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Das konnte nur eine Frau erfinden!

von Claudia Simone Hoff, 07.11.2007


Zu Beginn der 1920er Jahre in Frankfurt am Main eine Wohnung zu finden, war fast ein Ding der Unmöglichkeit – zu groß war die Wohnungsnot und katastrophal die Wohnverhältnisse der meisten Bewohner. Deshalb wurde das Wohnungsbauprogramm „Neues Frankfurt“ unter der Ägide von Ernst May, Leiter des Dezernats Städtebau der Abteilung Hochbauamt, ins Leben gerufen. Mit einem Stab von fortschrittlich denkenden Architekten suchte er nach zukunftsweisenden Lösungen. Dabei sollte nicht nur erschwinglicher Wohnraum geschaffen werden, sondern auch die sozialen und hygienischen Probleme der Zeit Berücksichtigung finden. Eine der Mitarbeiterinnen Ernst Mays war die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky – die erste Architektin Österreichs –, im Hochbauamt zuständig für die Konzeption von Wohnungstypen, Kleingartenlauben, Gemeinschaftseinrichtungen und Schullehrküchen. Die von ihr entworfene Frankfurter Küche markiert mit der Optimierung von Funktionsabläufen auf kleinstem Raum den Startpunkt der Einbauküche, wie wir sie heute kennen.
Wohnungsnot macht erfinderisch: Das Neue Frankfurt
Margarete Schütte-Lihotzky (1897 – 2000) wurde 1926, nachdem sie in Wien bereits mit den Architekten Adolf Loos und Josef Hoffmann zusammengearbeitet hatte, an das Hochbauamt der Stadt Frankfurt berufen. Ihren dortigen Arbeitsbereich beschreibt sie folgendermaßen: „Meine Aufgabe war es, mich vorerst grundsätzlich mit der Planung und Bauausführung der Wohnungen im Hinblick auf die Rationalisierung der Hauswirtschaft auseinanderzusetzen.“ Kurze Zeit später entwickelte Schütte-Lihotzky die Frankfurter Küche, die als erste seriell gefertigte Küche gilt und bis 1930 in etwa 10.000 Wohnungen eingebaut wurde. Da Essküchen aufgrund ihrer hohen Kosten abgelehnt wurden, entschied sich die Architektin für kleine, komplett eingerichtete Arbeitsküchen. Die Küche wurde als eine Art Laboratorium betrachtet, deren oberstes Ziel Kostenersparnis und Arbeitsreduzierung für die Bewohner war. Von 1926 bis 1930 durfte keine Gemeindewohnung der Stadt Frankfurt ohne Frankfurter Küche gebaut werden, einen monatlichen Anteil an den Kosten der Küche hatten die Bewohner selbst zu tragen.
Es hat nur eine Person Platz in der Küche: die Frau
Beim Entwurf der Küche ging es nicht nur um die Lösung arbeitstechnischer Probleme, sondern auch um kulturell-soziale Fragen. So wurde beispielsweise auch die wissenschaftliche Forschung zur industriellen Rationalisierung durch Frederick Winslow Taylor – der sogenannte Taylorismus – berücksichtigt. Die Neuplanung der Küchen war eng mit der Frauenfrage verknüpft. In den 1920er Jahren beschäftigten sich einige Frauen mit den Rationalisierungsbestrebungen im Haushalt und wollten die Rolle der Frau stärken. Eine dieser Frauen war Erna Meyer, die 1926 das Standardwerk „Der neue Haushalt“ publizierte und ihre Ideen öffentlichkeitswirksam äußerte. Diese Frauen waren für die Architekten der Moderne wie Gropius, Mies van der Rohe oder May Mitstreiterinnen auf dem Weg zu einer Reform der Wohnkultur. Dabei ging es um die Gestaltung einer neuen Ordnung, architektonisch wie gesellschaftlich. Dem Haushalt wurde die volkswirtschaftliche Bedeutung des „kleinsten Betriebs“ zugewiesen und die Gestaltung der idealen Arbeitsstätte für die Hausfrau – die Küche – als vorrangige Aufgabe festgelegt. Alle Wege sollten kurz sein, die Küche leicht zu reinigen, das „Handwerkszeug“ in Griffnähe bereitstehen und der Raum gut beleuchtet und belüftet sein. Auch ergonomische Fragen wie die „richtige“ Körperhaltung, das Arbeiten im Sitzen sowie „planvolle Leibesübungen“ während der Küchenarbeit wurden erforscht und diskutiert.
Die Mechanisierung des Haushalts
Als Vorbild für die Frankfurter Küche stand eine raumsparend gestaltete Speisewagenküche der Eisenbahn Pate. Die Frankfurter Küche war für nur eine Person ausgelegt und wurde als „Kochbetrieb“ als ausschließlicher Ort der Hausfrau angesehen. Auch ging es darum, die Küche freizuhalten von sonstigen Aktivitäten wie Schlafen oder Essensaufnahme. Hier sollte es ausschließlich um die Essenszubereitung gehen, die bis dahin übliche Wohnküche wurde für überholt erklärt. Otl Aicher nennt die Frankfurter Küche „eine zentrale gangartige Verkehrsfläche mit Kochgeräten und Einbauschränken an beiden Längswänden und einer Arbeitsfläche unter dem Fenster der Schmalseite.“ Auch wenn er die soziale Leistung der Frankfurter Küche lobt, kritisiert Aicher, dass alles hinter den Schrankfronten versteckt sei, so dass dadurch der eigentliche Kochvorgang erschwert würde. Gar als „Unding“ bezeichnet er die Tatsache, dass sich immer nur eine Person in der Küche aufhalten könne.
Warum die Küche blau sein musste
Unter der Frankfurter Küche wird heute die sogenannte Musterküche von Schütte-Lihotzky verstanden. Diese wurde je nach Wohnungsgrundriss variiert. Die Musterküche hatte einen rechteckigen Grundriss mit den Maßen 3,44 m x 1,87 m und war aus folgenden Bestandteilen zusammengesetzt: Herd, Abstellplatte, Kochkiste, klappbares Bügelbrett, Speiseschrank, Drehstuhl, Tisch, Abfalleinwurf, Abtropfbrett, Spülbecken, Vorratsschubladen (Schütten aus Aluminium und Holz), Topf-, Müll- und Besenschränke, Heizkörper, herausziehbare Abstellplatten, Geschirrschrank mit verglasten Schiebetüren sowie einem Tellergestell. Ursprünglich war die Küche in einem tiefen Blau gehalten, dem man eine Mückenabweisende Wirkung nachsagte.
Wie gesagt, die Frankfurter Küche gilt als Prototyp der modernen Einbauküche, auch wenn ihr starres Muster heute munter variiert wird. Wer mehr über die Frankfurter Küche wissen, und sie einmal live sehen möchte: Im Museum für Angewandte Kunst (MAK) in Wien und im Deutschen Technik Museum in Berlin sind Nachbauten ausgestellt. Im Dietrich Reimer Verlag ist 2006 die Publikation „Die Wohnungsfrage ist Frauensache! Frauenbewegung und Wohnreform“ von Ulla Terlinden und Susanna von Oertzen erschienen. Sie beschäftigt sich auch mit der Frankfurter Küche und stellt sie in einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext.
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Links

Museum für Angewandte Kunst (MAK), Wien

www.mak.at

Deutsches Technikmuseum Berlin

www.dtmb.de

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