Stories

Eileen Gray: Wohnen im Gesamtkunstwerk

von Norman Kietzmann, 27.03.2013


Mit der Villa E 1027 hat Eileen Gray Architekturgeschichte geschrieben. Ihre Möbel  werden in einem Atemzug mit denen von Mies van der Rohe, Charlotte Perriand oder Le Corbusier genannt und erzielen auf Auktionen Höchstpreise. Dennoch hat sich die gebürtige Irin nie als Gestalterin verstanden. Ihr Weg zur dreidimensionalen Form geschah über die Fläche – und dank einer zufälligen, aber folgenreichen Begegnung. Wie es dazu kam, erzählt die große Eileen-Gray-Ausstellung im Pariser Centre Pompidou.


Es geschah in einer Pause. Als Eileen Gray 1905 durch die Straßen von Soho spazierte, studierte sie an der nahgelegenen Londoner Slade School of Art Malerei und Zeichnen. Angekommen in der Dean Street, blicke sie in ein offenes Fenster, das sie neugierig machte. Es war die Werkstatt von D. Charles, der sich auf die Reparatur historischer chinesischer und japanischer Lackarbeiten spezialisiert hatte. Gray trat ein und ließ sich die Arbeiten genau erklären. Kurz entschlossen fragte sie, ob es möglich wäre, in der Werkstatt zu arbeiten. Die Antwort, die die junge Irin aus wohlhabenden Hause erhielt, überraschte sie schließlich selbst: „Wenn sie wollen, können Sie gleich am Montag anfangen“, entgegnete ihr zukünftiger Meister.

Von der Fläche in den Raum

Die Lackarbeiten sollten Eileen Gray nicht nur von der Zweidimensionalität der Leinwand in den Raum führen. Mit ihren Möbeln, Leuchten und Gebäuden, die sie in späteren Jahren realisierte, wurde sie zur Vorreiterin der Moderne – ohne sich selbst diese Rolle zuzuschreiben. Denn anders als bei ihren prominenten Bauhaus-Kollegen waren ihre Entwürfe nie für die Serie bestimmt, sondern blieben Einzelanfertigungen. Ein Aspekt, dem die Ausstellung im Pariser Centre Pompidou konzeptionell zu begegnen versucht. Anstatt ihr Werk in eine dekorative Früh- und eine moderne Spätphase einzuteilen, ordnet die Kuratorin Cloé Pitiot vielmehr nach Konstanten. Nicht die Transformation der Künstlerin zur Designerin und Architektin steht im Mittelpunkt, sondern ihre künstlerische Haltung, mit der sie erst Objekte, dann Räume und schließlich ganze Gebäude zu einem untrennbaren Gesamtkunstwerk verband.

Bereits der erste Ausstellungsraum, der ihren Lackarbeiten aus zwei Jahrzehnten gewidmet ist, bringt figürliche und abstrakte Dekore zusammen. Ihre Fertigkeiten hatte Eileen Gray nicht nur der Werkstatt von D. Charles zu verdanken. Nach ihrem dauerhaften Umzug nach Paris 1907 lernte sie den japanischen Lackmeister Seizo Sugawara (1884-1937) kennen, mit dem sie schließlich mehr als zwanzig Jahre zusammenarbeitete. Mit seiner Hilfe entwarf sie ihre ersten Paravents und experimentierte mit der Zusammensetzung sowie den Farben der Lacke. Knapp fünf Jahre vergingen, bis sich Gray bereit fühlte, ihre Arbeiten erstmals auf dem Pariser Salon des Artistes Décorateurs 1913 auszustellen. Einer ihrer frühen Käufer war der Couturier Jacques Doucet, der nicht nur einen Paravents kaufte, sondern noch weitere Möbel bei ihr in Auftrag gab.

Geometrie und Exotik


Die raumgreifende Wirkung ihrer Arbeit konnte Eileen Gray 1919-1922 mit der Einrichtung ihres ersten Apartments für die Couturière Juliette Lévy unter Beweis stellen. Lackierte Paravents verbargen die Wände und bildeten den Hintergrund für weitere Lackmöbel wie die kanuförmige Chaiselongue Piroge oder den kaum weniger exotischen Feuteuil aux Dragons. 1922 eröffnete Eileen Gray auf der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honoré ihre eigene Möbelgalerie. Dass sie ihr den fiktiven Männernamen Jean Désert gab, entsprang dem Zeitgeist der zwanziger Jahre. Schließlich war es keine Selbstverständlichkeit, dass eine Galerie allein von einer Frau geführt wurde.

Ließen ihre Sessel und Hocker anfangs noch Einflüsse afrikanischer Möbel erkennen, vollzogen die Paravents umso stärker den Schritt zur Abstraktion. Der Paravent en Briques (1919-1922, 2011 von Classicon in Produktion genommen) bestand aus 28 schwarzen Lackplatten, die an ihren Enden verdreht werden können. Der Paravent schuf keinen Sichtschutz im herkömmlichen Sinne, sondern ließ die Blicke durch ein geometrisches Licht- und Schattenspiel hindurch wandern. Zu sehen war der Paravent später in einer weißen Ausführung im Chambre à coucher boudoir Monte-Carlo, einem Musterzimmer, das Eileen Gray 1923 auf dem Pariser Salon des Artistes Décorateurs präsentierte.

