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Leuchtstoff, bis der Arzt kommt

von Jana Herrmann, 30.04.2013


Achtung Epileptiker! Die Ausstellung Dynamo - Ein Jahrhundert von Licht und Bewegung in der Kunst, 1913-2013 reizt teilweise bis zur Unerträglichkeit. Der Betrachter wird zum Versuchskaninchen der Künstler und sollte weder visuelle Provokation noch körperliche Herausforderung scheuen.

Im Grand Palais in Paris stehen bis zum 22. Juli keine Gemälde, sondern visuelle und räumliche Experimente im Mittelpunkt. Raum, Sehen, Bewegung und Licht heißen die Leitmotive der insgesamt 200 ausgestellten Werke. Und obwohl sie im Laufe der vergangenen 100 Jahre und von 142 verschiedenen Künstlern erschaffen wurden, haben sie alle eines gemeinsam: Sie bringen die Sinne des Betrachters durcheinander.

Ausstellung im Rückwärtsgang

Für diese künstlerische Entdeckungsreise stellte das Grand Palais zum ersten Mal die Gesamtfläche seiner Nationalgalerien zur Verfügung. Insgesamt 3700 Quadratmeter auf zwei Etagen. Die „Mega-Ausstellung“, wie sie Hauptkurator Serge Lemoine nennt, beginnt paradoxerweise mit den Künstlern der Gegenwart und endet mit den Pionieren und Vordenkern der Kunst von Bewegungen und Licht. Dazwischen werden Werke von Künstlern aus unterschiedlichen Epochen einander gegenübergestellt. „Dynamo ist eine moderne Ausstellung, die gleichzeitig die Kontinuität und komplexe Verwobenheit der Schaffenszeiten erörtert“, begründet Lemoine diese originelle Anordnung. Die beiden Hauptbereiche Vision (Sehen) und Espace (Raum) werden in sechzehn thematische Abschnitte eingeteilt.

Augenfolter

Am Anfang des Bereiches Sehen bereiten eine pulsierende Wand aus senkrechten Neonröhren von John Armleder (Volte III) und drei meterhohe Parabolspiegel von Anish Kapoor auf die bevorstehenden optischen Strapazen vor. Nur ganz Hartgesonnene trotzen den brutalen Lichtblitzen aus Carsten Höllers Light Corner. Im Spiegellabyrinth von Jeppe Hein drehen sich dann Aluminiumplatten als Kontrast beruhigend langsam. Die Augenfolter ist bei der grellen Plexiglaskonstruktion von Carlos Cruz-Diez (Transchromie mécanique 1965) oder den überdimensionalen Neonröhren von Francois Morellet (Triple X neonly) allerdings wieder de retour.

Es flimmert und rotiert

Dagegen scheinen im darauffolgenden Trakt die Bilder ohne jegliche Lichtanimation auf den ersten Blick ganz harmlos an der Wand zu hängen. Doch der Eindruck täuscht – natürlich optisch. Denn beim Betrachten der schwarz-weiß gehaltenen Geometrien von Bridget Riley, Marina Apollonio, Francois Morellet oder Francois Vasarely flimmert, rotiert und schwindelt es erneut überall. Hervorgerufen durch die makellos gezeichneten, parallel oder im genau berechneten Winkel stehenden Linien, die die visuelle Wahrnehmung hinterhältig verzerren und die Illusion von Volumen hervorrufen. Eltern fürchten Brechreiz und ziehen ihre Kinder auffällig hektisch durch diesen thematischen Abschnitt mit dem passenden Titel Konzentrisch/Exzentrisch.

Herr über die Sinne

Im Themenabschnitt Immersion kann man sich beim Schlange stehen vor Ann Veronica Jannssens Daylight blue, sky blue, medium blue, yellow erholen. Ihre Arbeite ist ein begehbarer, halbrunder Raum. Eine Handvoll Besucher tastet sich durch wolkenartige Nebelschwaden, die sich abwechselnd blau oder gelb verfärben. Panik, Schwindel, Schwerelosigkeit oder totale Entspannung sind als völlig unterschiedlichen Resonanzen zu beobachten. Durch die permanente Anwesenheit von zwei Rettungssanitätern ist man jedenfalls auch auf extreme Reaktionen vorbereitet. Vor allem bei Jannssen ist beeindruckend, wie sehr ein Künstler mit seinem Werk zum Herr über die Sinne des Betrachters werden kann.

Diese sinnliche Einflussnahme wird besonders beim Werk von Felice Varini deutlich (Ving-trois disques évidés plus douze moitiés et quatre quarts). Es besteht aus orangefarbenen Aluminiumstücken in unterschiedlichen Formen, die auf die Säulen der Terrasse des Grand Palais geklebt wurden. In seiner Gesamtheit kann das geometrische Kunstwerk jedoch nur von einem von Varini festgelegten Blickpunkt aus betrachtet werden; beim Verlassen dieses Punktes zerfällt es wieder in seine einzelnen Fragmente. Varinis Werk befindet sich am Eingang des zweiten Hauptbereiches Raum, der in der unteren Etage zu sehen ist. Nach Malerei und Installation führt die Kunst der Wahrnehmung in diesem Bereich nun über Skulpturen zum Film, beispielsweise von Hans Richter oder Walter Ruttmann.

Flügelmaschinen

Ein Highlight auf dieser Etage ist das Labyrinth der französischen Künstlergruppe GRAV, die in den 60er Jahren das Bild an der Wand nicht mehr zeitgemäß fand und als eine der Ersten mit Metall und Neon, Bewegung und der Partizipation des Betrachters arbeitete. Dass kontemporäre Kunst und Kunstgeschichte sich nicht trennen lassen, wird auch im letzten Abschnitt des Rundgangs deutlich. Er ist den Vorläufern dieser avantgardistischen Kunstrichtung gewidmet. Zu sehen sind Künstler, die in ihren Werken eine besonders abstrakte, dynamische und immaterielle Auffassung der Realität ausdrücken. Dazu zählen die schwerelosen Mobiles von Alexander Calder und die wirbelnde Flügelmaschine von Marcel Duchamp (Rotative, plaques-verres).

Den Abschluss der Ausstellung bildet das Pénetrable BBL Bleu von Jesùs Rafael Soto. Ein kluger Zug der Kuratoren, denn diesen begehbaren Irrgarten scheinen viele Besucher als Mittel zum Stressabbau wahrzunehmen; wie aufgeregte Kinder wühlen sie sich durch blaue Plastikschnüre. In der Hoffnung, ihre überreizten Sinne zu beruhigenden, bevor sie das Grand Palais und seine abstrakte Welt verlassen.

Dynamo - Un siècle de lumière et de mouvement dans l'art, 1913-2013
Grand Palais, Paris
bis 22.Juli 2013
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Grand Palais

www.grandpalais.fr

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