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Nature Design - Vom Blob zur Bionik

von Tanja Pabelick, 22.04.2008


Mutter Natur ist nicht nur den Ingenieuren zur Quelle von Inspiration und Innovation geworden, auch immer mehr Designer und Architekten entlehnen der Evolution Formen und Funktionen bei der Gestaltung ihrer Objekte. Verantwortlich dafür sind vor allem zwei Faktoren: Zum einen erlauben die technischen Möglichkeiten mittlerweile den Blick auf das kleinste Molekül und die feinste Oberflächenstruktur, die dann mithilfe moderner Produktionsverfahren auf die Objektwelt übertragen werden können. Zum anderen ist eine Abwendung von der durch Beton und Technik dominierten Moderne hin zu einer Formensprache zu beobachten, die der natürlichen Umwelt entlehnt ist. Ganz neu ist das allerdings nicht, denn schon in den 1960ern feierte man das Blob-Design und bereits 1951 wurde der Ingenieur Georges de Mestral von der Klette zu seinem populären Klettverschluss inspiriert. Woher also kommt das erneute und immer stärker werdende Interesse der Gestalter für natürliche Materialien, ornamentale Formen und die organische Abrundungen?
Das Ende des Paradieses
Schon immer hat der Mensch die Natur in seinem Schaffen thematisiert und ihre Gesetzmäßigkeiten auf seine Artefakte übertragen: Leonardo da Vinci entwickelte seinen Flugapparat nach dem Vorbild der Vogelschwingen, im Jugendstil wurden Flora und Fauna romantisch interpretiert und Mitte des 20. Jahrhunderts boomte das organische Design. Was sich im Laufe des vergangenen Jahrhunderts jedoch verändert hat, ist das Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten und Strukturen der Natur, die dadurch ihrer Mystik beraubt und scheinbar beherrschbar wurde. Und noch etwas hat sich gewandelt: Mit der Industrialisierung ist die Umwelt verletzlich und vergänglich geworden und hat für den Menschen ihre Selbstverständlichkeit verloren. „Natur wird zum Thema, weil sie Mangelware ist“ stellte dazu der Philosoph Gernot Böhme fest. Als Folge tritt die künstlich geschaffene Umwelt in den Dialog mit der Natur und der private Raum wird zum künstlichen Paradies erhoben: Er wird zum Schutzraum des Individuums und muss ihm die Kontinuität und Geborgenheit bieten, was die Natur scheinbar nicht mehr zu leisten vermag.
Der Designer wird zum Künstler, der sich von der kühlen Erscheinung von Minimalismus und Moderne distanziert und die Natur in ihrer Formensprache nicht nur interpretiert, sondern auch überzeichnet. Dabei werden Anleihen aus allen Bereichen genommen: Materialität und die vier Grundelemente, Landschaft und Topographie, Tierwelt und Vegetation. Besonders florale Elemente, und damit auch das Dekorative, erleben derzeit eine Renaissance. Bekannte Beispiele hierfür sind etwa Patricia Urquiolas Liege Antibodi oder der gerade auf der Mailänder Möbelmesse präsentierte Stuhl Bouquet von Tokujin Yoshioka, die sich beide sowohl in ihrer Stofflichkeit, als auch in ihrer Struktur auf eine Blüte beziehen. Die Architektin Zaha Hadid hingegen ist bekannt für ihre dynamische Interpretation von Landschaften, die, ganz gleich ob es sich bei dem jeweiligen Entwurf um ein Sitzmöbel oder ein Gebäude handelt, an die weiche Topographie von Gletschern oder Eisbergen erinnern. Ross Lovegrove, Karim Rashid oder auch der Meister des aerodynamischen Phantasiedesigns Luigi Colani hingegen sind Vertreter einer organischen Gestaltung, die durch ihre Rundungen natürlich zu sein scheint, tatsächlich aber in der eben erwähnten Übersteigerung nicht mehr als ein – ästhetisch durchaus gelungenes - Zitat ist.
Der Designer als Schöpfer
Neben der rein romantischen und vorrangig dekorativen Interpretation finden sich auch immer mehr Entwürfe, die natürliche Prozesse nachahmen. Möglich ist das vor allem durch die Entwicklung intelligenter Materialien wie feuchtigkeits- oder drucksensibler Werkstoffe oder Bimetallen und Thermoplaste, die sich bei Wärme verformen und dem Gestalter die Möglichkeit geben Produkte auf Umwelteinflüsse reagieren zu lassen. Das japanische Designbüro Nendo hat aus eben solchen Bimetallen eine Leuchte entwickelt, die in angeschaltetem Zustand durch die Erhitzung der Glühbirne langsam „aufblüht“ und damit die pflanzliche Reaktion auf den Tagesanbruch imitiert. Die Funktionsweise ist ganz einfach: zwei Metalle, die sich bei Wärme unterschiedlich stark ausdehnen werden miteinander verbunden: Durch die Erwärmung biegt sich der Verbundwerkstoff oder rollt sich sogar auf. Für die Leuchte Hanabi heißt das: Schaltet man das Licht aus, schließt sich der stilisierte Blütenkorb mit dem Erkalten langsam wieder – ganz wie beim natürlichen Vorbild.
Der Designer als Evolutionsbiologe?
Interessant und auf gewisse Art kurios ist die Tatsache, dass gerade moderne Hochtechnologien der Natur besser zu „passen“ scheinen als frühere Versuche der Imitation und Interpretation. Und so wird auch das bisher fast ausschließlich von den Ingenieuren beackerte Feld der Bionik für die Designer immer reizvoller. Nicht nur, dass man durch die Entschlüsselung der Geheimnisse von Mikro- und Makrokosmos neue Naturgesetze entdeckt und ein Verständnis für die Komplexität natürlicher Konstruktionen entwickelt hat, man ist auch zunehmend in der Lage diese durch CAD und moderne Fertigungsverfahren nachzubilden. Der niederländische Designer Joris Laarman präsentierte im letzten Jahr seinen Bone Chair, bei dem das Wissen über die Stabilisierung von Skeletten auf die Konstruktion eines Stuhles übertragen wurde. Als Werkzeug diente ihm eine Software, die ursprünglich entwickelt worden war, um das Gewicht von Bauteilen in der Automobilindustrie zu minimieren: Sie reduziert wo möglich und stabilisiert wo nötig. Hätte die Evolution einen Stuhl hervorgebracht – es wäre zumindest vorstellbar, dass das Resultat so aussieht wie der Bone Chair.
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