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Ausweitung der Kochzone

von Franziska Horn, 12.02.2008

Es soll Menschen geben, die essen, weil sie der Hunger dazu zwingt. Auch tägliche Fernseh-Kochshows, Promi-Dinner und Brutzelduelle konnten diese Genussverweigerer nicht bekehren. Andere haben den heimischen Herd längst zur Bühne kalorienreicher Inszenierungen und die Nahrungsaufnahme zur Kunstform erhoben. Letzteren dürften die Ausblicke auf die kommenden Moden der Küchengestaltung, welche die "imm cologne" im Januar 2008 präsentierte, besonders Appetit machen. Mit „ART of kitchen“, einer Sondershow in einer von Stararchitekt Ben van Berkel kuratierten Designhalle, zeigten führende Aussteller vor allem hochglänzende Flächen aus Lack und Edelstahl, die „moderne Küchentempel als anziehende Kraftfelder der Begegnung zelebrieren“, so der Pressetext.
Meister Proper hätte seine Freude an den neuen Küchen gehabt: spiegelnde Flächen, die das glückliche Lächeln der Hausfrau vervielfältigen. Halt – der Hausfrau? Mit maskulinen Erdtönen und Noncolours möchten die Hersteller vermehrt die Herren der Schöpfung an die veredelten Fronten locken. Mann kocht. Seit Starköche wie Tim Mälzer, Johann Lafer und nicht zuletzt der auf der Documenta 2007 in Kassel gefeierte Ferran Adrià die kreative Küche für die Jungs salonfähig gemacht haben, entdeckte so mancher Manager seinen Hang zur kulinarischen Selbstverwirklichung. Die darf dann schon mal was kosten. Zwischen 30.000 und 40.000 Euro muss man zum Beispiel für eine sogenannte Systemlösung der Marke Leicht berappen. Dass Küchen längst als Wohnthema verbucht werden, weiß man nicht nur dort. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass die geschlossenen, sachlich-kühlen Arbeitsblöcke und Schrankwände jedem Büro gut zu Gesichte stehen würden und rein gar nicht nach Essen-Machen aussehen. Erst wenn sich die meist grifflosen Schübe und Schränke per Sensomatik öffnen, enthüllt das Innenleben die wahre Bestimmung. So ein Arbeitsblock, der gern mal als monolithischer Tempeldiener daherkommt und im Fachjargon als Stand-alone-Lösung gehandelt wird, integriert auf diskrete Weise vom Kühlschrank bis zum Abfalleimer die profanen Dinge des Küchenalltags.
Die Küche als Luxuslebensraum
Gut kochen ist eines. Die neue Herausforderung im Jahr 2008 ist zudem – der entspannte Gastgeber. Zum Stichwort Komfortküche haben sich die Hersteller – nicht nur auf der IMM – so Allerlei einfallen lassen: Blendfreies Licht, die schon zitierten grifflose Schänke, Edelstahlspülen mit Nullradienbecken, illuminierte Armaturen, die mittels Leuchtdioden die Wasserstrahltemperatur von blau ist gleich kalt über violett bis zu rot für warm signalisieren. Fast selbstverständlich scheinen da TV, Hightech-Geräte, Induktionsherde mit Kochfelderkennung und Dunstabzugshauben, die ohne jedes Betriebsgeräusch von störenden Gerüchen entledigen. Sie kennen Slide & Hide Backöfen noch nicht? Dahinter versteckt sich ein Griff, der sich mitdreht, ebenso die versenkbare Tür, die niemals im Weg ist. Finessen wie TwistPad ® von Neff stehen für eine abnehmbare Einknopfbedienung, die das Saubermachen erleichtert und auch als Kindersicherung dient. Hatte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky mit ihrer Erfindung der sogenannten Frankfurter Küche im Jahr 1926 noch die umsichtige Hausfrau im Sinn, die im seriellen Ein-Personen-Kochbetrieb im Verborgenen waltete, so stehen heute die Kommunikation, der Genuss und auch der Status im Vordergrund – und mit ihm der Wunsch nach Freiheit und Entfaltung. Die Küche ist Bühne und Treffpunkt für ein gemütliches Get-together zwischen Spargelschälen und Familienkonferenz. Auch wenn die Sitzbank rehabilitiert und offiziell in die Küchezurück kehrt, um deren Lebenswert zu steigern – sie tut es nicht mit geschnitzten Herzerln, nein! Holz liegt zwar nach wie vor im Trend, tritt aber als vom Treibholz inspiriertes Driftwood auf, daneben prägen Tineo, Olive, Raucheiche sowie Holzfronten mit durchlaufendem Furnier die Szenerie. Auch Landhaus oder Country-Küchen kommen betont schlicht mit schüchtern bis vagen Stilreminiszenzen daher. Die weiße Welle, die schon über Polstermöbel und Dekostoffe hinwegschwappte, gilt natürlich auch bei Küchen als stilprägend, auch wenn das Schneeweiß vergleichbar einer hellen Leinwand Flecken, Fingerabdrücke und Saucenspritzer malerisch zur Geltung bringt (ebenfalls eine Interpretation von „art of kitchen“?). „Icy White“ lautet in diesem Sinne eine der Hitfarben von Küchenlabel Zeyko, das zudem weitere 2.500 Töne nach RAL-System anbietet. Auch „Sepia Metallic“ – dieselbe Nuance, die Autobauer Mercedes im Programm hat – rangiert als gefragter Farbton im Reich der Töpfe und Pfannen. Der Link von Küche zu KFZ ist zwar nicht neu, hat aber mit der Porsche Design Kitchen P’ 7340 von Poggenpohl neue Formen angenommen. Die Verbindung zum Cardesign gründet sich hier im Anspruch, maskuline Töne einzusetzen und die Formensprache minimalistisch auf das Wesentliche zu reduzieren. „Cookpit“ nennt der Erfinder diese moderne Feuerstelle konsumentenfreundlich. Doch auch abseits vom rasanten Porsche Design meißeln die Hersteller unter Verwendung von reichlich Glas und Transparenz plus Materialien wie Naturgranit und Mineralwerkstoffplatten am Image der neuen Küche. Das geht bis hin zu durchgestylten Details wie dem Einhebelmischer mit integrierter Brause (von Sieger Design): „Wellness für das Kochgut“ verspricht hier der Lieferant. Bei soviel Technik-Knowhow und Ästhetik vergisst man schon mal eben die Hauptsache: Kochen muss man immer noch selbst.
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Links

In der Zeitschleife - Die Imm Cologne 2008

www.designlines.de

Interview Ben van Berkel

www.designlines.de

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