Stories

Ofuro, Sentō und Onsen

von Uli Meyer, 16.10.2008


Baden dient in Japan mehr als nur der Hygiene: Neben dem Körper soll sich auch der Geist vom stressigen japanischen Alltag erholen dürfen. Baden - sei es nun im heimischen Bad, dem sogenannten „
Ofuro“, oder im öffentlichen Bad dem „Sentō“ - hat aber auch eine starke soziale Komponente. Aus Japans Erde dampft also förmlich die exotische Badelust! Dabei kann es für manchen Ausländer, im Fernen Osten des Öfteren etwas despektierlich als „gaijin“, als "Mensch von draußen" bezeichnet, zu unvorhergesehenen Fettnäpfchen und peinlichen Situationen kommen.

Die japanischen Badekultur hat eine lange Tradition. Ausgrabungen haben bewiesen: Die Bewohner Nippons badeten bereits vor zehntausend Jahren in heißen Quellen. Die japanischen Inseln befinden sich an der Schnittstelle dreier Kontinentalplatten, die dem Land nicht nur eine Vielzahl aktiver Vulkane und gefährlicher Erdbeben, sondern, als positiver Nebeneffekt, viele heiße Quellen bescheren. Fast zweieinhalbtausend Kubikmeter Wasser sprudeln pro Minute aus über 25.000 Quellen, die über das ganze Land verteilt sind.

Ofuro, das private Bad

Bis vor etwa 30 Jahren hatten auf Grund der strengen Feuerschutzbestimmungen die meisten Wohnungen in Japan gar kein Badezimmer. Das hat sich mittlerweile zwar geändert, doch das japanische Bad sieht, verglichen mit dem mitteleuropäischen, immer noch grundlegend anders aus. Es besteht aus zwei unterschiedlichen Bereichen: einer fast quadratischen Badewannne und dem Bereich außerhalb der Wanne. Hier schöpft man mit Hilfe kleiner Schüsselchen heißes Wasser aus der Wanne, um sich erst einmal gründlich abzuschrubben und ausgiebig zu waschen. Erst danach begibt man sich in das über 40 Grad Celsius heiße Badewasser. Die Hitze gilt als Voraussetzung für völlige Entspannung. Sehr wichtig ist es, sich vor dem Wannenbad gründlich vom Seifenschaum zu befreien, um das Badewasser nicht zu verunreinigen. Bis zum 19. Jahrhundert verwendete man in Japan übrigens keine Seife, sondern rieb die Haut mit bestimmten Kräutern oder Reiskleie ab: gleichzeitig ein natürliches Peeling.

Öffentliches Baden im Sentō


Seit dem 13. Jahrhundert entwickelte sich in Japans Städten  eine öffentliche Badekultur, die hier bis heute eine wichtige soziale Funktion einnimmt. Man besuchte öffentliche Waschhäuser, die es zahlreich und in unmittelbarer Nachbarschaft gab. Viele dieser Sentos sind bis heute erhalten: Die Dusche zuhause ersetzt offenbar nicht vollständig das wohltuende Bad in gemeinschaftlicher Runde. Dieser soziale Aspekt eines Besuches im Sento ist kaum zu unterschätzen. Man kennt sich, trifft sich für eine Stunde beim Waschen und pflegt den nachbarschaftlichen Kontakt. In den Sentos scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Sie sind vielfach immer noch in Familienbesitz, die Atmosphäre ist von nostalgischem Charme geprägt. Doch sind viele der Badehäuser baufällig und, wie die traditionellen Stadtteile, in denen sie stehen, vom Abriss bedroht. Eine Kultur droht zu verschwinden oder passt sich den Notwendigkeiten einer schnelllebigeren Zeit an: Man trifft im Sento nicht mehr den langjährigen Nachbarn, sondern nur noch Touristen und Fremde.

Onsen: Himmlische Qualen in heißen Quellen

Genau wie das Sento ist ein Onsen ein öffentliches Bad, mit dem Unterschied, daß das Onsen über eine natürliche heiße Quelle verfügt, die zumeist aus nahgelegenen Vulkanen gespeist wird. Die meisten Onsen findet man auf dem Land, doch es gibt auch ein paar in Städten. In Tokio gibt es 25 solcher Badehäuser.
In den Onsen, die von keinem nahegelegenen Vulkan mit heißem Wasser versorgt werden, beheizt man das Wasser künstlich und versetzt es mit therapeutisch wirkenden Kräutern. Städte mit vielen Onsen sind in Japan Kurorte nach westlichem Vorbild und man erkennt sie daran, dass ihrem Namen ein „-Onsen“ ängehängt ist. Viele Onsen haben auch andere Spa-Einrichtungen: künstliche Wasserfälle, Massageangebote und Saunen. Dennoch haben sich einige der berühmtesten, wie das Tsuru-no-Yu in Akita, ihre Ursprünglichkeit erhalten und verzichten auf solche Zusatzangebote.

