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Dem Lärm zum Trotze

von Nadine Claudius, 30.03.2009


Für Außenstehende sieht moderne Büroarchitektur
mit ihren offenen, räumlichen Strukturen und Oberflächen aus Beton, Glas und Stahl auf den ersten Blick gut aus. Doch bei näherer Betrachtung sind es genau diese Materialien, die durch ihre glatte Oberflächenbeschaffenheit den im Arbeitsalltag entstehenden Schall nicht zu schlucken vermögen. Im Gegenteil – sie erschweren es, Arbeitsplätze mit niedrigem Lärmpegel zu schaffen. Und dies, obwohl Lärm bekannterweise stört, stresst, die Konzentration mindert – und schlimmstenfalls krank macht. Doch Rettung naht in Form von akustisch wirksamen Einrichtungselementen, die sich durch eine hohe Schallabsorption auszeichnen. Sie können die Lärmbelastung reduzieren und so für ein besseres Raum- und Arbeitsklima sorgen.

Charakteristisch für die Arbeitswelt von heute ist eine offene Raumgestaltung: Die Rede ist vom „Open Space“ oder der Typologie des Großraumbüros: kurze Kommunikationswege, projektbezogene Teambildungen – Flexibilität par Excellence. Doch mit der Aufweitung der räumlichen Strukturen steigt der Bedarf an Lösungen zur Minimierung des Geräuschpegels, ohne dass die Unternehmen dabei räumliche Flexibilität einbüssen müssen.
Störend werden bereits Geräusche ab 40 Dezibel empfunden – dieser Lärmpegel entspricht ungefähr dem leiser Radiomusik. Zu ruhig darf es aber auch nicht sein: Bei weniger als 20-40 Dezibel fühlt sich der Mensch nicht wohl, denn sehr leise Umgebungen vermitteln keinerlei Empfinden für den Raum. Das kann ein befremdliches Gefühl von Leere mit sich bringen. Eine optimale Akustik ist somit eine Gratwanderung, bei der es einer ganz besonderen Sensibilität bedarf.

Unter der Decke

Grundsätzlich: Decken, Wände, Fußböden und Möbeloberflächen sollten schalldämmend gestaltet sein. Bereits seit den 1970er Jahren ist das Einsetzen von Akustikdecken eine ebenso traditionelle wie effektive Maßnahme, akustischen Störungen entgegenzuwirken. Optisch sicherlich nicht das Maß aller Dinge, veredeln heutzutage immerhin einige Hersteller die eher tristen Platten mit einer Metalloberfläche.
Eine formschöne Alternative hingegen bieten Deckensegel, die alleine oder ergänzend zu einer vollflächigen Akustikdecke eingesetzt werden können. In der Amsterdamer Börse finden sich beispielsweise die adaptierbaren Reflexions- und Akustiksegel des Herstellers Herbert Waldmann. Diese geschwungenen Segelflächen namens „Tycoon RX1“ sind in der Lage, Schall zu absorbieren und Licht zu reflektieren.

Mitten im Raum

Geht man einen Schritt weiter und wirft einen Blick in den Bereich der Objektplanung, gehört das Möbelbausystem USM Haller zweifellos zu den Klassikern. Schallschutz entsteht hier, indem das Stahlblech der Möbel gelocht und mit einem Flies versehen wird. Ohne Stauraum zu verlieren, kann je nach Bedarf die vorhandene akustische Situation einzig durch die Verwendung dieses Möbelbausystems reguliert werden. Die Serie „Kitos“ bietet zusätzlich Tisch-Aufbaublenden, die an der Längsseite der Arbeitstische fixiert werden und den Arbeitenden bei Tischen in Blockstellung Individualität und die nötige Ruhe zum konzentrierten Arbeiten bieten.

Wo der Lärm sinkt, steigt die Leistung

Noch immer wird Akustik im Büro bei der Einrichtung vieler Arbeitsplätze nicht als relevanter Faktor für die Leistungsfähigkeit wahrgenommen. Dabei vermindern Lärm und visuelle Unruhe die Konzentration um rund 20-30 Prozent, wie eine Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) herausgefunden hat.
„Neben einem ästhetisch anspruchsvollen und ergonomisch funktionalen Arbeitsplatz sind es gerade die stimmungsbildenden Elemente wie Farben, Licht, Pflanzen und vor allem auch eine angenehme Akustik, die zur Motivation und Produktivität von Wissensarbeitern beitragen“, so Joachim Sparenberg, Kommunikationschef von Sedus. Umgesetzt wurde diese Erkenntnis im Einrichtungskonzept „Place 2.5 - die neue emotionale Kultur des Büros“. Lärm wird effizient minimiert, indem glatte Flächen und Oberflächen durch weiche oder raue ersetzt werden, denn letztere schlucken den Schall – anstatt ihn zu verstärken.
In diesem Kontext erhält auch die Büro-Grünpflanze, oft als Phänomen belächelt, eine neue Bedeutung: Ihr Grün ist nicht nur preiswert – neben ihrer Funktion als Luftbefeuchter, Schadstoff-Filter gehört sie zu den besten Lärm-Absorbern.

Re-Naturierung beziehungsweise: An der Wand

Wehe dem, der nun voreilig aus ästhetischer Sorge die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: Denn dass nicht immer der obligatorische „Ficus Benjamini” für das Quantum an Wohlfühlatmosphäre sorgen muss, zeigt das Büro „Indoorlandscaping“ mit ihrem Projekt „Grüne Wand“. Hier werden Pflanzen in eine senkrecht stehende Wand gepflanzt. Zu einer eingetragenen Produktlösung entwickelt, wird „Grüne Wand“ bereits professionell vertrieben: Erhältlich ist sie als mobile und statisch festmontierte Version.

