Umgebung wie ein Stillleben – die Stadt selbst wird zum Kunstwerk. Umgekehrt wirft das Museum den Glanz des Neuen auch nach außen: Die im wahrsten Sinne des Wortes „kunstgerechte“ Beleuchtung dringt durch die großzügigen Arkaden auf den Domplatz, bei  Nacht wird das Gebäude zur aufsehenerregenden „Lichtskulptur“. So stehen Alt und Neu nebeneinander und verschmelzen zu einer harmonischen Einheit. Mag der Inhalt des Bauwerks dem vergangenen Jahrhundert verhaftet sein – seine Einbindung in den Stadtraum schlägt einen Bogen über mehrere Epochen.
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Links

Italo Rota

Architekt

www.studioitalorota.it

Zumtobel

Lichtlösung

www.zumtobel.de

Museo del Novecento

www.museodelnovecento.org

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