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Abenteuer Leuchtmittel

von Katja Neumann, 23.07.2010


Jeder ansatzweise designorientierte Mensch hat so seine Vorlieben: Die einen achten besonders auf Farben oder Formen, andere wiederum haben ein Faible für Stoffe oder Accessoires. Bei mir sind es Leuchten. Eines Tages trat ein Fall ein, von dem ich wusste, dass er früher oder später unausweichlich sein würde: Die Birne meiner Designerleuchte war durchgebrannt. Was nun, fast ein Jahr nach dem sogenannten Glühlampenverbot? Als Licht-Redakteurin eigentlich ein willkommener Anlass, einmal auf die Suche zu gehen nach Leuchtmittel-Alternativen speziell für Designerleuchten.


Zunächst aber stehe ich hier mit meiner Designerleuchte, die nicht mehr leuchten will. Und eine Energiesparlampe kann ich wohl schlecht einsetzen, da die Glühbirne bei dieser Leuchte deutlich zu sehen, ja quasi Gestaltungselement ist. Abgesehen davon bin auch ich, wie viele andere Verbraucher, kein Freund der Energiesparlampe. Sicher ist sie sparsamer und langlebiger als die gute alte Glühbirne und schont daher in gewissem Maße die Umwelt. Doch im Grunde ist sie nichts anderes als eine kleine, gebogene Neonröhre, die ein deutlich anderes Licht erzeugt als die Glühlampe.

Das Energiesparlampen-Dilemma

Dazu kommt: Was mache ich, wenn die Energiesparlampe irgendwann kaputt geht? Oder auf den Boden fällt? Quecksilber in der Wohnung zu haben ist fast schlimmer als eine unangenehme Beleuchtung. Was unausweichlich folgt, ist die Suche nach einer städtischen Sondermülldeponie. Das heißt: erstmal im Internet schauen, wo die Lampe entsorgt werden kann. Ist die Deponie gefunden, muss ich möglicherweise feststellen, dass sich diese am anderen Ende der Stadt befindet. Und dazu auch noch sehr arbeitnehmernunfreundliche Öffnungszeiten hat. Die Folge: Die verbrauchte Energiesparlampe wandert in die Krams-Schublade, in der sich verbrauchte Lampen erstmal sammeln, damit sich die Reise auch lohnt.

Was machen eigentlich die Anderen? Vermutlich entsorgen die meisten Menschen aus Bequemlichkeit oder aus Unwissenheit die verbrauchten Lampen einfach im Hausmüll – dank der mangelhaften Aufklärungsarbeit der Bundesregierung. Die EU-Verordnung wird umgesetzt, doch welcher durchschnittlich informierte Normalverbraucher weiß schon, dass Energiesparlampen Quecksilber enthalten und auf den Sondermüll gehören? Sinnvolle Abhilfe brächten sicher Sammelbehälter, ähnlich wie es sie für Altbatterien gibt, in Super- und Baumärkten, eben dort, wo man in der Regel seine Leuchtmittel kauft. Die Partei Die Grünen fordert aktuell etwas Derartiges – fast ein Jahr nach Inkrafttreten des sogenannten „Glühampenverbots“ sind sie die ersten, die das leidige Thema tatsächlich schon auf die Tagesordnung bringen. Schließlich, so heißt es in einer Pressemitteilung des Deutschen Bundestages, „erklärt die Fraktion, nach Angaben der Lampenhersteller, fielen im Jahr 2008 rund 120 Millionen Energiesparlampen zur Entsorgung an. Momentan würden aber nur 35 Prozent der Energiesparlampen fachgerecht entsorgt. Dadurch gelangten pro Jahr mehrere hundert Kilogramm Quecksilber unkontrolliert in die Umwelt.“ Soviel zum Thema Umweltfreundlichkeit. Ein gut gedachtes Konzept, das in der Praxis schlecht umgesetzt und schlussendlich zerrieben wurde in den Mühlen der Bürokratie. Wie so oft, leider.

Welche Lampe brauche ich?

Aber zurück zum Designerstück. Vielleicht findet sich im Baumarkt meines Vertrauens eine Lösung. „Ich suche eine matte Glühbirne mit 100 Watt. Haben Sie noch welche auf Lager?“ „Gibt‘s nicht mehr. Da müssen Sie jetzt eine Energiesparlampe nehmen.“ „Das geht nicht, ich brauche die Lampe für eine Designerleuchte.“ „Da vorne im Regal finden Sie alle Lampen, die wir haben.“ Das war wenig hilfreich. Ein schier endloses Regal mit Leuchtmitteln stiftet mehr Verwirrung und bringt kaum Erfolg. Energiesparlampen gibt es jetzt zwar auch in Birnenform und warmweiß. Aber ist das Licht wirklich angenehmer? Die Testleuchte fehlt. Halogenlicht ist sehr angenehm, aber passt eine Halogenlampe in meine Leuchte? Kann ich die Birne einfach so rein drehen? Mache ich damit was kaputt? Auch LED-Birnen gibt es bereits, sind aber noch vergleichsweise teuer. Bei LED besteht ja das Vorurteil, dass das Licht relativ kalt sei. Aber wenigstens halten sie lange und enthalten keine hochgiftigen Stoffe. Doch um die Lampe auf gut Glück zu kaufen, ist sie einfach zu teuer.

