Stories

Große Namen für kleine Flaschen

von Marie-Sophie Müller, 16.06.2009


Parfums gibt es schon eine halbe Ewigkeit – den Duft begleitende Verpackungen allerdings erst seit etwa hundert Jahren. Bevor der Schmuck- und Glaskünstler René Lalique zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Verfahren entwickelte, das die Herstellungskosten für Glasflakons enorm sinken ließ, wurden auch die teuersten Düfte in gewöhnlich braune Arzneiflaschen abgefüllt. Nach dem Kauf wanderte der Duft in die individuellen Schmuckflakons ihres Besitzers. Heute ist ein Parfum ohne individuellen Flakon kaum mehr vorstellbar, gilt doch die Verpackung als direkte visuelle Übersetzung ihres flüchtigen Inhalts. Vielleicht liegt es daran, dass unsere Nasen so ungeschult sind – und wir mehr Verkaufsargumente brauchen als den reinen Duft. Die meisten Käufer riechen mit den Augen, bevor sie die Nase benutzen. Um in der Fülle des Angebots nicht unterzugehen, engagiert die Parfumindustrie namhafte Designer für den Entwurf der kleinen Flaschen. Besonders in den vergangenen Jahren sind auf diese Weise kleine Kunstwerke entstanden.

„Ein Parfum hat zwei Leben,“ weiß Christie Mayer Lefkowith. „Das erste Leben gehört dem Inhalt der Flasche, das zweite dem Flakon selbst,“ so die Kunsthistorikerin. Mayer Lefkowith widmet ihre ganze Leidenschaft diesem zweiten Leben. Die in Nizza aufgewachsene Amerikanerin sammelt und erforscht historische Parfum-Flakons beziehungsweise „Parfum-Präsentationen“, wie sie es nennt, denn dieser Terminus beschreibt nicht allein den Flakon, sondern die Gesamtheit der Verpackung: Flakon, Label, Box, Zierelemente und Name des Duftes. In dreißig Jahren entstand so eine Sammlung von mehr als 10.000 außergewöhnlichen Exemplaren – und ein Fachwissen, das Mayer Lefkowith zur Flakon-Auktions-Expertin – allein in Genf wirkte sie an neun Flakonauktionen mit – und zur Beraterin anderer Sammler werden ließ. So gehören auch ihre Bücher „The Art of Perfume“, „Masterpieces of the Perfume Industry“ und „Paul Poiret and his Rosine Perfumes“ zu den wichtigsten Kompendien des historischen Flakon-Designs.

Die Highlights aus der Sammlung

Christie Mayer Levkowith schätzt jedes Exemplar ihrer Sammlung – die vier folgenden nehmen in der Historie des Flakon-Designs jedoch einen besonderen Stellenwert ein: „Cyclamen“ aus dem Jahr 1909 beispielsweise ist die erste komplette Parfum Präsentation. René Lalique entwarf sie für den Parfumeur François Coty. Der innovative, künstlerische Ansatz des schlanken Flakons und der zugehörigen schlichten Box hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Parfumindustrie. Nur drei Jahre später entwarf Lalique Box und Flakon für „Misti“, einen Duft des Parfumherstellers L.T. Piver.

Wer von Lalique spricht, muss auch Baccarat nennen. Die französische Kristallerie hat Flakons für alle wichtigen Parfumhersteller entworfen und produziert. Der kubistische Entwurf für den Duft „Gardez-Moi“ von Jovoy von 1926 stellt die Tradition des Flakondesigns im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf. Auf den ersten Blick gar nicht als Parfum zu erkennen, verbirgt sich der Stopfen zwischen den Beinen des Panthers. Zum Flakon gehört eine Karte, auf der geschrieben steht: „Gardez-Moi, Je porte bonheur“ – „Behalte mich, ich bringe Glück“.

1911 war Paul Poiret der erste Modedesigner, der eine eigene Parfumlinie lancierte. Er benannte seine Parfumlinie nach seiner ältesten Tochter Rosine „Les Parfums de Rosine“. Den minimalistischen Flakon für den Duft »Pierrot« von 1919 hat Poiret vermutlich selbst gestaltet.

