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Sichere Kiste – imm cologne 2013

von Norman Kietzmann, 22.01.2013


Die imm cologne (14.-20.01.2013) ist nach fünf Fachbesucher- und zwei Publikumstagen zu Ende gegangen. Im Doppelpack mit der Küchenschau LivingKitchen konnte die Möbelmesse mit 142.000 Besuchern ihre eigenen Prognosen leicht übertreffen. Doch trotz voller Stände und einer sichtlich ausgelassenen Stimmung präsentierten sich die Möbelunternehmen vorsichtig. Ihre Neuheiten wirkten seltsam uniform, als wollten sie sich vor den Besuchern verstecken.

Eine Messe gleicht einem großen Orchester. Nicht nur Pauken, Trompeten und Violinen treffen auf engem Raum aufeinander und schaffen einen harmonischen Klangteppich. Auch vermögen einige Solisten aus dem Heer der Streicher und Bläser hervorzustechen und die Musik in eine neue Richtung zu treiben. Zwischen den Protagonisten besteht eine gegenseitige Abhängigkeit: Ohne die Masse gäbe es keine Soli. Ohne Soli würde die Masse erstarren. Die Symphonie, die die Aussteller der Kölner Möbelmesse imm cologne in der vergangenen Woche aufgeführt haben, bildet eine dritte Kategorie. Denn vor ausverkauftem Haus überfiel die Solisten ein kollektives Lampenfieber. Sie suchten Halt in der Gruppe und spielten ihre Partitur mit leisem, fast unhörbarem Klang.

Gewiss, auch auf dieser Messe gab es einige interessante Stücke zu sehen. Doch viele Hersteller und Designer, die in den vergangenen Jahren verlässlich Spannendes im Gepäck hatten, gaben sich erstaunlich konventionell. „Nicht anecken, nichts wagen oder erst recht nicht provozieren!“, lautete die Losung, der sich unisono selbst die Avantgardisten verschreiben hatten. Zu groß schien die Angst, den langsam an Fahrt gewinnenden Aufschwung der Möbelbranche zu gefährden. Die Messe geriet auf diese Weise zu einem Rennen mit angezogener Handbremse – ein Bild, das zur ausgelassenen Stimmung in den Hallen so gar nicht passen wollte.

Stärkere Internationalisierung

„Trotz des winterlichen Wetters strömten die Besucher in Scharen auf das Messegelände. Wir konnten zahlreiche neue Kontakte und Kunden sowie erfreulich viele Ordertätigkeiten verzeichnen,“ erklärt Dirk-Uwe Klaas, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie. „Die deutliche Steigerung der Anzahl ausländischer Fachbesucher ist ein weiterer wichtiger Baustein für einen dauerhaften und nachhaltigen Erfolg der Messe.“ Um dreizehn Prozent legte der Anteil ausländischer Gäste im Vergleich zum Vorjahr zu, die somit 42 Prozent aller Fachbesucher stellten. Ein respektabler Wert.

Vor allem aus Russland und China war ein deutliches Plus zu verzeichnen. Auch die Niederländer, Belgier, Österreicher, Italiener (Sämtliche Direktflüge aus Mailand waren schon Wochen im voraus ausgebucht) und Schweizer waren stark vertreten. Mit insgesamt 142.000 Besuchern konnte die Messe einen Anstieg um 27.000 Besucher gegenüber 2012 und um 4.000 Besucher gegenüber 2011 verbuchen, als die imm cologne zuletzt von der LivingKitchen begleitet worden war.