So reagieren die Hersteller

Die nächste Station sind die Leuchten-Hersteller. Vielleicht können sie Auskunft darüber geben, wie das Problem bei ihnen gehandhabt wird. Werden bestimmte Leuchten über kurz oder lang ausgemustert? Oder werden die bestehenden Designklassiker für die Zukunft auf andere Leuchtmittel adaptiert? Letzteres ist bereits geschehen bei der Lieblingsleuchte aller stilsicheren Werber: Die Tischleuchte Tolomeo von Michele de Lucchi. Artemide bietet den Klassiker inzwischen in vier energiesparenden Varianten an: Tolomeo Halo, Fluo, LED und LED My White sind bestückt mit Halogen-, Leuchtstoff- oder zwei verschiedenen LED-Lampen. Der Hersteller Flos besitzt laut eigener Angaben noch ausreichend Glühlampen im Stammhaus in Italien, ist jedoch sowieso bereits dazu übergegangen, auch Klassiker wie zum Beispiel Achille Castiglionis Standleuchte Arco mit alternativen Leuchtmitteln auszustatten und auszuliefern. Bei nicht offen eingesetzten Leuchtmitteln kann durchaus auf verschiedene Alternativen zurückgegriffen werden – sogar auf klare Glühbirnen, wohingegen matte Modelle nicht mehr mit Glühfaden erhältlich sind. „Bei vielen Klassikern kann sich dies natürlich als schwierig herausstellen“, sagt der Leuchtendesigner und -hersteller Tobias Grau. „Das Verbot der Mattierung ist daher viel gravierender als das Verbot der Glühlampe mit der hohen Wattleistung von 100 Watt.“

…oder einfach ein eigenes Leuchtmittel entwickeln

Eine kluge Alternative bietet der Kölner Leuchtenhersteller next für die Leuchte DNA von Hopf und Wortmann aus dem Jahr 2006, die bereits zum Klassiker avanciert ist. Als Ersatz für die runden Glühbirnen entwickelte next gemeinsam mit einem Leuchtmittelhersteller kurzum ein neues Leuchtmittel. Der LED-Globe ist ein in der Bauform identisches Leuchtmittel auf LED-Basis, das sogar dimmbar ist und im September dieses Jahres auf den Markt kommen soll. Eine Energiesparleuchte in entsprechender Form ist ebenfalls in Arbeit. Der einzige Haken: durch die Komplexität des Leuchtmittels wird es vergleichsweise teuer sein. Und je nachdem, wie viele Leucht-Enden die quasi unendlich erweiterbare DNA-Leuchte besitzt, kann dies ganz schön teuer werden. Doch auch dafür ließ sich next eine Alternative einfallen: So gibt es neben dem LED-Globe auch die Möglichkeit, das Leuchtmittel nach Belieben durch LED- oder Energiesparlampen auszutauschen und über diese einfach ein passendes Aufsatzelement aus Glas zu stecken. Die Leuchte behält damit ihre ursprüngliche Form, und das Glas kann immer wieder verwendet werden, unabhängig vom Leuchtmittel.

Bei der im April zur Light & Building präsentierten, neuen Leuchte NLC wurde dieses Verfahren bereits von vornherein angewendet, damit der Kunde erst gar nicht in die Verlegenheit kommt, verzweifelt nach matten Leuchtmitteln Ausschau halten zu müssen. Auch der Designer Ingo Maurer, der als vehementer Gegner der EU-Richtlinie zu zivilem Ungehorsam und Hamsterkäufen aufrief, entwickelte schlichtweg ein eigenes Leuchtmittel: Woonderlux ist eine glühlampenförmige Hängelampe, in deren Sockel eine LED versteckt ist. Der Glaskolben leuchtet in warmweißen 3000 Kelvin und bleibt für das Auge dennoch leer. Ingo Maurer ist generell einer der Vorreiter, die bereits mit dem LED-Nachfolger OLED experimentieren. In diesem Jahr präsentierte der Designer gleich vier neue Modelle, die auf organischen LEDs beruhen.

Möglichkeiten gibt es also bereits, wirklich adäquate Alternativen sind in Arbeit und werden uns vermutlich erst in den nächsten ein bis zwei Jahren erreichen. Aber was machen die Designfreunde nun mit ihrer Deckenleuchte? Ich werde es mir nochmal überlegen und bis dahin auf eine angenehm schummrige Beleuchtung ausweichen. Und sollte mir gar nichts einfallen, so kann ich immer noch auf Ingo Maurers Euro Condom zurückgreifen, den Latex-Überzieher für klare Glühlampen, und damit einen kleinen zivilen Ungehorsam in den eigenen vier Wänden üben. Denn bei aller Verwirrung und Unentschlossenheit: Am besten nimmt man’s einfach mit Humor.
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