Stories

Schlafen bei den Pilzen

von Norman Kietzmann, 16.11.2010


Im Hamburger Bahnhof in Berlin begibt sich der Künstler Carsten Höller derzeit auf die Suche nach dem wundersamen Trank Soma. Seine gleichnamige Arbeit bringt nicht nur lebendige Rentiere, Kanarienvögel, Mäuse und Fliegen in das Museum. Auch ein Bett platzierte der in Brüssel geborene Künstler inmitten des zentralen Ausstellungsraums, in dem jeweils zwei Gäste übernachten und das Museum – ausgerüstet mit einer Taschenlampe – des Nachts allein erkunden können. Ein Besuch im derzeit ungewöhnlichsten Hotel von Berlin.



Schon am Eingang weht ein leichter Stallgeruch den Besuchern entgegen. Haben sie die Türen des Hamburger Bahnhofs passiert, befinden sie sich in überraschender Gesellschaft: zwölf Rentiere, 24 Kanarienvögel, vier Mäuse und zwei Stubenfliegen bevölkern derzeit die zentrale Ausstellungshalle des Museums, von der einst die Dampfeisenbahnen in Richtung Hamburg aufbrachen. Um sie herum ein raumfüllendes Gehege mit Sandboden, elektronischen Sicherheitszäunen und wissenschaftlichen Utensilien – sie verorten die Arbeit auf halbem Wege zwischen Labor und Zoo.

In der Mitte des Raums erhebt sich ein kreisrunder Hochstand und auf ihm ein ebenfalls kreisrundes Bett. Ausgerüstet mit Minibar, dimmbaren Nachtischlampen und schwarzen Bettbezügen verwandelt es das Museum während der Ausstellungsdauer in ein temporäres Hotel, das von jeweils zwei Gästen pro Nacht gemietet werden kann. Für den Preis von eintausend Euro können diese nicht nur die unmittelbare Nähe der nachtaktiven Rentiere spüren, sondern erhalten uneingeschränkten Zugang zu allen Ausstellungsräumen des Museums, die sie gänzlich ohne Wärter oder andere Besucher besichtigen können.

Halluzinogen der Vorzeit

Dabei beginnt der Weg zu diesem Hotel mit einem Trip. Keine Anreise im herkömmlichen Sinne ist hier gemeint, sondern eine sagenumwobene, bewusstseinserweiternde Substanz. Soma heißt die Droge, die schon vor viertausend Jahren konsumiert wurde und vom Kölner Künstler Carsten Höller zum Thema dieser Ausstellung gemacht wurde. „Wir haben das Soma getrunken; wir sind unsterblich geworden, wir haben das Licht gesehen; wir haben die Götter gefunden“, lautet eine Verszeile des Rigveda, der ältesten der vier Gründungsschriften der hinduistischen Religion. Dass es Soma gab, ist angesichts der zahlreichen Überlieferungen unumstritten. Doch bis heute ist die Pflanze, aus der der berauschende Trunk gewonnen wurde, von der Forschung nicht eindeutig identifiziert.

Höller, der selbst Agrarwissenschaften studierte und mit einer Arbeit über die Geruchskommunikation von Insekten habilitierte, orientiert sich an einer Untersuchung des Amerikaners Robert Gordon Wasson aus dem Jahr 1968, der das Geheimnis des Soma gelüftet haben will. Sein Vorschlag klingt so plausibel wie banal: Es sind gewöhnliche Fliegenpilze (Amanita Muscaria), die den „göttlichen Rausch“ bewirkt haben sollen. Als Beweis dienen ihm vor allem jene Textstellen des Rigveda, bei denen von einem „doppelten“ Genuss des Soma die Rede ist. Ein Umstand, der sich mit Beobachtungen von Sibirien-Reisenden des 18. und 19. Jahrhunderts überschneidet.

Sibirische Riten


So berichtet der Schwede Philipp Johann von Strahlenberg in seinem 1730 auf Deutsch erschienenen Buch „Das Nord- und Östliche Theil von Europa und Asien“, dass sich die Bewohner Sibiriens mit getrockneten Fliegenpilzen in einen intensiven Rausch versetzen – und zwar auf doppeltem Wege: durch direkten Verzehr – wobei die Pilze aufgrund ihres ungenießbaren Geschmacks, der starken Brechreiz auslöste, in Verbindung mit Milch zu sich genommen wurden – als auch durch Urin. Da die Wirkstoffe des Fliegenpilzes in diesem weiterhin enthalten sind, lässt sich die Rauschwirkung über das Trinken des eigenen Urins bis zu sechs Mal hintereinander verlängern. So sehr diese Methode Ekel auslöst, ist sie aus chemischer Sichtweise sogar die sinnvollere. Denn während der Verdauung wird der Wirkstoff Muscarin zu Muscimol abgebaut, das über eine ähnlich starke Rauschwirkung verfügt – ohne jedoch die giftigen Nebenwirkungen auszulösen.

