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Kunst oder Design?

von Kathrin Spohr, 23.09.2008


Marcel Wanders’ „Personal Edition“, die er erstmals zur Mailänder Möbelmesse 2007 präsentierte – eine Wohnwelt aus übermannsgroßen  Nachttischlampen, Hängeleuchten, die aussahen wie gigantische Porzellanglocken oder weiß gehäkelte Riesenkakteen – erinnerte unweigerlich an Kunstobjekte von Jeff Koons. Und auch bei Jerszey Seymour’s Plastik-Gussmöbeln fragt man sich: Ist das nun Design, Kunst, Experiment oder Marktanforderung? – Irgendwie ist man es ja gewohnt, eine klare Zuordnung zu finden. Doch diese präsentiert sich in letzter Zeit verschwommen. Nicht nur, weil  sich Designer von Künstlern und Künstler von Designern inspirieren lassen. Angesichts dieser Entwicklungen veranstaltete der Armaturenhersteller Dornbracht nun seine zweite Ausgabe der „Dornbracht Conversations“ im Kölner Museum Ludwig.


Viele Designprodukte werden seit einigen Jahren wie Kunst gehandelt. Da werden rare oder limitierte Möbelstücke und selbst unfertige Prototypen zu Preisen versteigert, dass selbst den Künstlern die Ohren schlackern. Eines der bekanntesten Beispiele ist mit Sicherheit der „Lockheed-Lounge“ Chair des australischen Designers Marc Newson: Die Liege aus dem Jahr 1986 wurde im letzten Jahr bei Christie’s für 1,5 Millionen Dollar versteigert. Gefragt ist das Einzelstück, das Objekt.

Unter dem Titel „Ist Design Kunst? Ist Kunst Design?“ hatte das Unternehmen Dornbracht am 15. September 2008 anlässlich der Ausstellung „Das-Kein-Henne-Ei-Problem-Wandmalerei“ von Tobias Rehberger zu einem Diskussionsabend  mit dem Designer Konstantin Grcic, dem Multitalent und Art Director Mike Meiré, dem Künstler Tobias Rehberger und dem Hamburger Sammler Harald Falckenberg in das Museum Ludwig geladen. „Die Diskussion könnte so sinnvoll sein, wie ein Loch im Kopf.“ – Mit diesen Worten hatte Direktor Kaspar König den Talk eröffnet, der von Katia Baudin anschließend moderiert wurde. Sie ist seit Ende Mai dort neue stellvertretende Direktorin und schreibt derzeit ihre Dissertation über Grenzüberschreitungen zwischen Kunst und Design. Im Mai 2008 hatte Dornbracht die Dornbracht Conversations 1 gestartet, die sich als Diskurs-Plattform mit aktuellen Strömungen zwischen Design, Architektur und Kunst auseinandersetzt und künftig mehrmals im Jahr zu grenzüberschreitenden Diskussionsrunden einladen will.

Design zapft Kunst an und Kunst zapft Design an    


Was ist Kunst aus der Sicht eines Künstlers? Was ist Design aus der Perspektive eines Designers und umgekehrt?  Gibt es heute überhaupt noch einen Unterschied zwischen Kunst und Design? Für Tobias Rehberger ist es eine Frage der Perspektive. Egal ob Kunst, Design oder Fußball – der Künstler versuche immer eine Lösung für ein Problem in der Kunst zu finden, der Designer eine Lösung für ein Designproblem usw.
Mike Meiré, der Multi-Player unter den Kreativen der Podiumsrunde, dessen Markenzeichen es ist, sowohl als Designer, Architekt oder als Künstler zu agieren, verneint  eine  strikte Bereichsdefinierung mit den Worten:
"Alles ist in Bewegung. Das Interesse steuert die Wahrnehmung. Es geht darum, neue Kontexte zu definieren. Klar, dass auch Designer experimentell arbeiten und die Kunst anzapfen. Und Künstler zapfen ebenso das Design an. Tobias Rehberger etwa tut das, wenn er, wie hier im Museum Ludwig zu sehen, den "Chair One" von Kontstantin Grcic in sein Kunstobjekt integriert."
Aus Sicht von Konstantin Grcic hingegen, einem der meistgefragten Designer derzeit, gibt es einen klaren Unterschied, der bereits mit der Kreation beginnt:  „Designer arbeiten nicht so subjektiv. Sie arbeiten immer im Kontext der Industrie, die ganz konkrete Bedingungen und Anforderungen stellt.“ Es geht um Stückzahlen, die produziert werden müssen, um ein bestimmtes Preisniveau für den späteren Verkauf zu erreichen. Es gibt ökologische und ökonomische Anforderungen. Hat sich die Produktion gelohnt? Die Beurteilung eines fertigen Designs ergibt sich letztendlich durch den Markt, die Nutzer.
Wäre zu überlegen, ob dem Designer dann also nur die Rolle des Dienstleisters bleibt? „Die Kunst ist es, innerhalb der festgelegten Bedingungen Autor zu bleiben.“, so Grcic, „Firmen sprechen mich an, etwas zu gestalten, weil sie natürlich eine bestimmte Ästhetik von mir erwarten. Der neue Stuhl Myto etwa ist also nicht nur die Ästhetik des Engineering, eine radikale Reduzierung, sondern auch Ergebnis dessen, was ich als Designer zulasse.“

