Stories

Künstliche Wolken und monochrome Farbräume

von Norman Kietzmann, 11.08.2009


Das „Festival des Jardins“ im französischen Chaumont-sur-Loire ist mittlerweile weit mehr als nur eine feste Größe für Gartenliebhaber. Jahr für Jahr versammelt es Gestalter aus aller Welt, die vor der Kulisse eines malerischen Schlosses an der Loire den Garten auf zeitgemäße Weise interpretieren. Die Besonderheit: interdisziplinäre Gruppen aus Architekten, Landschaftsplanern, Künstlern, Wissenschaftlern und Dichtern, die den Garten in ein Experimentierfeld für die Sinne verwandeln.

Zugegeben, Gartenausstellungen zählen normalerweise nicht unbedingt zu jenen Veranstaltungen, die mit den Begriffen „Avantgarde“ oder gar „Coolness“ in Verbindung gebracht werden. Zu stark wirkt das Bild von Seniorengruppen, die in pastellfarbenen Jacken an immer gleichen Beeten aus Tulpen oder Rosen vorbeiziehen, als dass das eigentliche Potenzial der grünen Räume in den Vordergrund treten könnte. Dabei galt die Gartenkunst noch im 17. Jahrhundert den anderen Künsten als ebenbürtig und wurde als bewusste Ausweitung der Architektur in die Landschaft verstanden.

Vorreiter der Gartengestaltung

Mit dem „Festival des Jardins“ in Chaumont-sur-Loire hat sich aber dennoch ein kleines, aber feines Festival entwickelt, das die Grenzen und Möglichkeiten zeitgenössischer Gartengestaltung Jahr für Jahr neu auslotet. Der Garten wird hier zu einer Spielfläche, die weit über die Botanik oder Landschaftsplanung hinausreicht und die Vegetation um Interventionen aus Licht, Geräuschen, Reflexionen oder gar künstlichen Wolken erweitert. Bereits seit seiner ersten Ausgabe 1992 hat das Festival auf ungewöhnlich Kooperationen gesetzt. So werden neben Gärtnern und Landschaftplanern ebenso Architekten, Wissenschaftler, Künstler oder Dichter eingeladen, in interdisziplinären Teams an gärtnerischen Erlebnisräumen zu arbeiten. Insgesamt 24 Parzellen stehen auf dem Gut des Schlosses von Chaumont zur Verfügung, die jeweils von einem Team bespielt werden. An das diesjährige Motto „Gärten der Farben“ haben sich alle von ihnen gehalten. Bis auf eine.

Garten der Dunkelheit

Die Pariser Architektin Odile Decq ist bekannt für Ihren Sinn für Schwarz, den sie bei weitem nicht nur an ihrer eigenen Kleidung auslebt. Wie viele ihrer architektonischen Entwürfe zeigt sich auch ihr Garten „Apesanteur de la matière“ (Abwesenheit der Materie) komplett in Dunkelheit. Geneigte Paneele aus semitransparentem Plexiglas sind zu einem Kreis angeordnet und lassen die tragende Konstruktion dahinter leicht durchscheinen. Der Boden des Gartens ist belegt mit schwarzen Kieselsteinen, die sich in ihrer Mattheit von den spiegelnden Oberflächen der tiefschwarzen Plexiglaswände absetzen. In der Mitte: ein Kreis aus kleinen, dicht gesetzten Gewächsen – auch sie komplett in Schwarz. Die physische Erscheinung dieses Gartens – eine Mischung aus Spiegelkabinett und düster-technoidem Stonehenge – sorgte nicht selten für Irritation bei einigen Besuchern, die ihn kopfschüttelnd einfach einen „non-jardin“ nannten – einen Nichtgarten.

Kontrast der Unfarben


Auch wenn die Farben das eigentliche Motto dieses Festivals sind, erhalten die Nichtfarben Schwarz, Grau und Weiß erstaunliche Präsenz. Als neutraler Rahmen vermögen sie die Wirkung der Farben zusätzlich zu steigern. So beginnt der „Jardin des couleurs révéleés“ (Garten der aufgedeckten Farben) des Architekten Julien Fidon sowie dem Szenographen Adrien Roman mit einer Schicht aus hellgrauen, beinahe weißen Planzen und geht über in einen dunkelvioletten, fast schwarz erscheinenden Ton. Eingefasst zwischen diese beiden Kontrastpunkte ein schmales Band aus grell leuchtenden Blumen und Gewächsen, die den Verlauf des gesamten Farbspektrums abdecken. Auch der Garten „Le jaune dort“ (Das schlafende Gelb) von Maythine Eludut, Julien Viniane und Gaylord Le Goaziou verwendet stimmungsvolle Kontraste und setzt der Eingangssequenz aus schwarzen Pflanzen ein Meer aus gelb leuchtenden Blühten gegenüber. Gesteigert wird deren Wirkung durch einen mit gelber Farbe gestrichenen Weg, der durch den Garten hindurch führt und in einer kleinen Aussichtsplattform mündet, von der die Fläche als Ganzes betrachtet werden kann.