Reduktion der Angriffsfläche

Vom Andrang in den Messehallen zeigten sich die Neuheiten weitgehend unbeeindruckt. Anstatt um die Aufmerksamkeit der Besucher zu buhlen, schienen sie sich fast vor ihnen zu verstecken. Gewiss, noch immer bilden Langlebigkeit, Komfort und eine möglichst zeitlose Erscheinung die Dreifaltigkeit der Branche. Doch selten hinterließ das Ergebnis einen ähnlich gleichgültigen Nachgeschmack. Die Formel, mit der viele Hersteller ans Werk gingen, klingt so: Man nehme eine beliebige Produkttypologie und destiliere aus ihr einen zeitlosen Archetyp. Als nächstes übersetze man den Archetyp in Massivholz und kombiniere dessen naturbelassene Oberfläche mit pastellfarbenen Akzenten in Hellblau, Altrosa, Mintgrün oder einem kräftigen Gelb. Stufe Nummer drei: Man finde und addiere eine weitere Funktion auf möglichst versteckte Weise. Und fertig ist das neue Möbelstück!

Wie die Reduktion der Angriffsfläche gelingt, wurde vor allem bei den Tischen deutlich, die fast ausnahmslos mit weichen, abgerundeten Ecken aufwarten. Der Esstisch Flaye beispielsweise, den Jacob Strobel für Team 7 entwarf, kombiniert ein Naturholzgewand mit einer ebenso ausgeklügelten wie unsichtbaren Mechanik. Um die Tischplatte auf bis zu 3,25 Meter zu verlängern, genügt ein simples Ziehen an einem der beiden Tischenden. Ein zweifach patentierter Mechanismus sorgt dafür, dass zwei Einlegeplatten wie von Geisterhand nach oben schwenken und durch ein Zusammenschieben der Tischenden fixiert werden. Der Clou des Produkts liegt in der Unsichtbarkeit sämtlicher technischer Komponenten, während die weichen Konturen die archaische Erscheinung mit einer Prise Gegenwart würzen.

Leichtigkeit und Spiel

Wie eine Perlenkette aus vier ineinander verschlungenen Holzscheiben wirkt der Tisch Itisy, den die junge französische Designerin Philippine Lemaire für Ligne Roset entworfen hat. Mithilfe versteckter Metallgelenke sind die aus massiver Eiche gefertigten Ablagen unsichtbar miteinander verbunden und können seitlich verdreht werden. Das Möbel bietet somit nicht nur eine betont spielerische Handhabung. Es lässt sich ebenso von einer dekorativen Konsole zu einem Esstisch für vier Personen verwandeln.

Holz mit Leichtigkeit zu verbinden, erklärte der niederländische Designer Bertjan Pot zur Mission. Sein Stuhl Buzz für Arco verfügt über eine Sitzschale aus einem 4,5 Millimeter dünnem Furnier, das dreidimensional verformt wurde und von einem schlanken Aluminiumrahmen getragen wird. Der Stuhl schlägt auf diese Weise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Mit seiner offenkundigen Naturholzoptik suggeriert er Langlebigkeit und ist dennoch federleicht und stapelbar wie ein Kunststoffmöbel.

Die Lösung im System


Vor allem Systeme standen auf dieser Messe hoch im Kurs und liefen Einzelmöbeln klar den Rang ab. Statt als klobige Kisten den Raum zu dominieren, überzeugen sie mit filigranem Erscheinungsbild und universeller Anwendbarkeit. Wie dabei die Plattformstrategie der Automobilindustrie als Vorbild dienen kann, zeigte Interlübke mit der Neuausrichtung seiner bisherigen Produktpalette. Im Zuge der Umstrukturierung des Unternehmens (mehr dazu in einem weiteren Interview mit Leo Lübke am Donnerstag) wurden die bisher vier Kommoden-Systeme auf das Cube-Programm von Werner Aisslinger reduziert. Erhältlich in vier verschiedenen Varianten, kann das Programm nun in unterschiedlichen Anwendungen und Preissegmenten zum Einsatz kommen und ermöglicht eine Planung aus einem Guss.

