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Kreuze und Korallen – Maison & Objet 2011

von Norman Kietzmann, 01.02.2011


Sie hat der Kölner Möbelmesse in den vergangenen Jahren reichlich Konkurrenz gemacht: die Pariser Einrichtungsmesse Maison & Objet. Wieder zog die Karawane der Eröffnungsbesucher vom Rhein direkt an die Seine. Auch wenn kompakte Möbelsysteme dort eher in der Minderheit waren, gab es all das zu sehen, was zum Wohnen ebenso dazugehört: Kleinmöbel, Accessoires, Stoffe, Dekoration bis hin zur Tableware. Mit rund 85.000 Besuchern, davon rund 39.000 aus dem Ausland, sind die Zahlen zwar nicht so rasant gestiegen wie in Köln. Dafür konnte die Pariser Schau jedoch ihr starkes Ergebnis aus dem Vorjahr halten, als sie um über 20 Prozent zulegen konnte. Das Naturthema der imm cologne hatte auch Paris fest im Griff, wenngleich weit weniger bodenständig.



Den Auftakt machten am Vorabend des ersten Messetages die italienischen Labels, die zwar nicht direkt auf der Messe vertreten waren, doch dafür zum gemeinsamen Cocktail-Rundgang durch Saint-Germain einluden, darunter Boffi, Cassina, Cappellini, Edra und Kartell. Eine Premiere erlebte das neu gegründete Mailänder Möbellabel Eumenes, das seine von Paola Navone und Jean-Marie Massaud entworfene Auftaktkollektion in den Räumen des Einrichters Silvera in der Rue de l‘ Université präsentierte. Überzeugen konnte hierbei vor allem Navones Stuhlserie Eu/phoria, bei der die Designerin eine voluminöse Sitzschale aus Woodstock – einem Kunststoff-Holzspäne-Gemisch aus der Automobilindustrie – mit einem filigranen, quietschroten Metallgestell kombinierte.

Exotischer Zuwachs

Stand die Kölner Möbelmesse ganz im Zeichen nachwachsender Rohstoffe, erlebte diese Entwicklung auf der Maison & Objet, die den Parc des Expositions in Villepinte im Nordosten der Stadt bepielte, eine fast schon groteske Weiterführung. So entwarf die britische Innenausstatterin Kelly Hoppen die Möbelserien Nilleq und Kisimi für den französischen Hersteller Bleu Nature, wofür echte Korallen mit transparentem Arclyharz umschlossen wurden. Als massive Blöcke können diese nun als Beistelltische, Hocker oder Leuchtenfüße dienen und inszenieren die Natur wie ein dekoratives Anschauungsobjekt aus dem Naturkundemuseum. Noch einen Schritt weiter gingen gleich mehrere Tierpräparatoren wie das Pariser Label Design et Nature, das ausgestopfte und erstaunlich lebensechte Löwen, Tiger oder Eulen im Angebot hatte. Ungefähr 25.000 Euro muss man für einen echten Löwen einplanen, mit dem sich selbst die tristeste Wohnzimmernische im Handumdrehen wieder in Form bringen lässt. Eine Eule ist zwar schon für 4.000 Euro zu haben, doch bei weitem nicht so spektakulär wie der aufrecht stehende Eisbär, der mit 23.000 Euro zu Buche schlägt und garantiert jeden aufdringlichen Postboten wirkungsvoll in die Fluch treibt. 

Sofas auf High-Heels

Wer es kuschelig mag, muss jedoch nicht zwangsläufig zum Löwen greifen oder eine ausgestopfte Eule auf der Schulter tragen. In Halle 8, in der sich der Großteil der designaffinen Hersteller konzentrierte, sorgte unterdessen der spanische Hersteller Nanimarquina mit dem Teppich Losanges von Ronan und Erwan Bouroullec für Aufsehen. Die Brüder konnten in diesem Jahr als „Designer des Jahres“ zugleich einen eigenen Teil der Halle mit einer großen Einzelausstellung bespielen. Vor einer riesigen weißen Ausstellungswand war dort auch ihr amöbenförmiges Sofa Ploum für Ligne Roset zu sehen, das bereits in der vergangenen Woche in Köln seine Premiere erlebt hatte und wie ein übergroßes Kissen zum Darin-Versinken einlud. War ein ausladendes Volumen bei diesem Stück bewusst beabsichtigt, inszenierte der Florentiner Designer Mauro Lipparini sein Sofaprogramm Echoes für Roche Bobois umso filigraner. Dessen Sitzkissen, Rücken- und Armlehnen sind auf einer schmalen Plattform platziert, die von so feinen Füßen aus Stahl getragen werden, die jedem High-Heel problemlos Konkurrenz machen. 

