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Kurs halten – Die Design Miami Basel 2010

von Norman Kietzmann, 24.06.2010


Mit ihrer zehnten Ausgabe hat die Design Miami Basel weit mehr als nur einen runden Geburtstag begangen. Fünf Jahre nach ihrer Gründung befindet sich die Designschau, die maßgeblich zum Erfolg von limitierten Editionen beigetragen hat, auf der Suche nach einer neuen Führung. Ihre Mitbegründerin und bisherige Chefin Ambra Medda hat sich Ende Juni zurückgezogen. Das Fazit ihrer letzten Schau: Kontinuität mit einer vorsichtigen Neuausrichtung.


Sie ist erwachsen geworden und längst ein Stück weit Normalität. Doch dem war nicht immer so. Noch vor fünf Jahren, als die erste Ausgabe der Messe Design Miami Basel stattfand, waren die Blicke mehr als skeptisch – und zwar von allen Seiten. Während die Kunstszene die Ambitionen der Künstler-Designer entweder belächelte oder ignorierte, sah man im Design den Ausverkauf der eigenen Werte. Zu elitär, zu undemokratisch, zu geschmäcklerisch lauteten damals die Vorwürfe.

Rasante Karriere

Dass diese nun verklungen sind und limitierte Editionen heute auch von jenen Gestaltern betrieben werden, die wie Konstantin Grcic oder die Brüder Bouroullec über die große Serie Bekanntheit erlangten, ist nicht zuletzt einer Person zuzuschreiben: Ambra Medda, Mitbegründerin und bisherige Chefin der Design Miami und Design Miami Basel. Als sie die Messe 2005 auf die Beine stellte, war sie gerade 23 Jahre alt. In Griechenland geboren, aufgewachsen in Mailand und London und wohnhaft in New York, Miami und Basel, hat sie den limitierten Designeditionen eine Plattform gegeben. Zwar wurden auch zuvor stets Produkte jenseits der Serie entwickelt und verkauft. Doch die wenigen Galerien, die auf diese spezialisiert hatten, waren zu verstreut, um tatsächlich wahrgenommen zu werden.

Das Konzept, sich an die Kunstmesse Art Basel und ihres Ablegers Art Miami Basel anzudocken, ging auf. Während der Kunstmarkt in den vergangenen Jahren einen Boom erlebte, erreichten plötzlich auch Designobjekte Erlöse, die zuvor noch als unmöglich galten. Impulse erhielt auf diese Weise nicht nur der Markt für Designobjekte, sondern ebenso die Gestaltung selbst. Denn Designer waren plötzlich nicht mehr auf einen Produzenten angewiesen, um ihre Entwürfe umzusetzen, während gleichzeitig die Frage der Kosten – in den meisten Fällen die kniffligste aller Gestaltungsfragen – in den Hintergrund geriet. „Ich bin extrem stolz auf das, was wir in den letzten fünf Jahren erreicht haben“, sagte Ambra Medda auf der Pressekonferenz Mitte Juni. Über die Gründe nach ihrem Abschied wird spekuliert, aber es dürften sicher auch persönliche sein. Das Verhältnis zu ihrem Ehemann Craig Robins – einem Immobilientycoon aus Miami, dem zusammen mit der MCH Group, dem Ausrichter der Art Basel, die Design Miami Basel gehört – gilt als zerrüttelt. Nach offizieller Bekanntgabe soll Medda nun ins Beraterfach wechseln, während die Messe bis September einen Nachfolger für sie bestimmen will.

Kontinuität der Namen

Auch mit ihrer letzte Schau setzte diese den bisher eingeschlagenen Weg fort und feierte die bekannten Namen. Standen bei den Klassikern erneut Perriand, Prouvé oder Wegner hoch im Kurs, haben auch im zeitgenössischen Design die Niederländer und Absolventen der Design Academy Eindhoven ihre Vormachtsstellung nicht aufgegeben. So präsentierten Studio Job ihre 2009 entstandene Arbeit „The Birth“ am Stand der Londoner Galerie Carpenters Workshop sowie ihre im April auf der Mailänder Möbelmesse vorgestellte Serie „Wonderlamp“ bei der Mailänder Galerie Dilmos. Wie in einer Zeitschleife wirkte unterdessen der Stand der Shanghaier Contrast Gallery, wo sowohl der „Plastic Chair in Wood“ sowie der aus verwobenen chinesischen Stühlen hergestellte „Hey, chair“ von Maarten Baas zu sehen waren – genau wie vor zwei Jahren.

Auch wenn die Galerie betont, dass es sich bei ihnen um andere Exemplare aus der jeweils 50-fachen Auflage handelt – eine ungewöhnlich hohe Zahl, bleiben die meisten limitierten Editionen stets im einstelligen Bereich – lässt sich der Eindruck von Ladenhütern nicht ganz ausblenden. Immerhin: Neue Entwürfe hat Baas derweil auf dem Stand der Genfer Galerie Mitterand + Cramer vorgestellt, bei denen er die weichen, Knete-artigen Formen seiner früheren Arbeiten im Inneren von auffallend schlichten Schränke verbarg.

