Stories

Modell Bauhaus

von Claudia Simone Hoff, 22.07.2009


Die Ausstellung „Modell Bauhaus“ ist – auch wenn man das Wort kaum in den Mund nehmen mag – grandios. Von heute an kann der Designbegeisterte sie fast vier Monate im Berliner Martin-Gropius-Bau besuchen. Und eines sei vorweg empfohlen: Einen ganzen Tag sollte man sich auf jeden Fall Zeit nehmen, um all diese Trouvaillen aus Design, Kunst und Architektur auf sich wirken zu lassen. Erarbeitet vom Bauhaus-Archiv Berlin sowie der Stiftung Bauhaus Dessau und der Klassik Stiftung Weimar in Kooperation mit dem Museum of Modern Art in New York zeigt die Ausstellung, was das Bauhaus einst war: ein scheinbar unerschöpfliches Laboratorium des gestalterischen Schaffens, das auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat. Designlines hat sich in der Ausstellung auf Entdeckungsreise begeben und allerlei Schönes, Nützliches, Bekanntes, Neues und gar Erstaunliches für Sie herausgepickt.

 
Und das war wahrlich gar nicht so einfach, werden im Erdgeschoss und Lichthof des altehrwürdigen Martin-Gropius-Baus doch über 900 Objekte ausgestellt, darunter Gemälde, Skulpturen, Möbel, Architekturmodelle und -zeichnungen, Spielzeug (herrlich die Handpuppen in geometrischen Formen von Eberhard Schrammen!), Haushaltsgegenstände, Buchkunst, Teppiche oder Kleider – sämtliche Bauhaus-Werkstätten sind mit herausragenden Beispielen vertreten. Mal von sehr bekannten Namen wie Marcel Breuer, Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe, dann wieder von noch zu entdeckenden Bauhäuslern wie Grete Reichardt, Lis Volger oder Naum Slutzky.

Von Berlin in die weite Welt

Zum ersten Mal gibt es eine umfassende Ausstellung zum Thema Bauhaus in Berlin und sie wird – was die kulturelle Bedeutung dieser Institution noch zu unterstreichen vermag – im November nach New York weiterwandern. Dort eröffnet die Ausstellung dann unter dem Titel „Bauhaus 1919 – 1933: Workshops for Modernity“ genau am 80. Geburtstag des Museums ihre Pforten. Damit wird erinnert an den Gründungsdirektor Alfred Barr, der übrigens 1927 Gast am Bauhaus in Dessau war und die drei Tage dort als die wichtigsten seiner beruflichen Bildung ansah, wie Barry Bergdoll – Chefkurator für Architektur und Design am MoMa, kolportiert. Wissenschaftler, Architekten und Designer arbeiten seit fünf Jahren an diesem Projekt. Viel Mühen, Recherchen, Diskussionen und drei Millionen Euro später ist der vorläufige Höhepunkt dieser Zusammenarbeit nun in Berlin zu bestaunen.
 
Zwischen heute und gestern

Die Ausstellung gliedert sich in zwei Bereiche: Im herrlichen Lichthof des Martin-Gropius-Baus sind zwei Installationen zu sehen, die die anhaltene Präsenz des Bauhauses demonstrieren sollen: Ilka und Andreas Ruby befragen in ihrer Video-Installation „Endless Bauhaus“ Architekten und Designer zur heutigen Bedeutung des Bauhauses, die amerikanische Künstlerin Christine Hill und ihr Label Volksboutique schufen die raumgreifende Installation „Do-It-Yourself Bauhaus“. Diese beschäftigt sich mit der Trivialisierung des Bauhaus in der heutigen Konsum- und Alltagskultur (wie passend, dass der Museumsshop gleich daneben angesiedelt ist ...). Hier kann der Besucher auf veritablen Ikea-Sofas lümmeln, auf Karopapier seine Wunschwohnung aufzeichnen und allerlei Kurioses (und nicht immer ganz ernst Gemeintes) zum Thema Bauhaus bestaunen. Vom Lichthof aus zweigen verschiedene Wege in die Galerieräume ab. Dort wird anhand von 18 Stationen die Geschichte des Bauhauses von seiner Gründung 1919 bis zu seinem erzwungenen Ende 1933 nachvollzogen. Dabei geht die Reise entlang der Stationen des Bauhauses von Weimar über Dessau bis nach Berlin.
 
Der Besucher wird durch die Menge der Exponate mithilfe des ausgeklügelten Ausstellungsdesigns der Szenografen chezweitz & roseapple geführt, das die drei Phasen des Bauhauses in Weimar, Dessau und Berlin räumlich erlebbar macht. Da ist zum einen eine an den Farbkreis von Johannes Itten angelehnte Farbpalette, die von einem hellen Gelb, das das Gründungsjahr des Bauhauses markiert, bis zu einem tiefen Schwarz, das dem Ende des Bauhauses zugewiesen ist, changiert. Nicht nur die jeweiligen Grafiken sind dann in diesen Farben gehalten, sondern beispielsweise auch die Podeste, auf denen die Exponate stehen. Je weiter die Ausstellung fortschreitet, desto lichter wird die Ausstellungsarchitektur. Ballen sich die Ausstellungsgegenstände in den ersten Räumen noch zu einer unglaublichen Dichte aus wertvollen Exponaten – und verdeutlichen damit auch visuell die Einflüsse, die von außen auf das Bauhaus wirkten – so wird die Architektur in den nachfolgenden Räumen offener und klarer. Möbelstücke werden in Regalen – die sich an der berühmten Dessauer Bauhaus-Glasfassade von Gropius orientieren – und auf Ausstellungsinseln präsentiert oder die Gestalter spielen ganz direkt mit den ausgestellten Objekten. Etwa in Raum 17 („Raumgefasster Zeitwille“), der Mies van der Rohes legendären Barcelona-Pavillon und das revolutionär-moderne Tugendhat-Haus im tschechischen Brünn zum Thema hat. Verspiegelte Wände und holzverkleidete Vitrinen – ähnlich dem halbrunden Raumtrenner aus Makassar-Holz in der Brünner Villa – lassen direkte Assoziationen zu beiden Architekturprojekten des letzten Bauhaus-Leiters zu.
 