Vom Interieur zur Architektur

Der rumänische Architekt Jean Badovici veröffentlichte das Ensemble in seiner neu gegründeten Avantgarde-Zeitschrift L‘Architecture Vivante und verhalf Gray so zu weiteren Aufträgen. Mit Badovici, der engen Kontakt zum Zirkel um Le Corbusier pflegte, realisierte Eileen Gray neben einigen Interieurprojekten schließlich ihr erstes Gebäude: Die in den Jahren 1926 bis 1929 erbaute Villa E1027 in Roquebrune-Cap-Martin an der Côte d‘Azur. Dass das Gebäude zur Ikone der Moderne aufstieg, hat es längst nicht nur seinem offenen Raumplan und horizontalen Fensterbändern zu verdanken. Auch das gesamte Interieur einschließlich der Badezimmer, Fensterparavents bis hin zu rollbaren Jalousien wurde von Gray und Badovici entworfen. Beeindruckt von dem Bauwerk zeigte sich Le Corbusier, der 1937 großformatige Fresken an den Außen- und Innenwände der Villa hinterließ – ohne Gray davon zu informieren. Und auch sein 14 Quadratmeter kleines Miniferienhaus Le Cabanon errichtete der Schweizer 1952 zu Füßen der Villa E1027.

Eileen Gray hatte es derweil längst weiter gezogen. In den Hügeln der Hafenstadt Menton baute sie 1931 bis 1935 ihr eigenes Ferienhaus. Die Tempe a Pailla (ein mundartlicher Ausdruck für: Zeit zum Gähnen) blieb das einzige Gebäude, das von ihr allein entworfen wurde. Doch anders als bei der Villa E1027 ließ sie mit der Gestaltung der Außenmauern lokale Bautraditionen mit einfließen. Und auch die Sprache ihrer Möbel wurde spielerischer und leichter. So kombinierte die Chaise de Terrasse Pliante (1930-1933) ein lasziv geschwungenes Metallgestell mit einem gestreiften Markisenstoff, während der Table Basse (1935) mit einer amöbenförmigen Tischplatte aus Holz aufwartete. Andere Möbel wie der Siège-Escabeau-Porte-Serviettes (1930-1933) waren bewusst multifunktional ausgelegt. 

Späte Aufmerksamkeit

Eileen Gray lebte selbst bis Anfang der vierziger Jahre in der Tempe a Pailla, die im Krieg beschädigt und geplündert wurde. Dennoch restaurierte sie das Haus und verkaufte es 1955 an den britischen Maler Graham Sutherland. Während sich Eileen Gray in ihr Pariser Apartment zurückzog, gerieten ihre Arbeiten in Vergessenheit. Schließlich wurden ihre Möbel nie in Serie produziert, sodass selbst in ihren Unterlagen oft nur vage Skizzen und Rechnungen existierten, statt technischer Zeichnungen. Dass die Arbeiten Eileen Grays zurück in den Fokus rückten, hat sie einem 1968 in der Domus erschienenen Artikel des Architekturhistorikers Joseph Rykwert zu verdanken.

Auch der Verkauf der Sammlung Jacques Doucets im Jahr 1972 bescherte ihren Lackarbeiten neue Aufmerksamkeit. Nur ein Drittel ihrer erhaltenen Möbel befinden sich heute in Museen, die übrigen in Privatbesitz. Welche Wertsteigerungen ein Original von Eileen Gray erzielen kann, zeigt der Feuteuil aux Dragons (1917-1919). Der voluminöse Sessel, dessen geschwungenen Armlehnen zwei Drachen formen, überstieg bei der Auktion der Sammlung Yves Saint Laurent et Pierre Bergé 2009 den Schätzpreis von zwei Millionen Euro deutlich: Mit einem Erlös von knapp 22 Millionen Euro avancierte er zum teuersten Möbel des 20. Jahrhunderts. Ein von Sammlern bislang kaum erschlossener Teil ihres Œuvre offenbart der letzte Raum der Pariser Ausstellung: Es sind Fotografien von Treibholz, Masken oder Klöstern sowie zahlreiche Aquarelle, die Eileen Gray bis zu ihrem Tod im Jahr 1976 angefertigt hatte und als rein private Arbeiten streng unter Verschluss hielt. Die Kunst, so das Fazit dieser Schau, hat Eileen Gray nie aufgegeben. Im Gegenteil: Ihre Möbel, Leuchten oder Gebäude sind vielmehr eine Spielart, mit der sie die Enge des Zeichenblatts in den Raum erweitert hatte.

Eileen Gray

Centre Pompidou Paris
Galerie 2, Level 6
Noch bis 20.Mai 2013
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Centre Pompidou Paris

www.centrepompidou.fr

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