Monochrome Farbräume


Die Tendenz zu neutralen Tönen verbindet sich auch mit einem weiteren Aspekt: der Betonung des Monochromen. Was einerseits der Kunst und den Arbeiten von Yves Klein eine Referenz erweist, nimmt zugleich Bezug auf ein Schlüsselwerk in der Gartengestaltung des 20. Jahrhunderts: dem 1948 im südenglischen Sessinghurst angelegte „White Garden“ der Schriftstellerin und passionierten Gärtnerin Vita Sackville-West, für den sie ausschließlich Pflanzen mit weißen Blüten verwendete. Lag der Fokus in diesem Garten allein auf der Farbe der Blüten, gehen die Gartengestalter in Chaumont noch einen Schritt weiter: Sie verwenden Planzen, die wie jene schwarzen oder weißen Gewächse aus Gebirgen oder anderen extremen Umgebungen stammen und die komplett in einer einzigen Schattierung gefärbt sind. Indem der Boden zwischen den Pflanzen mit Kieselsteinen in demselben Farbton ausgelegt wurde, wird der Effekt zusätzlich gesteigert: Der Garten wird zu einem dreidimensionalen, begehbaren Farbraum. Eindrucksvoll präsentiert sich zum Beispiel der Garten „Voir rouge“ (Rot sehen) von Patrice Gobert, Marie-Christine Loriers, Pascal Montel und Béatrice Tollu mit einer dynamischen Hügellandschaft – komplett in leuchtendem Rot. 

Künstliche Wolken und geometrische Felder

Das Spiel mit der Wahrnehmung wird von einigen Teilnehmern auch auf andere Weise erweitert. So versprühen feine Düsen eine Wolke aus Wasserdampf über den 20 Feldern des „Jardin des couleurs captives“ (Garten der gefangenen Farben) von Anna Santacreu Felis, Armelle Renard und Dorothée Fischer. Eingefasst zu quadratischen Feldern von je einem mal einem Meter Größe – als Aussparungen einer über dem Boden gehobenen Plattform in neutralem Grau, kommen hier die Primärfarben Rot, Gelb, Blau zum Einsatz – gepaart mit korrigierenden Elementen in Schwarz und Weiß. Der Wasserdampf, der in einem zeitlichen Intervall versprüht wird, beginnt, die Grenzen zwischen den Farben verschwimmen zu lassen, sie zu vermischen und in das Spektrum der gesamten Farbpalette zu zerlegen.

Rückkehr nach 15 Jahren

Mit der diesjährigen Ausgabe feiert das „Festival des Jardins“ zugleich auch die Rückkehr seines wohl prominentesten Sprößlings: des Pariser Botanikers Patrick Blanc, der 1994 erstmals mit einer Arbeit in Chaumont entdeckt wurde. Mit seinen vertikalen Gärten avancierte er in den vergangenen Jahren nicht nur zu einem der weltweit gefragtesten Gartengestalter, sondern hat mit seinen Interventionen an den Bauten bekannter Architekten zugleich der Gartengestaltung selbst zu erhöhter Aufmerksamkeit verholfen. Seine Arbeit, ausgestellt im quadratischen Innenhof des einstigen Wirtschaftsgebäudes des Schlosses, zeigt sich als eine aufrecht stehende Wand, die sich zu einer Seite zusammenrollt wie eine Rolle Papier und einen intimen, von außen nicht einsehbaren Raum bildet. Blanc hat hier sein vor allem auf der Fläche erprobtes Prinzip der „murs végeétals“ in eine deutlich plastischere, dreidimensionale Form ausgeweitet.

Tropische Schluchten

Gerade einmal zwei Stunden dauert es mit dem Auto oder der Bahn, um von Paris nach Chaumont zu gelangen. Und doch scheint es wie ein Ausflug ans andere Ende der Welt. Die dicht bewachsene Schlucht, die sich zwischen dem Schloss und dem Plateau, auf dem das Gartenfestival stattfindet, ausbreitet, könnte auch als romantisch-düstere Kulisse für einen Märchenfilm dienen. Nur manchmal scheinen die spitzen, blau-schimmernden Türme des Renaissance-Baus hervor und geben dem Ganzen einen noch surrealeren Eindruck. Die Interventionen des Festivals haben unterdessen auch diesen Ort erreicht: in dichten Wasserdampf gehüllt verwandelt sich die Schlucht in einen atmosphärischen, tropischen Regenwald, in den die Besucher über wackelige Hängebrücken eintauchen können. Eine Grenzerfahrung nicht nur für jene Besucher, die die Sechzig überschritten haben. Wer sage da noch: Gartenfestivals wären ausschließlich für alte Leute.


Festival International des Jardins
Domaine de Chaumont-sur-Loire
noch bis 18. Oktober 2009


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Links

Festival des Jardins

www.domaine-chaumont.fr

Bücher zum Thema Garten

www.designlines.de

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