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Bitte bewegen

von Jasmin Jouhar, 02.11.2009


Dürfen wir raten? Sie sitzen gerade an einem Tisch vor einem Computerbildschirm und haben sich die letzte halbe Stunde – abgesehen von den Händen an Tastatur und Maus – praktisch nicht bewegt? Ungefähr richtig geraten? War ja auch nicht so schwer, schließlich verbringt der durchschnittliche Mitteleuropäer einen großen Teil des Tages mit Stillsitzen (rund elf Stunden). Sowohl auf der Arbeit als auch in der Freizeit. Die Folgen der allgemeinen Unbeweglichkeit sind wohlbekannt: Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems finden sich in den Krankheitsstatistiken weit oben. Achtzig Prozent aller Menschen klagen mindestens einmal im Leben über Rückenschmerzen. Wer sich im Kollegenkreis umhört, wird schnell feststellen: Bei dem einen Mal bleibt es selten. Vielmehr tauchen die Schmerzen immer wieder auf und werden zum Lebensbegleiter. Dabei ist die Lösung eigentlich so einfach: bitte mehr bewegen!



Der Mensch ist ein Bewegungstier, und als solches braucht er Abwechslung. Es ist nicht allein das viele Sitzen, das uns schadet: Wenn wir uns zwischendurch öfter bewegen würden, wäre alles halb so schlimm. Der menschliche Körper ist auf einen konstanten Wechsel zwischen Laufen, Stehen, Sitzen und Liegen ausgerichtet. Am besten bleibt also alles im Fluss. Das trainiert die Muskeln, aktiviert den Stoffwechsel und schützt so vor Schmerzen. Denn entgegen der weitverbreiteten Annahme, wir müssten unsere geschundenen Wirbelsäulen schonen, liegt in der ständigen Unterforderung durch Nicht-Bewegen und Nicht-Belasten die eigentliche Ursache für die Misere. Wer krampfhaft lange in einer Haltung verharrt, der muss sich über verspannte Muskeln nicht wundern. Und es trifft nicht nur den Rücken – auch die Schultern, der Nacken, der Kopf und sogar die Hände („Mausarm“) können leiden.
Alles gut und schön, werden Sie jetzt denken, aber wie soll ich bei einem hektischen Zehn-Stunden-Tag im Büro und anschließendem Familien- und Freizeitstress noch Zeit für regelmäßige Bewegungseinheiten finden?

Nie wieder korrekt sitzen

Indem Sie sich zwischendurch immer mal wieder kurz bewegen! Das fängt schon beim Sitzen an: Das Thema ist von dem weitverbreiteten Irrtum bestimmt, es gäbe die korrekte oder „richtige“ Sitzhaltung. Dabei denken die meisten unwillkürlich an einen schicklich-aufrechten Oberkörper mit durchgedrücktem Kreuz. Doch die Forschung hat diese Annahme mittlerweile widerlegt. Jetzt gilt: „Immer die nächste Sitzposition ist die richtige“. Also bitte künftig bei der Arbeit lümmeln, vorbeugen, zurücklehnen, aufstützen, Füße hochlegen oder wonach es dem Körper sonst so verlangt. Nur „richtig“ sitzen, das brauchen Sie nicht mehr.

Der kürzlich auf den Markt gekommene Bürodrehstuhl ON von Wilkhahn setzt genau diese Erkenntnis in die Praxis um. Dank einer innovativen Mechanik bewegt sich der Sitz mit seinem Benutzer mit. Nicht nur vor und zurück, wie herkömmliche Stühle das können, sondern auch frei zur Seite und schräg nach hingen. Gleichzeitig fühlt man sich stabil und gestützt. Von den zeitweise so beliebten Gymnastikbällen als Sitzgelegenheit raten Experten dagegen ab: Die bunten Bälle bieten dem Rücken keinen Halt und fördern daher Verspannung eher, als dass sie sie verhindern.