Große Namen, kleine Flaschen

Während sich zu Beginn des vergangnenen Jahrhunderts die Modedesigner selbst um das Aussehen ihrer Flakons kümmerten, ist es heute nichts Außergewöhnliches, dass Modehäuser wie Jil Sander, Kenzo oder Calvin Klein namhafte Produktdesigner wie Patrick Veillet, Karim Rashid, Fabien Baron oder Stephen Burks engagieren. Selbst das Traditionshaus Guerlain, das seine Düfte in den ursprünglichen oder nur leicht veränderten Versionen der alten Originalflakons verkauft, arbeitete 2008 für „Guerlain Homme“ mit dem italienischen Automobil-Designer Pininfarina zusammen.
Dennoch: Trotz des großen Einsatzes gibt es jenseits avantgardistischer Nischenprodukte nur wenige Entwürfe, die sich etwas trauen – beim näheren Hinsehen halten sich die meisten Designs eben doch an die gängige Kombination aus Glas und Metall, Oben und Unten. Bei den Herrendüften dominiert eine klare, minimalistische Formensprache in Blau, Schwarz oder erdigen Tönen, kombiniert mit Chrom; Damendüfte gibt es vor allem in hellen, pudrigen Farben und bauchigen Formen mit Gold-Verschluss. Und auch vom Inhalt, den Düfte selbst, gibt es wenig Innovatives zu berichten.

Parfum als Ausdruck von Individualität

Christian Astuguevieille, der für das japanische Label „Comme des Garçons“ Ideen und Konzepte entwickelt, hat dafür eine Erklärung: „Die Leute tragen verrückte Kleider, hören die abenteuerlichste Musik und lassen sich die seltsamsten Frisuren schneiden, aber wenn es um Parfüm geht, sind sie alle konservativer als ihre Großeltern. Sie haben noch nicht gemerkt, dass auch Parfüm ein Mittel ist zum Ausdruck von Individualität. Auch die Parfümindustrie hat das noch nicht gemerkt,“ erklärt er in einem Interview.

Comme des Garçons leistet seit der Präsentation seines ersten Parfums in dieser Hinsicht Pionierarbeit: Rei Kawakubo engagiert Parfumeure, die Düfte für die Gegenwart entwerfen – Parfums, die nicht nach orientalischen Bazars oder provencialischen Blumenfeldern duften, sondern nach dem, was uns tatsächlich umgibt: Fotokopierer, Benzin oder Waschsalon. Für das Design der Flakons beauftragte die Comme des Garçons-Chefin den damals völlig unbekannten Grafikdesigner Marc Atlan. Mit dem Entwurf für „Comme des Garçons – Eau de Parfum“ von 1994 gelang diesem etwas völlig Neues: Der schlichte transparente Glasflakon steht nicht, sondern liegt wie ein Kiesel auf seiner Rundung, dadurch bilden sich je nach Menge der Flüssigkeit, Luftblasen an der Oberfläche, welche die organische Form des Flakons wieder aufnehmen. Der Verschluss ist nicht mittig, sondern leicht versetzt angebracht. Entstanden ist ein Flakon, den man in der Hand halten möchte, wie einen Talisman, ein echtes „Gardez-Moi“, ohne es auf einem Kärtchen sagen zu müssen. Die besten Konzepte sind eben die, die in ihrem Endprodukt nicht mehr abzulesen sind. Man spürt sie einfach.


Bücher zum Thema


„Art of Perfume: Discovering and Collecting Perfume Bottles“
von Christie Mayer Lefkowith (Autor)
Broschiert: 208 Seiten
Verlag: Thames & Hudson (Oktober 1998)

„Masterpieces of the Perfume Industry“
von Christie Mayer Lefkowith (Autor)
Gebundene Ausgabe, 352 Seiten
Verlag: Christie Mayer, Inc. (Juli 2003)

„Paul Poiret and His Rosine Perfumes“
von Christie Mayer Lefkowith (Autor)
Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Verlag: Editions Stylissimo (Januar 2007)

„Parfums Edition 14: Der Duft-Guide“
von Susanne Opalka (Autor) und Uschi Rollar (Autor)
Gebundene Ausgabe, 184 Seiten
Verlag: Ebner Ulm (2008)
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Christie Mayer Lefkowith

www.mayerlef.com

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