Fabrik des Rauschs

Höller kombiniert diese Thesen mit Fakten aus der Natur. Da Rentiere, die derselben Region entstammen, in der von Strahlenberg seine Beobachtungen anstellte, leidenschaftlich gern Fliegenpilze fressen, muss sich die bewusstseinserweiternde Substanz des Soma in ihrem Urin befinden – und auf diese Weise konsumierbar sein. Die Berliner Ausstellung konzipierte er daraufhin als eine riesige Soma-Fabrik, in der zwölf Rentiere – um Revierkämpfe zu vermeiden, wurden ausschließlich kastrierte, männliche Tiere verwendet – kontinuierlich mit Fliegenpilzen gefüttert werden, die in großen Kühlschränken an den Seiten des Geheges sichtbar aufbewahrt werden. Haben die Rentiere die Pilze verdaut, wird ihr Urin von Wärtern mit metallenen Wannen aufgefangen und anschließend in weiße Plastikflaschen abgefüllt. Auch sie werden in Kühlschränken sichtbar aufbewahrt und bleiben nicht ohne Nutzen. Verfüttert wird das Soma schließlich an die 24 Kanarienvögel, vier Mäuse und zwei Stubenfliegen. Und die werden somit high.

Oder doch nicht? Trotz aller wissenschaftlichen Verweise, vermischt Höller tatsächliche Fakten mit vagen Annahmen und gezielt gestreuten, aber nicht zwangsläufig richtigen Informationen. So entsteht das Kunstwerk schlussendlich in der Wahrnehmung der Besucher, denen die Technologie bei ihren Beobachtungen zu Hilfe kommt: So werden die beiden Fliegen inmitten ihrer gläsernen Boxen von Kameras gefilmt und auf diverse Monitore übertragen. Am nördlichen Ende der Ausstellungshallen laden zwei abgedunkelte Kammern dazu ein, die Rentiere – die durch den Direktkonsum der Pilze ebenso high werden – durch Spionglas zu beobachten, ohne selbst von ihnen gesehen zu werden. Lassen sich die Mäuse, die sich in maßstabsgetreuen Nachbauten eines Kinderspielplatzes aus einem Pariser Vorort bewegen, durch eine Abdeckung aus Plexiglas beobachten, sind die Kanarienvögel in vier großen Volieren untergbracht, von denen jeweils zwei wie eine überdimensionale Waage über dem Rentiergehege miteinander verbunden sind. Doch zwitschern sie tatsächlich „berauschter“ als jene Vögel, die nicht vom Soma gekostet haben?

Schlafen auf der Showbühne


Ob dem wirklich so ist, darüber können die Übernachtungsgäste des „schwebenden Hotelzimmers“ umso direkter spekulieren. Erreicht wird das Zimmer nicht nur über einen schmalen Gang, der zwischen dem zweigeteilten Gehege der Rentiere entlangführt. Auch die erhöhte Position des Bettes auf dem Hochstand, der mit seinen nach oben schmaler werdenden Stufen automatisch an eine Showtreppe erinnert, sorgt für optimale Sicht auf die tierischen Bewohner von Höllers Installation. Betreut wird das Hotel übrigens vom Berliner Hotel Intercontinental, während die kulinarische Versorgung am Abend sowie das Frühstück, das an einem Zweiertisch auf der Besuchertribüne gleich am Eingang zur Ausstellung eingenommen wird, vom Restaurant Sarah Wiener serviert wird.

Eigens für die Übernachtungsgäste wurde zudem ein Badezimmer im östlichen Flügel des Museums vom Berliner Architekturbüro Düttmann & Kleymann eingerichtet, sodass auf Komfort bei dieser ungewöhnlichen Übernachtung nicht verzichtet werden muss. Und wer weiß, vielleicht mögen die Gäste ja auch selbst vom Soma probieren – das ihnen zum direkten und indirekten Genuss in den gläsernen Kühlschränken zu Genüge zur Verfügung steht – und berauscht des Nachts durch die Hallen des Museums wandeln. Was sich in den kommenden Wochen dort zutragen wird, bleibt ein Geheimnis zwischen den Gästen und ihren Beobachtern: den Rentieren. 


„Carsten Höller: SOMA“
Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof
Museum für Gegenwart, Berlin
noch bis zum 06.02.2011


Hinweis: Auch wenn bereits alle Nächte binnen weniger Stunden ausgebucht waren, ist eine Übernachtung noch zu haben. So wird die Nacht des 24. Dezembers in den kommenden Tagen von den Staatlichen Museen zu Berlin verlost. Weitere Informationen zum Wettbewerb finden Sie unter www.somainberlin.org

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Links

Carsten Höller: Soma

Hamburger Bahnhof Berlin – Museum für Gegenwart

www.somainberlin.org

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