Aufstehen hilft

Und wenn Sie sich schon im Sitzen bewegen, dann könnten Sie eigentlich auch mal aufstehen, oder? Ein schnurloses Telefon ist hilfreich, dann kann man sich während eines Gesprächs Auslauf verschaffen. Gerätschaften wie Drucker oder Scanner sollten nicht in Reichweite auf dem Schreibtisch stehen. Außerdem morgens nicht die Tagesration Mineralwasser und Obst neben sich aufbauen. So gibt es nämlich immer einen Grund, zwischendurch mal aufzustehen und sich zu bewegen. Und der Tipp „Treppe statt Aufzug“ braucht eigentlich nur der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden.
Der Möbelhersteller Steelcase hat in einer Studie mit der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München herausgefunden, dass Studenten bei der Arbeit im Stehen Aufgaben besser lösten und ihnen mehr neue Ideen einfielen. Trotzdem empfanden die Probanden das Arbeiten im Sitzen insgesamt als komfortabler – vermutlich, weil wir seit der Grundschule daran gewöhnt sind. Das Fazit: Es empfiehlt sich ein Wechsel zwischen Sitzen und Stehen.

Im Stehen sitzen

Designer und Hersteller haben sich manches einfallen lassen, um mehr Bewegung bei der Arbeit zu ermöglichen. Steelcase beispielsweise hat eine „Walkstation“ im Programm, eine Kombination aus Laufband und Stehtisch mit Monitor. Wie gut man sich im Laufen allerdings auf die Bildschirmarbeit konzentrieren und eine Maus steuern kann, muss jeder selbst ausprobieren. Auch mit weniger aufwändigen Möbelstücken kann man den Arbeitsalltag mobiler machen. Ein Klassiker ist der Stehsitz „Sella“ der Brüder Castiglioni aus dem Jahr 1957 mit dem ledernen Fahrradsattel. Ähnliche, wenn auch weniger charmant gestaltete Stehsitze haben heutzutage viele Hersteller im Programm. Das Stehpult bietet schon seit Jahrhunderten Denkarbeitern Abwechslung von ihrer sitzenden Tätigkeit. Eine mittlerweile häufig angebotene Alternative sind höhenverstellbare Schreibtische, wie beispielsweise ArchiMeda oder Playns von Vitra. Rollbare Miniaturarbeitsplätze und Tische erlauben, auch mal abseits des Schreibtisches in der Cafeteria oder Sofaecke seine Pflicht zu tun.

Gymnastik oder schnelle Bälle

Die tägliche Routine bietet also noch die ein oder andere Bewegungsreserve. Eine andere Möglichkeit, Schmerzen und Krankheiten vorzubeugen, ist es natürlich, Sport in den Arbeitsalltag zu integrieren. Ärzte, Krankenkassen oder Physiotherapeuten regen zur Prävention an, im Büro regelmäßig kurze gymnastische Übungseinheiten zu absolvieren, um sich zu lockern und zu stärken. Für einige davon muss der Schreibtischtäter noch nicht einmal vom Stuhl aufstehen, beispielsweise wenn Nacken- und Schultermuskulatur gedehnt werden. Gerade Männer sind allerdings nicht immer für Gymnastik zu begeistern, sondern mögen es eher spielerisch-wettkampforientiert. Da ist vielleicht das neue Produkt des jungen Berliner Büros Fränzel Design die Lösung: „PingPong Door“, eine Tür mit Standardmaßen, die zugleich eine Tischtennisplatte ist. Auch auf kleinem Raum ist so ein schnelles Pausenmatch drin.

Fitnessstudio oder Tischkicker

Falls es der Arbeitgeber es nicht so gern sieht, dass zwischen Tür und Angel Bälle gespielt werden, ist der lockere Trainingslauf in der Mittagspause die klassische Alternative. Andere kommen gerne joggend oder radelnd zur Arbeit. Schließlich sind gerade in größeren Firmen Duschen und Umkleiden für die Mitarbeiter eine Selbstverständlichkeit. Es hat sich bis in die Führungsetagen herumgesprochen, dass entspannte und fitte Angestellte im Job mehr Leistung bringen. Und da wird schon mal in einen hauseigenen Swimmingpool oder ein Fitnessstudio investiert, um Anreize für Sport auf der Arbeit zu schaffen. Die traditionelle und typisch deutsche, weil vereinsmeierische Lösung sind Betriebssportgruppen, also Zusammenschlüsse von Kollegen, die zusammen Fußball spielen oder Pilates üben. Und selbst der Tischkicker, bekannt als unverzichtbares Firmenrequisit aus Dot-Com-Zeiten, dürfte noch immer einen gesundheitserzieherischen Zweck erfüllen und die an ihren Bildschirmen klebenden Nerds zu etwas Bewegung animieren.
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Links

Lernräume der Zukunft

Studie von Steelcase und der Ludwig-Maximilians-Universität

www.steelcase.de

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