Projekte

Wellengang am Arbeitsplatz

von Nadine Claudius, 12.01.2009


Tokio besuchen heißt Mega-City erleben: Bereits im 18. Jahrhundert machten mehr als eine Million Einwohner sie zur größten Stadt der Welt, heute leben in ihrem Großraum rund ein Viertel der japanischen Bevölkerung. Überfüllte U-Bahnen, permanenter Lärm und Neonlichter verbindet man ebenso mit diesem Ort wie die Anfang März beginnende Kirschblüte. Und neben zartrosa Blüten blüht hier noch so mach andere Idee, denn Tokio zählt zu einer der trendbewusstesten und modernsten Städte Asiens. Trends nehmen hier oft ihren Anfang und finden dann häufig ihren Weg über die asiatischen Nachbarländer bis nach Europa. Nahe des Meguro-Flusses befindet sich in einem alten Bürohaus die Arbeitsstätte von Nendo, dem Designerkollektiv um Chefdesigner Oki Sato. Hier gilt: Designer brauchen schöne (T)Räume. Und den dazugehörigen Platz zum Denken und Schaffen.


1977 in Kanada geboren, kehrte Oki Sato im Alter von zehn Jahren in seine bis dato unbekannte Heimat zurück, um später an Tokios Waseda-Universität Architektur zu studieren. Unmittelbar im Anschluss gründete er 2002 das Label Nendo. Nach dem kometenhaften Aufstieg in Japan startete das Designerkollektiv auch in Europa durch und eröffnete nur drei Jahre später eine Dependance in Mailand. Nendo stellt sich den Herausforderungen der zeitgenössischen Planung mit Persönlichkeit und Entschlossenheit und hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, eine Reihe bedeutender internationaler Auszeichnungen zu erhalten.

„Nendo“ bedeutet im Japanischen „Ton” – ebenso geschmeidig und flexibel wie dieses Material sind die Arbeiten, die neben architektonischen Projekten auch Möbel- und Lampendesign, Installationen und weiteres Produktdesign umfassen. Bekannt für seine schlichten Entwürfe arbeitet Nendo für so namenhafte Auftraggeber wie Cappellini, Moroso oder Swedese und zeigt auf vielen wichtigen Ausstellungen und Möbelmessen wie in Mailand, Paris oder Stockholm Präsenz. Doch wie oder besser wo entstehen all diese Ideen?

Getrennt vereint

Die Antwort findet sich im Süden Tokios inmitten eines Areals alter Wohn- und Verwaltungsgebäude. Nahe des Meguro-Flusses gelegen, befindet sich auf knapp 140 Quadratmetern das kreative Zentrum von Nendo: freundlich hell, wenngleich etwas steril und in Form eines dreieckigen Grundrisses präsentieren sich diese eher ungewöhnlichen Räumlichkeiten. Vereinzelt setzen hier und da ein paar Grünpflanzen einen farblichen Akzent zu dem ansonsten puristisch weiß gehaltenem Interieur, in dem sich auch Eigenentwürfe, wie der Hocker „Ribbon" für Cappellini und der Beistelltisch „snow " für Swedese finden. Oki Sato widmet sich seit jeher lieber der Formengebung und gewährt dem Aspekt der Farbigkeit eher eine Nebenrolle. Ihn fasziniere die Symbiose von Licht und Schatten, so der Designer.

Die Zielsetzung innerhalb des „Meguro Office“ war, die einzelnen Funktionsbereiche wie Konferenzraum, Arbeits- sowie Organisationsbereich nebst Stauräumen effektiv in einem Raum zu vereinen. Dabei sollten einzelne Segmente visuell voneinander getrennt werden, ohne im Gegenzug die Kommunikation zu hemmen. Erreicht wurde dies mit Hilfe von sechs Sperrholztrennwänden, die Vorhängen nachempfunden zwischen die einzelnen Segmente gespannt wurden. Vergleichbar mit überdimensionalen Laken, die an der Decke an einer imaginären Leine hängen, spannen und neigen sich die Stoffbahnen so, dass dabei bogenförmige Aussparungen entstehen. Diese verleihen den Trennwänden eine spielerische Leichtigkeit und nehmen gleichzeitig die Starrheit zurück.

Beine hoch!

Stehend können die Angestellten durch die bogenförmigen Aussparungen so das gesamte Büro überblicken. Anders als in herkömmlichen Großraumbüros, in denen jeder sieht, hört und kontrolliert, was ihn zumeist gar nichts angeht, vereint das „Meguro Office“ den kreativen Austausch zwischen den dort arbeitenden Menschen, ohne ihnen im Gegenzug die Option des konzentrierten Arbeitens zu nehmen. Interaktion und Intimität schließen einander daher nicht aus. Über einen Gang besteht die Möglichkeit sich zwischen den jeweiligen Segmenten zu bewegen, ohne dass ein permanentes Gewusel entsteht und ständig die Hälse gereckt werden müssen, sobald jemand den Raum betritt.

Gewöhnungsbedürftig ist sicherlich die Tatsache, dass es keine Türen gibt – man stattdessen jedoch gezwungen ist die Beine zu heben und achtsam die Stolperfalle „Trennwandschwelle“ zu passieren, sollte man den Kollegen nebenan besuchen, sich einen Tee aus der Küche oder ganz simpel einem dringenden Bedürfnis nachgehen wollen. Dies mag einem psychologischem Moment gleich kommen: Beim Passieren der Schwellen wird subtil – vergleichbar mit dem Öffnen einer Tür – daran erinnert, dass im gleichen Moment die Privats- bzw. Arbeitssphäre des anderen betreten wird. Ein weiterer positiver Begleitaspekt ist, dass die Schrittgeschwindigkeit automatisch einem moderaten Tempo angepasst wird und niemand der sieben Angestellten unbedacht über den Gang hastet und Hektik verbreitet.

Auf Tauschstation

Hat man sich ersteinmal von seinen Bürostuhl erhoben, den Ron Arad einst für Vitra entwarf, und somit den Arbeitsplatz verlassen, ensteht schnell der Eindruck, dass die Büromitarbeiter von A nach B schwimmen statt zu gehen: Je nach Perspektive tauchen wie in einem Meer aus Wellen hier und da mal (kreative) Köpfe, Tische, Stühle und Pflanzen hinter den sichelförmigen Aussparungen auf, um im nächsten Moment wieder hinter selbigen unterzutauchen. Einer Symmetrie unterliegen die Öffnungen der hintereinandergestaffelten Platten übrigens nicht – die Größen der Bögen variieren. Lediglich der Gang durch die einzelnen Funktionsbereiche liegt innerhalb einer Flucht. Dieses Design verleiht dem Ganzen eine gewisse Dramaturgie.

Bleibt bei aller Anmut und Schönheit zu bemängeln, dass etwaige Gehbehinderungen und Unachtsamkeiten in Sachen Brandschutz bei der Konzeption außer acht gelassen wurden. Abgesehen davon ist das „Meguro Office“ zweifellos eine gelungene Alternative, der herkömmlichen Arbeitsbox-Typologie des Großraumbüros abzuschwören. Das Team vor Ort soll zumindest von dem ungewöhlichen Arbeitsumfeld durchweg angetan sein, so der Büromanager.
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Links

Designer

Nendo

www.nendo.jp

Interview Nendo

www.designlines.de

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