Die neue Wohnung

Was gibt es in diesen 18 Räumen nicht alles zu entdecken, insbesondere die Möbel haben unser Interesse geweckt: ein Jahrzehnte verschollener und folkloristisch-afrikanisch anmutender Stuhl aus bemalter Eiche und Kirschholz von Gunta Stölzl und dem „Guru des Stahlrohrmöbels“ Marcel Breuer (1921), eine herzige, farbig gefasste Kinderwiege aus Holz von Peter Keler (1922) oder ein „Drehbares Büchertischchen für das Wohnzimmer der Dame“ des Hauses Sommerfeld in Berlin von Walter Gropius und Adolf Meyer (1922). Und da diese Originale nicht auf dem Markt zu haben sind und auch für die meisten von uns schlichtweg unbezahlbar wären, sind in der Ausstellung auch ein paar Bauhaus-Klassiker zu sehen, die noch produziert werden und gerade noch erschwinglich sind: die berühmte Bauhaus-Leuchte „MT 8/ME 2“ von Wilhelm Wagenfeld, Marianne Brandts „Aschenschale mit Zigarettenablage“ oder die Vorratsdosen von Theodor Bogler, die er einst für das Weimarer Haus am Horn erdachte. Raum 08 („Kunst und Technik – Eine neue Einheit“) stellt das kunsthandwerkliche Wirken des Bauhauses dar und umfasst insbesondere die Arbeiten aus den Metall-, Möbel- und Weberei-Werkstätten. Gropius hatte seit 1910 Vorschläge zur Lösung der Wohnungsfrage auf Basis neuester Materialien, Technologien und Planungsverfahren erarbeitet. So plädierte er beispielsweise für die Normung von Bauelementen und die Typisierung von Grundrissen.
 
Auf dem riesigen Podest in der Mitte dieses Raumes stehen neben Erich Brendels „Teetisch“ aus Mahagoni und Nadelholz (1924) Silberwaren von Wilhelm Wagenfeld und Josef Albers wie eine Kaffeekanne, eine Fruchtschale und ein Teeservice, aber auch lackierte, aus Buchenholz gefertigte Kinder- und Küchenstühle von Marcel Breuer. Und dazu passend wird ein geometrischer „Stoff als Musterware“ präsentiert. Im selben Raum hat der Besucher auch die Möglichkeit, einen Blick in das (alltägliche) Leben von Gropius zu erhaschen: Der aus dem Jahr 1926 stammende Stummfilm mit dem vielsagendem Titel „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich?“ zeigt das Haus des Bauhaus-Meisters. Und so kommt der Betrachter in den Genuss einer Hausführung mit Dame einschließlich Demonstration des hochmodernen Interieurs mit elektrischen Installationen, Bibliothek, Stahlrohr-Chaiselongue und „idealer“, schwenkbarer Leselampe.
 
Bauhaus Berlin: letzte Klappe

Begeistert und euphorisiert von den wunderbaren Objekten im letzten Raum („Bauhaus Berlin – Das letzte Jahr“) der Ausstellung angelangt, wird der Besucher mit der harten Realität konfrontiert: Nach nur 14 Jahren musste das Bauhaus 1933 schließen – unter den Nationalsozialisten war kein Platz mehr für die künstlerische Avantgarde und ihre bahnbrechenden Ideen. Dabei hatte Ludwig Mies van der Rohe, der letzte Leiter des Bauhauses, noch 1932 gehofft: „Wir werden etwas sparsamer leben müssen, aber das wird keinen nachteiligen Einfluß auf unsere Arbeit haben. Im Gegenteil.“
 
 
 
Veranstaltungs- und Buchtipps:

Im Martin-Gropius-Bau findet neben der Ausstellung „Modell Bauhaus“ bis zum 5. Oktober 2009 auch die Retrospektive „Le Corbusier – Kunst und Architektur“, die vom Vitra Design Museum mit hochkarätigen Wissenschaftlern konzipiert wurde, statt.
 
Zur Ausstellung „Modell Bauhaus“ wurde ein umfangreiches Begleitprogramm mit diversen Architekturführungen, Vorträgen, Buchvorstellungen, Workshops, Filmnächten und einem Symposium erarbeit, über das man sich hier informieren kann:
 
www.modell-bauhaus.de
 
Zur Ausstellung „Modell Bauhaus“ ist im Hatje-Cantz-Verlag ein aufwändig gestalteter Katalog erschienen:

Bauhaus-Archiv Berlin, Museum für Gestaltung/Stiftung Bauhaus Dessau/Klassik Stiftung Weimar (Hrsg.):
Modell Bauhaus
Ostfildern 2009
376 Seiten mit 315 farbigen Abb.
gebunden mit Schutzumschlag; 39,90 Euro (im Buchhandel)
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Links

Modell Bauhaus

www.modell-bauhaus.de

Schwerpunkt Bauhaus

www.designlines.de

Stiftung Bauhaus Dessau

www.bauhaus-dessau.de

Bauhaus-Archiv Berlin

www.bauhaus.de

Klassik Stiftung Weimar

www.klassik-stiftung.de

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