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Make-up – Design der Oberfläche

von Claudia Simone Hoff, 12.10.2010


Fällt das Wort Make-up, hat wohl jeder seine ganz eigenen Assoziationen. Und die sind nicht unbedingt positiv, verbindet man mit diesem Begriff doch gemeinhin die schnöde Oberfläche. Doch hinter ihr verbirgt sich oft etwas ganz anderes als das zuerst Wahrgenommene. Das ist nicht nur bei Menschen so, sondern auch bei Produkten – in Kosmetik, Mode, Architektur und Design. Genau um die Gestaltung der Oberfläche geht es in einer Ausstellung, die zurzeit im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen ist.


Hier werden 200 Produkte aus der umfangreichen Designsammlung des Hauses in den Kontext von Oberfläche und Wirkung gestellt. Unterteilt ist die Ausstellung in sechs übergeordnete Themenbereiche, die sich jeweils mit einem speziellen Aspekt der Oberflächengestaltung beschäftigen und die Vielschichtigkeit des Themas verdeutlichen.

Ausstellungsparcours 1: Geschminkt, Lichtregie, Haptik

Während sich das Kapitel Geschminkt mit der Kraft der Farbe, der Materialität des Mediums und der Technik des Farbauftrags auseinandersetzt, beschäftigt sich der Themenkomplex Lichtregie damit, wie Lichtreflexionen an der Oberfläche die Wahrnehmung der Form bestimmen. Hier geht es vor allem um die Gegenüberstellung von glänzenden und matten Oberflächen. Der Ausstellungsbereich Haptik hingegen zeigt eindrücklich, dass geprägte, gehämmerte und gegossene Oberflächen neben dem visuellen auch den Tastsinn ansprechen – wie überhaupt die Oberflächen die Sinne verbinden. Zudem erzeugen dreidimensionale Oberflächen feine Licht- und Schattenspiele, die ganz bewusst eingesetzt werden, denn: Unterschiedliche Oberflächen setzten unterschiedliche Assoziationsketten in Gang und diese wiederum verbinden das Produkt mit einer bestimmten Idee und einem – im besten Fall vom Unternehmen gesteuerten – Image. Was beispielsweise wären iPhone oder iPad ohne ihre glänzenden Oberflächen?

Ausstellungsparcours 2: Bild, Funktion, Spur

Geht es beim Themenbereich Bild vor allem um die Strategie der Materialimitation – seit dem Aufkommen der digitalen Druckverfahren in den neunziger Jahren bei Designern besonders beliebt – setzt sich die Ausstellung auch mit der Funktion von Oberflächen auseinander. Denn Oberflächen bieten Schutz vor Hitze, Kälte, Stößen, Säure, UV-Licht oder Schmutz. Sie stehen aber auch für schwer vermittelbare Werte, wenn beispielsweise eine Küchenfront hochglänzend daherkommt und damit Sauberkeit suggerieren soll. Dass Dinge sich mit dem Gebrauch verändern – damit beschäftigt sich der Ausstellungsteil Spur. Alterung wird einerseits absichtlich herbeigeführt – wenn beispielsweise eine Vase in Craquelé-Technik oder ein Möbelstück in Vintage-Optik gestaltet ist – und will andererseits mit allen Mitteln verhindert werden wie diverse Möbelpolituren, Schuhcremes oder Anti-Aging-Kosmetikprodukte beweisen.

200 von 20.000

Ausgestellt in der Zürcher Schau sind 200 Preziosen aus der Designgeschichte im Obergeschoss des Museumsgebäudes aus den dreißiger Jahren – sie alle sind eingeordnet in eines der sechs Oberthemen. Die Kuratoren hatten die Qual der Wahl aus insgesamt 20.000 Stücken der Sammlung. Empfangen wird der Besucher von kunterbunten, auf den Boden gestellten Farbtöpfen. Hier wird aber nicht gemalert, hier wird hingewiesen auf das Thema der Ausstellung. Und so ist dann auch der erste Präsentationstisch mit Lacken und Farben bestückt, die ganz verschiedenen Zwecken dienen: So gibt es neben Lacken für den Automobilhersteller Opel auch Nagellackmuster auf künstlichen Fingernägeln zu bestaunen, wie man sie von Drogeriebesuchen kennt. Und bereits zu Beginn des Ausstellungsparcours’ wird deutlich: Je nach Form und Funktion verändert sich auch die Wirkung der Farbe. Und der Besucher, der ja immer auch Verbraucher ist, wird sogleich mit der Frage konfrontiert: Wie möchte ich aussehen, welchen Look möchte ich haben?

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Der Auseinandersetzung mit der eigenen Oberfläche – dem lässt sich nicht entkommen in der Ausstellung. Es wird einem der Spiegel vorgehalten – und das in der doppelten Wortbedeutung. Der Zürcher Designer Moritz Schmid, verantwortlich für die Szenografie der Ausstellung, arbeitet nämlich mit runden, von der Decke hängenden Spiegeln aus Verbundsicherheitsglas. Sie dienen nicht nur als Raumtrenner zwischen den einzelnen Thementischen und -bereichen, sondern spiegeln sämtliche Personen und Objekte im Raum. Ein Podest am Eingang der Ausstellung präsentiert Klassiker des Tabletop-Designs, so beispielsweise Walter Gropius’ Teekanne TAC für Rosenthal mit dem Dekor Bauhaus-Hommage sowie ein erstaunliches Redesign der Moka Express von Bialetti, 1933 von Alfonso Bialetti entworfen. Ein anderer Italiener, Alessandro Mendini und sein Studio Alchemia, macht knapp fünfzig Jahre später etwas ganz anderes aus dem Alltagsobjekt: ein auffälliges Artefakt, dessen Wasserbehälter übertrieben in die Höhe gezogen und ebenso wie die Kanne grell-bunt gestreift ist. Und schon wird aus der millionenfach in italienischen Haushalten genutzten, achteckigen Aluminiumkanne ein kunstähnliches Objekt – wie überhaupt in der Postmoderne eine Neubewertung der Oberfläche einsetzt.