Beinahe überpräsent auf der Messe war Karim Rashid, dessen Entwürfe in gleich in mehreren Messehallen vertreten waren. Hatte der New Yorker bereits 2009 der Pariser Silbermanufaktur Christofle zu blätterartigen Schalen verholfen, präsentierte er nun eine limitierte Serie großformatiger Tabletts, Schalen und Hocker. Während die kreisförmige Schale Silver Ray an eine flachgedrückte Wendeltreppe mit vergoldeten Absätzen erinnert, zeigt der Beistelltisch Kaskade mit seinen verdrehten, abgestuften Ebenen eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Strata Tower seines Bruders Hani Rashid. Nach Worten musste Alberto Alessi suchen, als er die Entwürfe von Karim Rashids neuer Schalenserie für Alessi zum ersten Mal vor sich hatte und diese spontan Hellraiser taufte. Mit ihren unregelmäßigen, zackigen Aussparungen machen sie ihrem Namen alle Ehre und erinnern unweigerlich an Requisiten aus einem Science-Fiction-Film der achtziger Jahre.

Städte aus Porzellan


Alles andere als technoid präsentierte sich der spanische Porzellanhersteller Lladró, der von Jaime Hayon als Kreativdirektor beraten wird. Die Objekte der Serie Metropolis, die von der internen Designabteilung des Hauses entworfen wurden, dienen als Vasen, Leuchten, Spiegel oder Boxen und erinnern an Gebäude im Miniaturformat. Nebeneinander gestellt gruppieren sie sich zu einer kleinen Stadt, die auf Sideboards, im Regal oder auf dem Couchtisch inszeniert werden können. Die Besonderheit: Auch wenn einige der Häuser an bekannte Vorbilder wie das Empire State Building denken lassen, wird diese Ähnlichkeit jedoch gleich wieder durch die mit grafischen Mustern überzogenen Fassaden gebrochen – diese vermischen arabische, indische oder chinesische Ornamente mit westlichen.

Auf die Verbindung aus Unikat und Serie setzt unterdessen die Porzellanmanufaktur Fürstenberg, die sich auf der Maison & Objet erstmals mit einem verjüngten Firmenauftritt und runderneuertem Corporate Design präsentierte. Im Mittelpunkt standen dort vor allem die bis zu 72 Zentimeter hohen Bodenvasen der Serie Solitaire, die in Kooperation mit der Kunsthochschule Kassel entstanden sind und die Technik der Kristallglasur aus der Zeit der chinesischen Song-Dynastie (960-1279) wieder aufleben lassen. Deren Besonderheit ist nicht nur die lange Brenndauer von 48 Stunden, sondern ebenso die Unkontrollierbarkeit des Resultats. Auf der Oberfläche des Porzellans bilden sich während des Brennens mikroskopisch kleine Kristallzellen, deren Wachstum und Ausprägung durch den Temperaturverlauf bestimmt werden. Lassen sich hierbei lediglich die Parameter beeinflussen, entpuppt sich die endgültige Anmutung erst beim Öffnen der Ofentür.

Allmächtiger Schatten

Die Nähe zur Spiritualität suchte unterdessen der Mailänder Grafiker und Produktdesigner Mario Trimarchi. Wie bei seiner 2009 entworfenen Schalenserie La Stanza dello Scirocco blieb er auch dieses Mal dem Spiel mit dem Schatten treu und rückte einen vom Design fast ausnahmslos übergangenen Gegenstand in den Fokus: das Kreuz. Als Teil einer neuen Serie religiös inspirierter Objekte handelte es sich jedoch keineswegs um einen verfrühten Aprilscherz, sondern um ein neues Programm von Alessi. Trimarchis Croce ist kein einfach Kreuz, das flach an der Wand hängt, sondern vielmehr ein doppeltes Kreuz. Dieses wurde aus einem zusammenhängenden Stück Metall gebogen, so dass die beiden Kreuze an ihrer Unterseite direkt aufeinander treffen, während sie oben deutlich voneinander abstehen. Wird das eine Kreuz direkt an der Wand befestigt, ragt das andere in den Raum hinein und wirft einen Schatten. Für den Betrachter entsteht eine optische Täuschung, denn er glaubt nun zwei Schatten hinter dem hervorstehenden Kreuz zu erkennen: das dahinter liegende zweite Kreuz sowie der wirkliche Schatten, der dieses überlagert. Ein Effekt, der mit wanderndem Sonnenstand und einem somit veränderlichen Schatten noch gesteigert wird.

