Stories

Liaison aus Design und Natur

von Franziska Horn, 15.08.2007


Topfpflanzen sind out. Nicht nur in prestigeträchtigen Vorstandsetagen gilt die kleinteilig domestizierte Flora zunehmend als politisch unkorrekt, weil zu bieder. Auf gut Deutsch: Topfpflanzen sind spießig. Zum ambitionierten Architektur-Projekt von Heute gehört ganz selbstverständlich ein ebenso ambitionierter Garten oder Außenbereich. Wie aber sieht es mit den Innenräumen aus? Welche Möglichkeiten der Begrünung im Sinne einer stimmigen Corporate Identity gibt es? Dass mit herkömmlichen Blumentöpfen kein Blumenpott mehr zu gewinnen ist, wissen die Architekten von Firmenbauten, Museen und anderen öffentlichen Räumen längst. Genau hier gibt es neue Ansätze. Ein Blick auf das Trierer Büro indoorlandscaping oder auch nach Paris zum 2006 eröffneten Musée du Quai Branly zeigt großzügige Grünflächen, die – und das ist neu – in die Vertikale streben. Ganz lässig ranken sich da Blättermatten die Wände hoch und rangieren zwischen Klima-Element und Kunst-Objekt. So zog Bernhard Häring vom Trierer Büro beispielsweise unter die Dachschrägen der Münchner HypoVereinsbank eine 110 Quadratmeter umfassende, u-förmig angelegte Wand ein, die optisch Laune macht und den Konferenzräumen ein angenehmeres Verhandlungsklima verschafft.
Das neue Grün strebt nach Höherem
Auf dieser eigens patentierten Grünen Wand (GrüneWand®), einem Trägermedium mit spezifischem Substrat, gedeihen kleinblättrige Pflanzen wie Soleirolia soleirolii oder Bubiköpfchen und Ficus pumila besonders gut. Nun, was kann das neue Grün? Haben wir der Natur den Raum abgetrotzt, damit sie jetzt auf leisen Sohlen im Designermäntelchen zurückkehrt? Damit sie klammheimlich Vorstandsetagen, Museen und Einkaufspassagen erobert – und bald auch unsere Wohnzimmer? Soll sie nur, denn die Vorteile liegen auf der Hand. Da gibt es zum einen farbpsychologische Aspekte: Die Farbe der Hoffnung beruhigt. Die Hochkantwiese kann aber noch mehr: Sie produziert Sauerstoff, reguliert die Luftfeuchtigkeit, dämmt den Geräuschpegel ein und wirkt somit Stress entgegen. Ein Nachteil könnte die intensive Pflege oder die ständige Kontrolle der Bewässerungsanlage sein, die den Pflanzenteppich mit Feuchtigkeit versorgt. Alle zwei bis drei Monate sollte da ein Fachmann hinzugezogen werden, ebenso wie schon bei der Installierung der Grünen Wand. Aktuell arbeitet das Büro indoorlandscaping mit seiner Vertriebsfirma artaqua daran, die grüne Wand als mobiles Element auch für den privaten Rahmen zu entwickeln.
Dschungel im Design-District
Andreas Schmidt, Geschäftsinhaber von indoorlandscaping, umschreibt sein berufliches Profil als eine Verknüpfung zwischen Architekt, Bauherr und Gärtner. „Wir sind Gestalter und sehen uns als Landschaftsarchitekten für den Innenraum. Wir verbinden die Sprache oder Philosophie eines Architekten mit dem Wissen eines Gärtners: im Kopf die Sprache, an den Füßen Gummistiefel“. Wie groß ist denn da die gestalterische Freiheit innerhalb eines Kundenauftrags tatsächlich? „Man muss sich schon an die Vorstellungen anpassen, aber im Prozess Ideen zu entwickeln ist oft der beste Weg“, erklärt Schmidt. „Ich bin primär kein Klimaplaner, sondern Gestalter!“
Neben der Grünen Wand zeichnet sich Schmidts hochspezialisiertes Team inzwischen für eine Reihe markanter Projekte verantwortlich, wie zum Beispiel die sogenannten „Hängenden Gärten“ in den von Herzog de Meuron konzipierten Fünf Höfen in der Münchner Innenstadt. Den Entwurf der Baseler Architekten hat Schmidts Münchner Partner Bernhard Häring pflanzenphysiologisch umgesetzt: Aus rund 14 Metern Höhe baumeln acht bis zehn Meter lange, efeuartige Ranken von der Decke der mehrstöckigen Shoppingmall. Da fehlen nur noch ein paar Kolibris und Schmetterlinge, um die Illusion vom inszenierten Dschungel perfekt zu machen. Ein Stück kontrollierte Wildnis, umgeben von Designerläden, Cafés und Ausstellungsräumen. Ein anderes Projekt des Büros sieht beispielsweise die Begrünung für die Münchner SWM-Hallenbäder vor.