Wie wird man Designer oder Künstler?

Ein Unterschied zwischen Design und Kunst wird deutlich, wenn man sich die Ausbildung anschaut. „Kunst kann man nicht beibringen. Man muss sich so dafür interessieren, dass es einen verrückt macht“, sagt Rehberger, „Die Akademie bietet einen Schutzraum, die eigene Kunstantriebsfeder auszufüllen, die Profs sind die Steigbügelhalter.“  In der Designausbildung hingegen erhalte man ganz konkrete Antworten darauf, was geht und was nicht geht, erklärt Grcic. Auch Mike Meiré betonte, dass er von Designern ein konkretes Können erwarte: „Sie müssen Kultur dekodieren und schnell eine Metaebene finden können.“

Gutes Design muss wehtun, damit es auffällt

Diese These kam von Sammler Falckenberg. Dinge an Grenzbereiche heranzubringen, wo sie stören. Das gab es schon immer. Denn das Bauhaus wollte damals keiner. Und die Produkte von Memphis eigentlich auch nicht. Heute ist klar: Die Produkte aus beiden Epochen haben Geschichte geschrieben, den Weg für neue Sichtweisen geöffnet. Noch mehr: sie haben heute Kultstatus. Und genau diese Produkte werden heute bei den großen Auktionshäusern zu schwindelerregenden Summen gehandelt. „Es geht darum, Begehrlichkeiten zu wecken.“

Limited Editions

Die nächste Beobachtung von Harald Falckenberg: Die Hysterie der verschiedenen Märkte gleiche sich, egal ob Kunst, Design oder Fashion. Gleichzeitig, sei  Design in den letzten Jahren vermehrt ein Thema, das in Kunstmuseen gezeigt wird. Darüber hinaus öffneten immer mehr Designgalerien, wie etwa Kreo in Paris, die wie Kunstgalerien agieren und nur limitierte Editionen von Designprodukten höchst erfolgreich verkaufen.
Nichts Neues oder Außergewöhnliches für Konstantin Grcic: Design habe seinen Platz im Museum, schließlich sei das Museum generell ein Ort, in dem es darum geht, sich mit verschiedensten Dingen auseinanderzusetzen. „Limited Editions haben immer eine ganz große Rolle im Design gespielt. Radikale Ideen gab es zunächst nur als Prototypen. Ettore Sottsass etwa hat anfangs seine Produkte in kleinen Auflagen selbst hergestellt, weil es keine Produzenten gab. Und Marc Newson hat die Lockheed Lounge in seiner Garage gebaut. Heute gibt es die Galerien, die für den Markt arbeiten. Sie haben ein Motiv zum Geldverdienen geschaffen.“

Designbegriff nicht ausgelotet

Bis dahin war es eine ziemlich brave Veranstaltung – mit einer Moderatorin, die gerne in Monologen ihre eigene Kunst- und Designexpertise zum Besten gab und es nicht schaffte, das hochkarätig besetzte Podium gleichgewichtig in die Diskussion einzubeziehen. Wirklich herausragende oder vielleicht auch einmal provokante Fragestellungen fehlten ebenso. So gab es am Ende denn auch heftige Kritik aus dem Publikum. Die Talkrunde sei lahm, enttäuschend, gar ermündend, war zu hören. Tatsächlich, bei dieser Thematik hätte man leidenschaftlichere Wortgefechte erwartet. Der Begriff des Designs beispielsweise, so wie er heute verstanden wird und neben Produktgestaltung auch Services, Ökologie etc. einbezieht, war in seiner Bandbreite gar nicht ausgelotet.

Nach dem ernüchternden Start in den Abend durch die eröffnenden Worte von Kaspar König war am Ende des Abends jedoch klar: So unsinnig wie ein Loch im Kopf waren die Dornbracht Conversations Teil 2 dann doch nicht. – Wir freuen uns auf die nächste Ausgabe!

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