Den zweiten religiösen Gegenstand hat der junge amerikanische Designer Dror Benshetrit mit seinem jüdischen Mesusa namens Connection entworfen. Hierbei handelt es sich um eine Schriftkapsel, die am Türpfosten angebracht wird und Abschriften aus der Tora enthält, die von eigens dazu ausgebildeten Schreibern (Sofern) angefertigt werden. Die Mesusa wird stets am rechten Türpfosten mit einer leichten Neigung angebracht, so dass das obere Ende in den Raum zeigt. Die Schräglage soll daran erinnern, dass nur Gott die Dinge richtig (und damit gerade) machen kann, während die Handlungen der Menschen immer schief bleiben.

Satelliten in der Stadt

Auch außerhalb des Messegeländes setze sich das Geschehen weiter fort. Großer Andrang herrschte vor allem bei der Retrospektive von Andrée Putman im Pariser Rathaus, wo neben zahlreichen Möbelstücken, Filmausschnitten auch Mock-Ups der von ihr umgestalteten Concorde (1993) sowie der Badezimmereinrichtung des Morgans Hotel (1984) in New York zu sehen waren. „Gray is my colour and Eileen is my name“ schrieb Karl Lagerfeld auf eine Collage, die er 1987 für sie anfertigte, und damit auf einen anderen Aspekt in ihrem Leben anspielte: Auch wenn Putman in der Ausstellung als „Botschafterin des Stils“ etwas einseitig als Dekorateurin glorifiziert wird, ist ein entscheidender Verdienst nicht zu unterschlagen: Bereits im Jahr 1978 hat sie die Firma Écart gegründet, um Entwürfe von Eileen Gray, Mariano Fortuny und Robert Mallet-Stevens wieder aufzulegen, die sonst wohl in Vergessenheit geraten wären. Die heute allgegenwärtigen Re-Editionen hat Andrée Putman damit bereits vor über 30 Jahren vorweggenommen – zu einem Zeitpunkt, als Wiederauflagen auf Möbelmessen noch als seltsamer Anachronismus belächelt wurden.

Leuchtende Monolithen

Einen Höhepunkt bildete ebenso die Ausstellung L‘ECAL à Paris, bei der ausschließlich Leuchten-Entwürfe von Studenten und Ehemaligen der Lausanner Designakademie in den Räumen der Galerie Kreo in der Rue Dauphine zu sehen waren. Überzeugen konnten hierbei vor allem die filigranen, LED-betriebenen Antenna Lights von Adrien Rovero, die in Kombination mit leicht klobigen Füßen aus schlammgrüner Keramik irgendwo zwischen Fünfziger-Jahre-Retro und Minimal Art verortet werden können. Raffiniert zeigte sich auch die Marble Lamp von Camille Blin. Diese führt ein Stromkabel in einen massiven Block aus weißem Marmor, der gleichzeitig als überdimensionaler Lichtschalter dient, und von dort mit einem zweiten Kabel mit der externen Lichtquelle verbunden ist, die ebenfalls mit einer Fassung aus Marmor versehen ist. Der Clou: Die Leuchte richtet ihr Licht nicht frei in den Raum, sondern auf den großen Marmorblock, der zugleich nicht nur als Lichtschalter, sondern auch als monolithischer Lampenschirm dient. Die Leuchte beleuchtet somit sich selbst – als leide sie unter einer gespaltenen Persönlichkeit.

Ergänzung statt Konkurrenz

Die Maison & Objet ist keine Messe, auf der die harten Fakten und großen Stückzahlen der Möbelindustrie verhandelt werden. Wird in Köln die Hardware aus Schränken, Regalen, Anbauwänden oder riesigen Sofainseln geliefert, bietet Paris die Software, mit denen sich diese bespielen lassen. Das mag an manchen Stellen furchtbar kitschig sein. Doch sind die wuchtigen Holzmöbel der Kölner Möbelmesse mit ihrer überbetonten Funktionalität und Naturverträglichkeit nicht mindestens genauso kitschig? Die Entwicklung, dass Paris wie im vergangenen Jahr vor allem von den italienischen Labels als Vorschau auf die Mailänder Möbelmesse im April genutzt wird, blieb dieses Jahr jedoch aus. Vielleicht auch deshalb, weil Größen wie Cassina oder Cappellini wieder nach Köln zurückgekehrt sind. Gelohnt hat sich der Weg an die Seine aber dennoch: Schließlich sind in Paris all jene Dinge zu finden, um die Köln ohnehin einen Bogen macht. Aus Konkurrenz wurde somit Synergie.

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Links

Maison & Objet

www.maison-objet.com

Kölner Möbelmesse 2011

www.designlines.de

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