Neben kompletten Möbelsystemen und tropischen Landschaftsszenarien gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten, den Büroalltag aus raumakustischer Sicht zu optimieren. Man bediene sich beispielsweise schwingungsdämpfender Wandpaneele: „Acousticpearls“ – der Name eines dieser textilen Paneel-Systeme – werden aus hochwertiger Schurwolle gefertigt. Das in verschiedenen Größen erhältliche System umfasst ein Farbspektrum von 50 aufeinander abgestimmten Farbnuancen. Im Kern eines jeden Paneels befindet sich ein stoßfestes Akustikmaterial, das zusätzlich durch einen nicht sichtbaren Rahmen verstärkt und geschützt wird. Aufgehängt werden können sie wahlweise wie ein Bild an der Wand oder aber freischwebend im Raum montiert werden. Der Effekt bleibt gleich: Sowohl Hintergrundgeräusche als auch die Nachhallzeit im Raum gehen zurück.

Mein Platz, dein Platz, unser aller Büro

Auch schallabsorbierende Stellwände, die zwischen der Geräuschquelle und den Menschen aufgestellt werden, können dem Lärm den Wind aus den Segeln nehmen. Hergestellt aus Stoff oder Kunststoff, unterbrechen sie die direkte Schall-Übertragung und dämpfen so die Lautstärke. Durch diese mobilen Wände entstehen am Arbeitsplatz akustische Schattenzonen, die Störgeräusche reduzieren und die Konzentration der Arbeitenden erleichtern. „Love your office“, fordert der belgische Büromöbelherstellers Bulo, in dessen Bürosystem „Kei Collection“ sich genau ein solch mobiles Wandmodul in mädchenhaft zartem Puderrosa findet.
Wer seinem Wunsch nach einen eigenen – in diesem Kontext drei – Bürowänden noch mehr subtile Dramatik verleihen möchte, der verschanze sich doch einfach in Vitras „Workshelter" von Jasper Morrison, wo die Arbeitsplatte von mit Filz bezogenen Wänden so umschlossen ist, dass sie den Benutzer optisch wie physisch von der „Außenwelt" abschirmen.

Farbenfroh und iindividuell gestaltbar präsentiert sich das modulare, schallabsorbierende Trennwandsystem „Mooia“, das die Designer von „Procedes i-d“ in Zusammenarbeit mit dem Textilhersteller „Junkers & Müllers“ entwickelt haben. Es besteht aus leichten Alurahmen, die mittels einfacher Steckverbindungen frei kombinierbar sind. Zwischen der textilen Bespannung ist ein Schaumstoffkern integriert, der störende Nebengeräusche nahezu vollständig aufnimmt. Alle Elemente dieser Serie lassen sich je nach Wunsch an Wand wie Decke befestigen, können aber auch ohne jegliche Bodenverankerung frei im Raum aufgestellt werden. Durch das digital bedruckbare Textil besteht die Möglichkeit, mit dem Kunden ein individuell maßgeschneidertes Grafik-Konzept zu erarbeiten.

Zwei Brüder gegen den Lärm

Nach der Pflicht kommt bekanntlich die Kür. Hier dürfen keinesfalls die unkonventionellen Varianten zum Thema „Ruhe, bitte!” fehlen. Genau diesen haben sich scheinbar die Brüder Ronan und Erwan Bourollec verschrieben, denn ihrer Kreativität entspringen gleich mehrere gelungene Produkte: Mit „Clouds“ schufen sie für den Hersteller Kvadrat eine Serie von Modulen, die mit einem groben Textil überzogen sind und mittels Klettverschluss miteinander verbunden werden können. Für Vitra entwarfen sie das „Alcove Highback Sofa“, das mit seinen extrem hohen Seiten- und Rückenpartien und den hervorragend akustischen Eigenschaften ein willkommener Rückzugsort ebenso wie Treffpunkt zum vertraulichen Meeting ist. Stellt man zwei dieser lauschigen Plätzchen vis-à-vis gegenüber, entsteht eine perfekte „Raum-im-Raum“ Situation.

Ruhe. Bitte!

Wer seinen Arbeitsplatz gar nicht erst verlassen mag, aber gleichzeitig nicht auf ein Optimum an Abgeschiedenheit verzichten möchte, dem sei der Stuhl „Workbay“ –  ebenfalls von Vitra – ans Herz gelegt. Dem Basismodell „Worknest“ verpassten die Herren Bouroullec einfach eine überdimensional große Haube. Und sollte der obligatorische „Jour-Fixe“ am Montagmorgen mal wieder endlos erscheinen oder der Kollege zur Rechten viel zu laut telefonieren, so klappe man einfach demonstrativ das Visier des Freischwinger-Modells „Peekaboo“ von Blå Station herunter. Deutlicher kann dem Verlangen nach Ruhe kein Ausdruck verliehen werden.
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Links

BauNetz Wissen

Mehr zum Thema Akustik

www.baunetzwissen.de

Vitra

www.vitra.de

Sedus

www.sedus.de

Acousticpearls

www.acousticpearls.de

USM Haller

www.usm-haller.de

Indoorlandscaping

www.indoorlandscaping.de

Offecct

www.offecct.se

Procedes i-d

www.procedes-i-d.de

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