Natur in der Nische
Noch gilt die neuartige Indoor-Begrünung als Nische. Wie gut man das sogenannte Corporate Green in das Corporate Design eines Unternehmens integrieren kann, hat man auch schon im Ausland verstanden. Neben einem Spa im Moskauer Grand Hyatt Hotel plant das Büro derzeit für die Bank of America die Begrünung des neuen Headquarter Towers in Charlotte, North Carolina, das die Architekten Perkins + Will aus Chicago realisieren. Hier bildet die Verbindung von Ökologie und Ökonomie ein anspruchsvolles Leitthema, das verschiedene Elemente transportiert: Von der Wasserwand über die inzwischen gut etablierte GrüneWand® sollen Wintergärten entstehen, die 21 Meter hoch und 14 Meter breit sind, dazu kommen acht sogenannte Skygärten – verglaste Erker, die neuen Lebensraum für großzügig dimensionierte Pflanzenelemente bieten.
Grenzen sprengende Botanik
Mit seinen senkrechten Pflanzenwänden, den „murs végétaux“, hat sich auch Patrick Blanc , Botaniker des CNRS (Centre Nationale de la Recherche Scientifique) einen Namen gemacht. Er eröffnet dem Grün gern neue Perspektiven, so auch bei seinem spektakulärsten Projekt: Für das von Jean Nouvel geplante und Mitte 2006 eröffnete Musée du Quai Branly verwandelte er die Fassade des Verwaltungstrakts in einen vertikalen Garten, für den er 15.000 Pflanzen – 140 Arten aus der ganzen Welt – auf 800 Quadratmeter verteilte. Ein symbolträchtiger Akt, denn das Museum ist den unterschiedlichen Stammeskünsten und dem Dialog der Kulturen gewidmet. Zumindest die hier gedeihenden Gewächse zeigen, dass eine friedliche Koexistenz im vorgegebenen Rahmen möglich ist. Gleichzeitig wachsen sie wie selbstverständlich in der Vertikalen und stehen damit quasi für einen Richtungswechsel in neue Gefilde. Ob der in die Höhe strebende, neu formatierte Pflanzenbewuchs mehr ist als nur ein Trend, bleibt abzuwarten. Ein Hinweis, gewohnte Denkschemata zu verlassen, ist er allemal. Alles im Grünen Bereich, bleibt da festzustellen.
Links

indoorlandscaping GmbH

www.indoorlandscaping.de

Mehr Stories

Homeoffice 2.0

Utensilien für eine neue Dauerhaftigkeit

Revolution aus dem Off

Der 3D-Druck beweist sich als eine Notlösung

Salone del Mobile 2020 wird verschoben

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

I am Office

Der Mensch ist verantwortlich für Wandel der Arbeitswelt

Arbeiten im Multispace

Wie der rasante Wandel der Arbeitswelt Büroräume verändert

Ratgeber Büro: Arbeiten im Wohnzimmer?

Strukturelle und räumliche Bewegung

Sitzen 4.0

Büromöbel von Wilkhahn meistern die Herausforderungen unserer Zeit

Büro nach Maß

Customized Furniture von Girsberger

Neue Arbeitswelt

Maßgeschneiderte Bürowelten von Planmöbel

KI versus Planungsbüro

Wilkhahn-Symposium über das Bauhaus und die Digitalisierung

Rudolph Schelling Webermann

Wir waren zu Besuch im Hannoveraner Studio

Studio Visit: Kuehn Malvezzi

Die Berliner Architekten arbeiten ohne Papier und Türen

Lucie Koldova: Black Box im White Cube

Kompakte Box im offenen Raum: Lucie Koldova führt ihr Studio in einer alten Autowäscherei in Prag.

Move it: Fünf Stühle fürs Büro

Nicht ohne Grund gilt der Bürostuhl als Königsdisziplin des Möbeldesigns. Fünf Neuheiten der Orgatec 2018.

Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Ein Spaziergang auf der Orgatec zeigt, was das bedeutet.

Werksbesuch Steelcase: Innovation von Herzen

Auf über sieben Etagen führt Steelcase zum einen vor, wie seine Möbel in Aktion wirken.

Das Büro der Zukunft: Multispace

Eine Studie des Fraunhofer Instituts zeigt, welche Effekte die Bürogestaltung auf die Arbeit hat.

Das Licht am Arbeitsplatz der Zukunft

Die Leuchten von Waldmann sind für das Arbeiten von morgen schon heute bereit.

Orgatec 2018: Arbeit neu denken

Die Orgatec hat sich zu einer Leitmesse für moderne Arbeitswelten etabliert. Ein Preview.

Szenenwechsel mit Konstantin Grcic

Er braucht viel Licht und einen festen Ort. Ein Studiobesuch in Berlin.

Gentle Monster: Eine Fashion-Dystopie

Hochwertige Sonnenbrillen kauft man beim Optiker? Diese Zeiten sind vorbei.

In die weite Welt

Cor konfektioniert zunehmend Möbel für das Objektsegment

Coworking mit Ruhe: Messehalle als Labor

Ein Reality-Check: CoWork Lounge BuzziSpace und Inform Contract in Vancouver.

Raus aufs Land

Ein Workshop auf der Wiese in Biesental von USM und UNStudio

Wir können große Sprünge machen

Wilkhahn ruft Architekten und Ingenieure zu mehr Wagnis auf

Auf Höhe der Zeit

Traditionelle Hocker von Girsberger in zeitgemäßem Design

Freunde des Hauses: Architekturmodelle

Ein Fotoessay mit Modellen von OMA, Barkow Leibinger, EM2N, Annabelle Selldorf bis Pezo von Ellrichshausen.

Werksbesuch: Design of Silence

BuzziSpace liefert durchdachte Produkte zur Lärmreduktion, die gut aussehen und funktionieren.

MVRDV und die Villa VPRO: Ein Büro, das sich entfaltet

Anarchische Idee, Experiment und kompromisslose Umsetzung: das Erstlingsprojekt von MVRDV.

COR Lab

Vier Designteams für den wohnlichen Workspace