Das Onsen dient heute in der japanischen Kultur vornehmlich zum Entspannen nach der Arbeit. Wie auch beim Sento wäscht man sich vor dem Eintauchen in ein Onsen-Becken gründlich. Vor dem Bad gibt es einen Umkleidebereich, in dem die Kleidung in einen Korb oder ein Schließfach abgelegt wird. Zur Onsen-Ausrüstung gehört ein kleines Handtuch, das man zum Schweißabwischen auf die Stirn legen kann, außerdem kann man es schamhaft vor den Intimbereich halten. Und auch hier gilt: Bevor man ins Wasser steigt, nimmt man sich ein kleines Bänkchen und eine Schüssel und begibt sich zu einem der zahlreichen Waschplätze mit Kalt- und Warmwasser an einer Wand des Baderaumes.
Geduscht wird dort im Sitzen auf dem Bänkchen, oder man überspült sich mit Wasser aus der Schüssel. Frisch gepflegt steigt man dann ins Badebecken. Da das Wasser in der Regel sehr heiß ist, sollte man nicht zu lange darin verbringen und vor dem Eintauchen unbedingt die Temperatur mit dem Fuß testen.

Fauxpas, Missgeschicke und Tücken

Wer noch nie in einem Onsen war, sollte sich zunächst mit dem Regelwerk des japanischen Badens vertraut machen. Die meisten Regeln betreffen dabei die Sauberkeit. Der ungewaschene Körper sollte, genau wie das kleine Waschtuch, auf keinen Fall mit dem Onsenwasser in Berührung kommen. Wichtig ist es allerdings auch, andere Badegäste nicht zu belästigen und dem Beckennachbarn kein Gespräch aufzwingen. Auch Spritzen und Planschen sind weniger gern gesehen. Small-Talk über die neueste Bademode also unbedingt vermeiden, um dem Klischee eines „gaijin“ erst gar keine Nahrung zu liefern.


Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Japanisches Fremdenverkehrsamt

www.jnto.go.jp

Japanisches Fotoarchiv

www.japan-photo.de

Mehr Stories

Salone del Mobile 2022

Unsere Highlights aus Mailand

Unsere Highlights aus Mailand

Arbeitsräume der Zukunft

Brunner stellt die Onlineplattform Future Works vor

Brunner stellt die Onlineplattform Future Works vor

Best-of Bad 2022

Sanitärobjekte, Armaturen, Möbel & Accessoires

Sanitärobjekte, Armaturen, Möbel & Accessoires

Mission Nachhaltigkeit

Über Nachhaltigkeit und zirkuläres Wirtschaften bei GROHE

Über Nachhaltigkeit und zirkuläres Wirtschaften bei GROHE

Badezimmer nach Maß

Flexible Badlösungen BESPOKE von LAUFEN für mehr Individualität

Flexible Badlösungen BESPOKE von LAUFEN für mehr Individualität

Diven mit Tiefgang

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

Die Trends der Keramikmesse Cersaie 2021

Zeitloser Funktionalismus

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Supersalone 2021

Die Highlights aus Mailand

Die Highlights aus Mailand

Maßstab Mensch

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Schwarze Magie im Bad

Dunkler, matter Farbtrend für Wannen & Co

Dunkler, matter Farbtrend für Wannen & Co

Renaissance der Schalter

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Best-of Salone del Mobile

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Material der Wahl

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Metallische Metamorphosen

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Fliese, Fliese an der Wand

Fünf Designstudios stellen ihre Lieblingsfliese vor

Fünf Designstudios stellen ihre Lieblingsfliese vor

Neustart in Mailand

Streifzug durch die Milano Design City 2020

Streifzug durch die Milano Design City 2020

German Design Graduates 2020

Award geht in die zweite Runde

Award geht in die zweite Runde

Berührungslos im Bad

Lösungen von Vola für ein Händewaschen ohne Ansteckungsrisiko

Lösungen von Vola für ein Händewaschen ohne Ansteckungsrisiko

Bad, Bette, bunt

Auf Entdeckungsreise mit Farben in allen Schattierungen

Auf Entdeckungsreise mit Farben in allen Schattierungen

Wie Vola die Farbe ins Badezimmer brachte

Der dänische Hersteller als Trendsetter

Der dänische Hersteller als Trendsetter

Salone del Mobile 2020 wird verschoben

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

Best-Of Materialien: Bad mit Persönlichkeit

Jenseits der funktionalen Nasszelle: unsere fünf Materialfavoriten im Bad.

Jenseits der funktionalen Nasszelle: unsere fünf Materialfavoriten im Bad.

Blauer Hoffnungsträger

Vom Umweltgift zum Wertstoff: Wie EOOS unsere Toilette revolutioniert.

Vom Umweltgift zum Wertstoff: Wie EOOS unsere Toilette revolutioniert.

Making of: Badetuch

Wir sind nach Portugal gereist, um zu sehen, wie ein Frottierhandtuch entsteht.

Wir sind nach Portugal gereist, um zu sehen, wie ein Frottierhandtuch entsteht.

ISH 2019: Not so Bad

Die Weltleitmesse der Sanitärbranche zeigt: Das Bad ist im Wohnzimmer angekommen.

Die Weltleitmesse der Sanitärbranche zeigt: Das Bad ist im Wohnzimmer angekommen.

Wasser und Wohlbefinden

Kurzfilm von Vola über das flüssige Element im Design

Kurzfilm von Vola über das flüssige Element im Design

Glitter, Glamour und Schimmer im Badezimmer

Bette fällt mit einer üppigen Farbpalette auf

Bette fällt mit einer üppigen Farbpalette auf

Wiederbelebt

Materialrecycling des dänischen Herstellers Vola

Materialrecycling des dänischen Herstellers Vola

Zuhause bei Vola

Eine Hommage an die Mitarbeiter des dänischen Armaturenherstellers

Eine Hommage an die Mitarbeiter des dänischen Armaturenherstellers

Unbegrenzte Möglichkeiten

Vola feiert 50. Geburtstag

Vola feiert 50. Geburtstag