Das neu vorgestellte Wandsystem Cube Play vermag zudem mit farbigen Fronten und der Kombination aus offenen und geschlossenen Volumina Akzente an der Wand zu setzen und klassische Schrank- oder Sideboardlösungen in den Raum zu erweitern. „Natürlich richten wir uns heute anders ein als zur Frühzeit der Schrankwand“, sagt Leo Lübke, Geschäftsführender Gesellschafter von Interlübke, für den Kastenmöbel noch lange nicht zum alten Eisen gehören. „Die Entwicklung geht zu filigraneren, modular aufgebauten Konzepten mit Stauraumfunktion. Vom schranklosen Wohnen sind wir soweit entfernt wie vom papierlosen Büro“, ist Lübke überzeugt.

Klammer zum Raum


Wie es selbst Einzelmöbel zum System-Status bringen können, zeigt die Reedition des Allroundmöbels FK 12 FORTYFORTY von Ferdinand Kramer durch e15. Die farbigen Module dienen einzeln als Beistelltische und können durch simples Stapeln oder Aneinanderreihen zu ganzen Bücherwänden oder Sideboards erweitert werden. Das Prinzip beruht auf einer simplen Grundform, die sich flexibel arrangieren und anwenden lässt, ohne den Raum zu dominieren. In dieser Überschneidung der Typologien wirkt der Entwurf aus dem Jahr 1945 erstaunlich frisch und vermag selbst diejenigen für Kastenmöbel zu begeistern, die bislang einen weiten Bogen um sie gezogen haben.

Viele Neuheiten funktionieren wie Bausteine, die gut verkäufliche Produktfamilien um bislang noch fehlende Elemente ergänzen. Wie das gelingt, zeigt die vom Thonet-Design-Team entwickelte Garderobe S 1520, die mit einem Rahmen aus gebogenem Stahlrohr die Ästhetik der Bauhaus-Freischwinger an die Wand bringt. Während die Möbel von Breuer, Mies & Co. im Nachhinein so zu einem System für alle Lebenslagen erweitert werden, weckt das Stahlrohr unweigerlich Klassiker-Gefühle, obwohl es sich um einen grundlegend neuen Entwurf handelt. Passend zu seiner Sideboard-Familie für Böwer entwarf der Kölner Designer Eric Degenhardt eine Serie wohl proportionierter Aufbewahrungsboxen. Erhältlich in drei verschiedenen Größen, werden die Container aus jeweils einem Stück Massivholz gedrechselt und verfügen über eine betont haptische Oberfläche. Keine Frage, dass auch hier Farbe nicht fehlen darf, um der reduzierten Form ein versöhnliches Gegenüber zu geben.  

Raus aus der Defensive


Was bleibt von dieser imm cologne, sind gemischte Gefühle. Während die Messe wieder fest auf beiden Beinen steht, schlottern den Firmen noch immer die Knie. Gewiss, der Trend zur inszenierten Zeitlosigkeit hält bereits seit einigen Jahren an und wird auch in Zukunft relevant bleiben. Doch die Hersteller tun weder sich noch der Branche einen Gefallen damit, durch Entwürfe ohne Eigenschaften zu einer grauen, pardon: pastellfarbenen Masse zu erstarren. Das Segment, über das wir hier sprechen, spielt schließlich in der oberen bis obersten Preisklasse. Wer weiterhin 10.000 Euro oder mehr für ein Sofa verlangen will, muss Profil zeigen und darf keine halben Sachen machen. Die imm cologne hat dem Neujahrskonzert der Möbelwelt in diesem Jahr ein volles Haus beschert. Das Orchester sollte nun wieder mit dem beginnen, was es ohnehin am besten kann: spielen.

Weitere Beiträge zur Kölner Möbelmesse imm cologne 2013 finden Sie in unserem Special.
Links

imm cologne

www.imm-cologne.de

imm cologne 2012

Zurück im Ring

www.designlines.de

imm cologne 2011

Auf Holz geklopft

www.designlines.de

imm cologne 2010

Die Entgiftung der Form

www.designlines.de

imm cologne 2009

Der Klüngel ist aus

www.designlines.de

imm cologne 2008

In der Zeitschleife

www.designlines.de

imm cologne 2007

Der Glanz von gestern

www.designlines.de

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