Gefahren des Alltags


Aus der Reihe tanzte unterdessen der französische Gestalter Vincent Dubourg, der für Carpenters Workshop einen wahren Sturm im Wohnzimmer entfachte. Die Leisten seiner Schrankserie „Nouvelle Zélande“ wirken derart auseinander geborsten, als wäre eine Ladung Sprengstoff in Omas alter Kommode explodiert. Doch aller Fragilität der Entwürfe zum Trotz: Auch hier erfüllen die Objekte weiterhin ihren Zweck und wirken wie Schaukästen, die Einblicke auf die in ihnen enthaltenen und dennoch geschützten Dinge zulassen.

Weitaus stärker auf der Seite der Kunst bewegt sich diesmal Arik Levy. Der Pariser Gestalter, der in den vergangenen Jahren immer wieder mit Möbeln in Form von stark vergrößerte Edelsteine auf sich aufmerksam machte, stellte für die Galerie Mitterand + Cramer eine fast schon poetische Version des vierbeinigen Stuhles vor. Die Besonderheit seiner auf nur vier Exemplare limitierten Arbeit „Abstraction“: Levy zerschnitt die Außenkanten des metallenen Stuhles, so dass die getrennten Profile jeweils auf einem der vier Beine ruhen. Zusammengesetzt ergeben sie das Bild des minimalistischen Ur-Stuhles und können je nach Belieben und Spiellaune des Betrachters auseinander gezogen oder neu zusammengesetzt werden. Sie sind eine Skulptur, die zur Interaktion einlädt und die lästige Frage von Funktionalität erst gar nicht aufkommen lässt.

Dreidimensionale Leuchtschwärme

Das Zusammenspiel zwischen Objekt und Benutzer hat das in London und Berlin ansässige Designkollektiv „rAndom“ dagegen auf technisch weitaus versiertere Weise umgesetzt. Ihr Leuchter „Swarm Light“, den sie als einer der fünf Preisträger des „Designer of the Future Award“ der Messe im Obergeschoss der Halle fünf präsentierten, besteht aus drei Würfeln von je 1000 Leuchtdioden. Wie ein dreidimensionaler Bildschirm reagieren diese mithilfe von Sensoren auf Geräusche in ihrer Umgebung und übersetzen diese simultan in Bewegung. Das Ergebnis sind keine repetitiven Muster sondern fluide Formen, die über ein Computerprogramm kontinuierlich neu erzeugt werden und dem Verhalten von Schwärmen im Tierreich folgen. Der Leuchter erhält durch die Interaktion mit dem Betrachter ein Eigenleben, das sich zugleich der Vorhersehbarkeit entzieht.

Auf die Spur des Zufalls begab sich auch der niederländische Schmuckdesigner Ruudt Peters. Für seine aus Aluminium gefertigten und mit Platin veredelten „Paulus“-Broschen ließ er heißes Kerzenwachs ins Wasser fallen und verformte die daraus entstandenen Formen unterhalb der Wasseroberfläche mit verschlossenen Augen. Dem Bleigießen zu Silvester nicht unähnlich, entstanden auf diese Weise fluide wie zufällige Gebilde, die anschließend abgeformt, in Aluminium gegossen und mit der Schleifmaschine begradigt werden. Was daran besonders ist? Im Grunde weniger der Prozess als vielmehr der Kontext. Denn bisher ist Schmuckgestaltung, allen voran mit zeitgenössischen Mitteln, im Zusammenhang von limitierten Editionen kaum behandelt worden.

Jenseits der Kleinserie

Für die Design Miami Basel markiert die Teilnahme der Brüssler Schmuck-Galerie Caroline Van Hoek, die die Arbeiten Ruudt Peters präsentierte, eine Premiere und insgeheim auch eine vorsichtige Neuausrichtung. Denn auch die limitierten Editionen wandern zunehmend aus dem Kontext der Galerien heraus. Anstatt Kleinserien von Objekten herzustellen, die handlich genug sind, um auf Messen und Ausstellungen um die Welt geschickt werden können, werden zunehmend ganze Interieurs gefragt – die fest an einem Ort verbleiben. So realisierte jüngst auch Maarten Baas ein Zimmer im Apartment eines New Yorker Sammlers, das er mit eigens angefertigten Möbeln ausstaffierte. Die limitierten Editionen folgen hierbei nicht nur dem zunehmenden Wunsch zum Unikat. Auch rücken sie aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit stärker in die Privatsphäre der Sammler, die selbst entscheiden, wer Zugang zu den Werken bekommt und wer nicht. Man könnte es auch anders formulieren: Die Exklusivität des limitierten Designs nimmt weiter zu.
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Links

Design Miami Basel

www.designmiami.com

Design Miami Basel 2009

www.designlines.de

Design Miami Basel 2008

www.designlines.de

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