Glänzend versus matt

Dieses Beispiel zeigt: Die Beschaffenheit der Oberfläche ist entscheidend für die Wahrnehmung eines Produkts. Die scheinbar banale Erkenntnis wird in der Ausstellung anschaulich gemacht an einer Möbelikone, die in zwei verschiedenen Oberflächenversionen präsentiert wird: der Panton Chair von Verner Panton in der glänzenden, ursprünglichen Version wird der in den neunziger Jahren lancierten matten Version gegenübergestellt. Es ist nicht nur so, dass letztere wesentlich preiswerter ist, sie wirkt aufgrund der matten Oberfläche weit weniger skulptural und wertig. An diesem Beispiel wird deutlich, dass gerade bei reduzierten Formen die Wahl der Oberfläche von entscheidender Bedeutung ist.
 
Glanz versus Mattigkeit ist eines der Gegensatzpaare in der Ausstellung, das ausführlich behandelt wird. Und da ist es nicht weiter erstaunlich, dass einer der Ausstellungstische den Titel Spiegelglanz/ Lichtregie trägt. Darunter subsumieren die Ausstellungsmacher so unterschiedliche Produkte wie Toaster, Lampen aus den zwanziger Jahren oder Produkte unserer Zeit wie den Hocker Plopp von Oskar Zieta, den Wasserkessel Pito von Frank Gehry für Alessi oder das Besteck KnifeForkSpoon, das Jasper Morrison für die italienische Designschmiede gestaltet hat. Während die Objekte mit dem silbrigen Glanz und der Brechung des Lichts in der Oberfläche spielen, gibt es auch Glanz, der farbenfroh ist. Und so finden sich in der Ausstellung eine pulverbeschichtete Aluminium-Flasche von Sigg sowie Swatch-Uhren aus Kunststoff aus der Anfangszeit des Herstellers. Wie Oberflächen mit dem Phänomen von Licht und Schatten spielen, wird hingegen am Themenkomplex Irisierend/ Lichtregie am Beispiel der Pendelleuchte Hope von Francisco Gomez Paz für Luceplan demonstriert: Hier evozieren zahlreiche Linsen aus Polycarbonat einen funkelnden Effekt mit vielfachen Schattierungen und Lichtreflexionen.

Achtung: nicht anfassen!
 
Dass aber auch das Matte durchaus seinen Reiz hat, beweisen der Treteimer Tip von Konstantin Grcic für Authentics, der Türstopper Rock von Marc Newson für Magis oder das Porzellanservice Lightscape von Ruth Gurvich für die Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Spätestens an diesem Objekt bekommt der Besucher Lust, es zu berühren. Dass dies verboten ist – wir sind schließlich in einem Museum! – mag manch einen Besucher betrüben. Denn schließlich bedeutet Oberflächendesign auch immer die Beschäftigung mit dem Tastsinn, mit der Haptik. Etwas Glattes fühlt sich anders an als etwas Mattes, Leder anders als Seide und Glas anders als Kunststoff. Diese eigentlich banale Erkenntnis kommt dem Besucher vielleicht in den Sinn, wenn er mit Dingen konfrontiert wird, deren Oberfläche als etwas erscheint, was sie bei genauerer Betrachtung gar nicht ist. Wäre solch eine Illusion Anfang des 20. Jahrhunderts vom Kunsthistoriker und Museumsleiter Gustav E. Pazaurek noch in seiner, im Stuttgarter Landesgewerbemuseum eingerichteten Abteilung der Geschmacksverirrungen gelandet, scheuen Designer heute nicht mehr davor zurück, Oberflächen nachzuahmen. So hat beispielsweise der Zürcher Designer Jörg Boner für das Kochstudio Cookuk in Aarau hölzerne Tischoberflächen mit hochdrucklaminierten Digitalprint nachgeahmt und bewusst als Stilmittel eingesetzt. Dass Surrogate durchaus ihren Reiz haben können – das hat sich also bis in die Schweiz herumgesprochen.


Weitere Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung Make up – Design der Oberfläche ist noch bis zum 2. Januar 2011 im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen. Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen:

Renate Menzi/ Museum für Gestaltung Zürich (Hrsg.)
Mit einem Essay von Kenya Hara:
Make up – Design der Oberfläche/ Designing Surfaces
Museum für Gestaltung Zürich, Designsammlung
Ludwigsburg (avedition) 2010 (Reihe Design Collection 03)
D/ E, 96 Seiten, ca. 200 Abbildungen, 24,90 Euro
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Links

Ausstellungsort

Museum für Gestaltung, Zürich

www.museum-gestaltung.ch

Szenografie

Moritz Schmid, Zürich

www.moritz-schmid.com

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